Dass Pflanzenschutzmittel (PSM) Auswirkungen auf den Boden haben, ist naheliegend und in manchen Fällen auch gewollt. Beizmittel beispielsweise sollen Korn oder Knollen vor bodenbürtigen Erregern schützen. Aber es gelangen diverse Mittel auf und in den Boden. Eine europaweite Studie unter Co-Leitung der Universität Zürich zeigt nun, was gängige Wirkstoffe mit dem Bodenleben anstellen können.

«Sehr grosse Umweltbelastung für Böden»

«Die schädlichen Auswirkungen verschiedener PSM auf Vögel, Bienen und andere Insekten sind seit langem bekannt und dokumentiert», teilt die Universität mit. «Unsere Studie zeigt darüber hinaus, dass PSM auch für unsere Böden eine sehr grosse Umweltbelastung darstellen», lässt sich die spanische Forscherin und Mitautorin Maria Briones zitieren. Da einige Wirkstoffe schwer abbaubar sind, bleiben sie jahrelang im Boden und haben entsprechend langfristige Auswirkungen auf das Bodenökosystem.

Fungizide am weitesten verbreitet

Das internationale Forscherteam hat 373 Bodenproben aus ganz Europa inklusive Grossbritannien untersucht und die Konzentration von 118 Wirkstoffen bestimmt. Über fünf Ökosystemtypen tauchten dabei 63 verschiedene PSM auf, 70 Prozent der analysierten Proben enthielten Rückstände von einem Produkt oder von mehreren. Am weitesten verbreitet waren Fungizide, gefolgt von Herbiziden und Insektiziden. Die höchsten Gesamtkonzentrationen traten in landwirtschaftlich genutzten Böden auf (bis zu rund 2,5 mg/kg).

Glyphosat-Abbauprodukt besonders häufig

Was die Anzahl betroffener Standorte angeht, schwingt AMPA deutlich oben aus. Diese Substanz entsteht beim Abbau von Glyphosat sowie verschiedenen Reinigungs- und Kühlmitteln. AMPA wird im Boden langsamer abgebaut als Glyphosat, womit sich hohe Umweltkonzentrationen erklären lassen. Ebenfalls häufig waren Boscalid und Epoxiconazol (Fungizide) sowie Pendimethalin (ein Herbizid).  Boscalid und Pendimethalin sind – wie Glyphosat – auch in der Schweiz zugelassen.

Bodenorganismen mit negativer Auswirkung auf Pflanzen profitieren

Abo Analyse Pflanzenschutz: Gift ist Gift, auch wenn es zugelassen ist – wie gehen wir damit um? Samstag, 17. Januar 2026 Verschiedene Bodenpilze wurden den Analysen zufolge am meisten durch PSM-Rückstände in Mitleidenschaft gezogen. Fungizide reduzieren ihre Diversität, betrafen aber auch andere Gruppen wie Einzeller, Fadenwürmer, Gliederfüsser, Archaea und Bakterien. Herbizide zeigten in höheren Konzentrationen negative Effekte auf arbuskuläre Mykorrhiza und bakterivore Fadenwürmer, während Pflanzenparasiten, herbivore Fadenwürmer und Pilz-Pathogene davon profitierten. Ein ähnliches Muster wies auch Glyphosat auf.

Mehr Dünger nötig wegen PSM-Einsatz?

Die Studie hat die Wirkung von PSM auf die Funktionen des Bodenlebens anhand von Genen untersucht. Demnach sind die Folgen auf Prozesse des Nährstoffkreislaufs – etwa die Denitrifikation – besonders gross. «Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Einsatz von PSM die natürliche Nährstoffversorgungs-Funktion des betroffenen Bodens beeinträchtigt und eine zusätzliche Düngung erforderlich ist, um die Erträge aufrechtzuerhalten», sagt Marcel van der Heijden. Der Bodenökologe ist an der Uni Zürich und bei Agroscope tätig und Mitautor der Studie.

Gewisse Angaben fehlen für die Interpretation

Jeder Boden ist anders und damit auch die Gemeinschaft an (Mikro)Organismen darin. Trotzdem erklärten PSM-Konzentrationen in den datenbasierten Modellen der Forschenden bis zu 29,5 Prozent der Unterschiede in Landwirtschaftsböden – mehr als Umweltaspekte. Für die Pilzdiversität war dieser Faktor gar der wichtigste, für zahlreiche weitere Gruppen weist die Studie einen Einfluss nach. Die Autoren räumen jedoch ein, dass Informationen zu den eingesetzten PSM-Mengen, Tankmischungen und Ausbringungszeitpunkten fehlen. Somit könnten die Effekte von PSM nicht von jener einer generell intensiven Bewirtschaftung unterschieden werden, heisst es in der Forschungsarbeit. 

Getreide-Fungizid mit breiten, negativen Nebeneffekten

Abo Totalrevidierte Pflanzenschutzverordnung «Wir übernehmen EU-Zulassungen nicht blind, sondern machen die Arbeit nicht mehr doppelt» Samstag, 17. Januar 2026 «Mykorrhiza-Pilze, die für unsere Nutzpflanzen wichtig sind, sind besonders von PSM betroffen», fasst Marcel van der Heijden die neuen Forschungsergebnisse zusammen. Besonders schädlich sei das Fungizid Bixafen, heisst es in einer Mitteilung der Uni Zürich. Es beeinträchtigt eine ganze Reihe von Bodenorganismen und ist in der Schweiz in verschiedenen Produkten zugelassen, z. B. für Getreide.  

Die Forschenden plädieren nun dafür, dass in ökotoxikologischen Beurteilungen auch die Effekte von PSM auf Ebene der Lebensgemeinschaften und ihrer Funktionen für den Boden zu berücksichtigen sind. Das müsse in die aktuelle Regulierung von PSM einfliessen.

Die Leitlinien werden angepasst

Tatsächlich ist auf Ebene EU eine Revision der Umweltverträglichkeitsprüfung von Wirkstoffen im Gang. Ende Januar 2026 endete die öffentliche Konsultation zu einer Aktualisierung der Leitlinien, die zur Bewertung der Auswirkungen auf Nichtziel-Gliederfüsser, Nichtziel-Pflanzen und Bodenorganismen zum Einsatz kommen. Im Auftrag der EU-Kommission arbeitet die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) u.a. daran, die Effekte von PSM auf den Stickstoffkreislaus im Boden künftig zu berücksichtigen.

Die Schweiz übernimmt seit der Revision der Pflanzenschutzmittel-Verordnung Zulassungsentscheide über Wirkstoffe direkt von der EU. Damit sind Änderungen in den Leitlinien der EFSA auch hierzulande relevant. Wann das in die Umsetzung kommt, ist derzeit unklar.