Bern Nur wer sät und pflanzt, kann auch ernten. Was dabei nicht zu vergessen ist: Nur wer Saat- und Pflanzgut hat, kann auch säen und pflanzen. Als Ursprung der pflanzlichen Produktion hat Saat- und Pflanzgut einen wichtigen Stellenwert. Sowohl für die Ernährungssicherheit als auch für die Ernährungssouveränität ist qualitativ einwandfreies Saatgut von grosser Bedeutung.

An die regionalen klimatischen Bedingungen angepasst und den inländischen Marktverhältnissen entsprechend, hohe Erträge liefernd, aber gleichzeitig ressourcenschonend und krankheitsresistent – all das muss das Saatgut sein und schaffen. So sind es bis zu dessen Entstehung auch unzählige Stufen, in die viele verschiedene Akteure involviert sind und die sich für die Produktion und Qualitätssicherung einsetzen. Höchste Zeit also, ein Schlaglicht auf die so wichtigen Samen zu werfen.

Schweizer Anteil im Samen

Die inländische Produktion von Saatgut ist aus vielerlei Hinsicht sinnvoll. Zum Einen kann mit zertifiziertem Saatgut die Rückverfolgbarkeit der Herkunft gewährleistet werden. Zum Anderen kann so der Verschleppung von Schadorganismen entgegengewirkt werden. Auch die kurzen Transportwege und der Erhalt einer Wertschöpfungsstufe sprechen für die Produktion im Inland.

Hinter der kommerziellen Saatgutproduktion in der Schweiz stehen hauptsächlich Landwirte, zum Beispiel Beat Schürch aus Büren zum Hof BE. Auf seinem Betrieb produziert er Pflanzkartoffeln und Saat-Dinkel (siehe Kasten). Beim Import von Saat-und Pflanzgut wäre es um jeden Franken schade, sagt Schürch. Zu welchem Grad sich die Schweiz mit Saat- und Pflanzgut selbst versorgen kann, ist je nach Pflanzenart sehr unterschiedlich. Bei Getreide und Kartoffeln kann die Schweiz auf eine sehr hohe inländische Produktion zurückgreifen. Dies im Gegensatz zu Raps, Sonnenblumen und Rüben – bei diesen Kulturen ist die Schweiz zu fast 100 Prozent von ausländischen Vermehrern abhängig. Noch bevor das Saatgut vermehrt werden kann, müssen die Sorten erst gezüchtet werden.

Nationale Züchtung

Die Schweizer Züchtungsbranche beherbergt im internationalen Vergleich kleine bis sehr kleine Unternehmen. Insgesamt sind es 14 private Unternehmen, die sich an der Züchtung beteiligen. Dabei liegt der Fokus auf der Erhaltungszüchtung und der Vermehrung der Sorten. Hinzu kommen die öffentliche Züchtungsanstalt Agroscope und die Delley Samen und Pflanzen AG (DSP), deren Aktivitäten halb-öffentlich sind.

Zusammen bearbeiten sie 50 Pflanzenarten, wobei 20 Arten im Zuchtprogramm der Agroscope stehen. Dennoch sind noch lange nicht alle Kulturen abgedeckt. Staatlich unterstützt werden vor allem die Züchtungen von Weizen, Futterpflanzen und Mais. Auch Reben-, Apfel- und Sojasorten werden zunehmend gefördert. Für Raps, Zuckerrüben, Gerste und Kartoffeln hingegen bestehen zurzeit keine Zuchtprogramme. In die Pflanzenzüchtung werden in der Schweiz jährlich zehn Millionen Franken investiert. Dabei stammt die Finanzierung zu 40 Prozent aus öffentlichen Geldern. Die Konkurrenz von ausländischen Züchtungsfirmen ist stark und eine grosse Menge des Saatguts wird aus dem Ausland bezogen.

Aktuell importiert die Schweiz Saat- und Pflanzgut von 43 internationalen Züchtungsunternehmen. Im Agrarabkommen zwischen der EU und der Schweiz sind die gegenseitige Anerkennung der Sortenzulassung und das Inverkehrbringen von Saatgut fest-gehalten. Zur Kooperation aller Akteure der Schweizer Pflanzenzüchtung ist im Massnahmenplan zur Pflanzenzüchtung 2050 der Aufbau eines Kompetenzzentrums mit dem Namen «Swiss Plant Breeding Center» (SPBC) vorgesehen. Die Idee dahinter: Die Grundlagenforschung mit der praktischen Züchtung verbinden und die nationale sowie internationale Vernetzung fördern.

Die Aufnahmeprüfung

Die Kommerzialisierung von in- und ausländischen Sorten bedingt eine offizielle Zulassung. Dafür müssen die Sorten die Anforderungen an Unterscheidbarkeit, Homogenität und Stabilität erfüllen. Bei Ackerkulturen steht ausserdem die Sortenprüfung an. Für die Prüfung von agronomischen Eigenschaften ist Agroscope verantwortlich. Zusammen mit Branchenorganisationen (Swisspatat, Swiss Granum usw.) und teilweise in Kollaboration mit kantonalen Partnern werden die Sorten auf ihre Eignung für Schweizer Verhältnisse getestet.

Basierend auf den Resultaten der systematischen Anbauversuche der Sortenprüfung wird die Liste der empfohlenen Sorten erstellt. Die empfohlene Sortenliste wird alle zwei Jahre revidiert. Ist eine Sorte einmal registriert, kann ein Sortenschutz beantragt werden. Die Vermehrung und der Vertrieb des Saatguts sind dann an eine Genehmigung des Sorteninhabers und an eine Lizenzgebühr gebunden. Die Lizenzeinnahmen spielen eine grosse Rolle für die Züchtung. So konnte DSP im Jahre 2017 insgesamt 3,44 Millionen Franken mit Lizenzen erwirtschaften.

Freigabe für den Handel

Zertifiziert wird das Saatgut ebenfalls von der Agroscope. Getreide, Mais, Körnerleguminosen wie auch Futterpflanzen werden von der Anerkennungsstelle in einem mehrstufigen Prozess zertifiziert. Die Umsetzung der Saatgutzertifizierung geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Saatgutproduzentenverband Swisssem. Der Verband besteht aus ungefähr 1400 Saatgutproduzenten, welche regional in Vermehrungsorganisationen zusammengeschlossen sind.

«Der Import ist um jeden Franken schade.»

Beat Schürch, Saatgutproduzent

Die Aktivitäten von Swisssem umfassen sieben Hauptkulturen (Kartoffeln, Getreide, Matten-klee, Gräser, Eiweisserbsen, Soja und Mais) und zehn alternative Kulturen wie Buchweizen, Mohn und Linsen. Die Vermehrungsorganisationen erfassen die Vermehrungsflächen der Saatgutproduzenten in einer Datenbank. Dies ermöglicht die Feldbesichtigungen von Vorstufen- und Basissaatgut und die Probenahme von Saatgutposten. Die Proben werden im Saatgutprüflabor von Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) der Saatgutqualitätsprüfung unterzogen. Jährlich sind das zirka 3000 Saatgutmuster. Mindestanforderungen in Keimfähigkeit müssen erfüllt sein, aber auch die technische Reinheit und die Abwesenheit von fremden Samen müssen gewährleistet sein. Bio-Saatgut wird zusätzlich auf den Befall von samenbürtigen Krankheitserregern geprüft.

Z-Saatgut Suisse

Für den Export von Saatgut in EU-Länder sind ISTA-Zertifikate vorgeschrieben. Die Internationale Vereinigung für Saatgutprüfung (ISTA) wurde im Jahre 1924 zum Zweck eines internationalen Saatgutstandards von der Schweiz mitgegründet. Mit dem Zertifikat von ART ist das Saatgut für den europäischen Handel freigegeben. Die Einfuhr in Länder ausserhalb Europas ist hingegen nur mit einem zusätzlichen OECD-Zertifikat erlaubt.

Saat- und Pflanzgut, das in der Schweiz durch Mitglieder von Swisssem produziert und amtlich zertifiziert wurde, darf mit dem Label «Z-Saatgut Suisse» bezeichnet und in Verkehr gebracht werden. Importiertes Saatgut ist von diesem Label ausgeschlossen, da gezielt inländisches und zertifiziertes Saatgut gefördert werden solle. Der Bericht der BLW-Tagung im 2018 über die wirtschaftliche Bedeutung der Saat- und Pflanzgutproduktion besagt, dass die Label-Programme ihre Früchte tragen. Im Vergleich zu den Nachbarländern sei die Saatguterneuerung in der Schweiz sehr hoch.

Samenausbreitung im Markt

Das produzierte Saatgut gelangt grösstenteils über Samenhändler in den Markt. Hier kommt die Fenaco ins Spiel. Sie vertreibt das Saatgut in grossem Stil über eigene Vertriebsstellen. Doch auch andere Händler wie die Unter-nehmen Eric Schweizer, Otto Hauenstein Samen AG und Samen Steffen AG bieten dieselben Dienstleistungen an. Nur die beiden Firmen Varicom und Syngenta vertreiben ihre Produkte über eigene Kanäle. Syngenta ist als einziger Akteur in der gesamten Wertschöpfungskette präsent.