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Landwirte sehen schwarz: Bauerncoach rät zu mehr Dialog

Gegenwärtig tobt ein polarisierter Meinungsstreit um den Urnengang vom 13. Juni, weitere Agrar-Initiativen sind unterwegs. Wie kommen solche Debatten bei den Bauernfamilien an? Wir haben mit Ernst Flückiger, einem langjährigen Berater und Coach gesprochen. Flückiger berichtet von haarsträubenden Begegnungen und vermisst die nötige Sachkompetenz in den Auseinandersetzungen.


Geht es den Bauernfamilien heute schlechter als vor 10 oder 20 Jahren?
Ernst Flückiger: Ja, ich habe den Eindruck, dass es heute vielen Bauernfamilien schlechter geht als vor 10, 20 Jahren. Dabei stellt sich auch die Frage, wie man als einzelner, als Paar und als Familie mit zusätzlichem Druck umgehen kann. Ich denke dabei an die sogenannte Resilienz.

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück, woran liegt es, dass dieser Druck laufend zunimmt?
Belastung und Druck auf die Bauernfamilien haben in den letzten Jahren erkennbar zugenommen. Ich denke vor allem an die Bereiche wirtschaftlicher Druck und permanente Arbeitsüberlastung. Daraus resultiert zu wenig Zeit für Partnerschaft und Familie, was zu zusätzlichem Stress führen kann. Neu ist der zunehmend diffuse Druck und Vorwürfe seitens der Gesellschaft, für vieles was falsch läuft, schuld zu sein. Zudem hat der finanzielle Druck auf vielen Betrieben zugenommen. Die Preise sind in den letzten 20 Jahren praktisch bei allen Produkten gesunken. Andererseits steigen die Produktionskosten und die Anzahl der einzuhaltenden Vorschriften laufend. Damit die Bauernfamilien ihre laufenden Rechnungen bezahlen und notwendige Investitionen auf dem Betrieb betätigen können, müssen viele von ihnen zusätzliche Arbeiten ausserhalb des Betriebes übernehmen. Bauernfamilien, welche Kühe, Pferde, Schweine, Hühner und andere Tiere halten, sind sieben Tage in der Woche gefordert, die anfallenden Stallarbeiten zu besorgen. Viele Bäuerinnen und Bauern haben pro Woche 60, 70 oder mehr Stunden Arbeit.

«Schuld an allem was falsch läuft: Neu ist der zunehmend diffuse Druck und Vorwürfe seitens der Gesellschaft.»

Zusätzlich zur Arbeit auf dem Betrieb und im Job auswärts kommen die Haushaltarbeiten, die oft von der Bäuerin «nebenbei» bewältigt werden müssen. Lernende und Angestellte essen und wohnen oft auf dem Betrieb. Der laufend steigende administrative Aufwand zur Dokumentation der mehreren hundert einzuhaltenden Vorschriften ist zeitaufwändig und für viele eine grosse zusätzliche Last. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Bäuerinnen und Bauern häufiger Burnouts auftreten als bei der übrigen Bevölkerung. Aufgrund der sehr grossen permanenten und vielfältigen Belastung ist dies verständlich. Persönlich begleite ich als Coach laufend Frauen und Männer aus der Landwirtschaft, denen das Ganze zu viel wird und die wegen einem Burnout, einer Depression oder einem Zusammenbruch in einer Klinik Zuflucht und Unterstützung suchen müssen. Dieser Trend ist am Zunehmen.

Agrarinitiativen2 von 3 Landwirtinnen und Landwirten bereiten die am 13. Juni zur Abstimmung gelangenden Initiativen am meisten Sorgen.

Gibt es berechtigten Druck und «unnötige Belastungen», wenn man dies so unterscheiden kann? Um solche Burnouts und Zusammenbrüche zu vermeiden, könnte dies weiterhelfen.
Als «berechtigter Druck» würde ich all die Massnahmen bezeichnen, die zur Reduktion der Umweltbelastung zweifellos umgesetzt werden müssen. Jeder Bauernfamilie ist es ein grosses Anliegen, die Natur als Lebensraum von Menschen, Tieren und Pflanzen in einem gesunden Zustand erhalten und an die nächste Generation weitergeben zu können. Dazu gehört selbstverständlich sauberes Trinkwasser. Dass zum Beispiel beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Antibiotika in der Tierhaltung ein Umdenken stattfinden muss, ist jeder Bauernfamilie klar. Die Landwirtschaft hat diesbezüglich in den letzten Jahren bereits viel unternommen und kann dies auch belegen. So ist zum Beispiel die Glyphosat-Verkaufsmenge in der Schweiz in den letzten zehn Jahren bereits um 63 Prozent gesunken. Und der Einsatz von Antibiotika in der Veterinärmedizin ist in den vergangenen 10 Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Als «unnötige Belastungen» möchte ich folgende Bereiche aufgreifen. Da wären interne, selber aufgebaute Belastungen. Arbeitsabläufe können oft optimiert werden, der Maschinenpark ist im Vergleich zu ähnlichen Betrieben im Ausland oft überdimensioniert. Grössere Maschinen könnten noch stärker überbetrieblich eingesetzt und so die Maschinenkosten gesenkt werden. Betriebszweige, die finanziell wenig bringen, könnten aufgegeben werden. Weiter gibt es unnötige Belastungen, die von aussen kommen. Der gesellschaftliche Druck, Vorwürfe seitens der Konsumenten, die aufgrund von fehlendem Wissen gemacht werden. Oder rücksichtsloses Verhalten. Hundekot und Abfälle, die beim Picknick liegen gelassen, in Wiesland oder gar einfach aus dem Auto geworfen werden.

«Täglich hören wir, dass Bauern Gewässer und Luft verschmutzen oder die Natur zerstören.»

Inwiefern spiegelt sich der wachsende Druck in der aktuellen Debatte?
Dieser Druck hat in den letzten Jahren eindeutig zugenommen. Das zeigen unter anderem die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative. Die Anliegen der Initianten sind zwar durchaus gut gemeint. Beide sind aus meiner Sicht jedoch nicht zielführend. Je näher wir dem Abstimmungsdatum kommen, desto mehr zeigt sich, dass die Initianten wohl einfach über zu wenig Kenntnisse der komplexen Materie Land- und Ernährungswirtschaft verfügten, als sie die Initiativtexte verfasst haben. Das Thema Land- und Ernährungswirtschaft wird aus meiner Sicht in den Medien oft auch nicht objektiv und mit der notwendigen Sachkompetenz dargestellt. Durch einseitige Medienberichte entstehen in der breiten Bevölkerung falsche Vorstellungen über die Landwirtschaft. Auch Werbebilder der Detailhändler haben oft wenig Bezug zum realen Leben auf einem Bauernhof.

«Viele Bauernfamilien bangen bei einer Annahme um ihre Existenz.»

Sie haben vermehrt von Anfeindungen der Bauernfamilien durch die Bevölkerung gesprochen.
In der letzten Zeit haben mir vermehrt Landwirte von konkreten Anfeindungen berichtet. Im direkten Kontakt mit Hundehaltern stelle ich zum Beispiel selber fest, dass das Verständnis, dass Hundekot in einer Wiese nichts zu suchen hat, nicht immer vorhanden ist. Eine Wiese ist Futter für Milch- und Mutterkühe, das eine einwandfreie Qualität aufweisen muss und nicht von Hundekot verschmutzt werden darf. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass auch die meisten biologischen Fungizide, Insektizide oder Düngemittel mit einer Feldspritze ausgebracht werden müssen. Wenn ein Landwirt oder eine Landwirtin mit einer Feldspritze unterwegs ist, kann es durchaus sein, dass in seinem Behälter Komposttee enthalten ist, den er auf die Kulturen verteilt.

«Jeder Bauernfamilie ist es ein grosses Anliegen, die Natur als Lebensraum von Menschen, Tieren und Pflanzen in einem gesunden Zustand erhalten und an die nächste Generation weitergeben zu können.»

Wie wirkt sich dieser Druck auf die Psyche der Bauern und Bäuerinnen aus?
Im Coaching teilen mir vermehrt Bäuerinnen und Bauern mit, dass sie diesen Druck und vor allem die ungerechtfertigten Vorwürfe fast nicht mehr aushalten könnten. Eine Bäuerin hat mir gesagt: «Ich traue mich fast nicht mehr ins Dorf zu gehen. Täglich hören wir in den Medien, dass wir Bauern die Gewässer und die Luft verschmutzen und die Natur zerstören. Dabei pflegen wir unsere Böden, die Kulturen und unsere Tiere mit grosser Sorgfalt und Liebe». Ein Landwirt hat mir kürzlich berichtet, dass er mit Traktor und Güllefass auf seinem eigenen Feldweg unterwegs gewesen sei. Eine Gruppe von entgegenkommenden Bikern habe angehalten und bei der Vorbeifahrt demonstrativ mit beiden Händen die Nase zugedrückt. Mist und Gülle gehören nun einfach zur Tierhaltung. Vor allem Bäuerinnen berichten mir, dass sie seitens Konsumentinnen, aber vor allem auch von den Medien jegliche Wertschätzung vermissen würden. Dass es die Bauernfamilien sind, die die Natur pflegen und erhalten und dadurch den Mitmenschen aus der Stadt einen wunderbaren Naherholungsraum bieten, ist vielen nicht mehr bewusst. Die mit viel Liebe gepflegten Gärten vor vielen Bauernhäusern werden zwar gerne fotografiert, aber Lob und Anerkennung für die dahintersteckende Arbeit hört man immer weniger. Dass das Wiesland und die mit Sorgfalt gepflegten Ackerkulturen, Obstbäume und Beerenanlagen die Rohprodukte für unser tägliches Essen darstellen, ist vielen Leuten nicht mehr bewusst.

«Landwirtschaft und Bevölkerung müssen vermehrt aufeinander zugehen, das Gespräch suchen und Verständnis schaffen.»

Eine Umfrage der Bauernzeitung zeigt, dass rund 2 von 3 LandwirtInnen das Image der Bauern in der Gesellschaft und die am 13. Juni zur Abstimmung gelangenden Initiativen am meisten Sorgen bereiten. Was bedeutet das für Bauern und Bevölkerung?
Es ist leider feststellbar, dass es in der kleinen und dicht besiedelten Schweiz zunehmend eine Entfremdung gibt zwischen der Landwirtschaft und der übrigen, mehrheitlich städtischen Bevölkerung. Menschen aus der Stadt und den Agglomerationen haben – verständlicherweise – oft kaum mehr Kenntnis und Verständnis für die Arbeit und das Leben der Bauernfamilien. Dies kann zu Konflikten führen. Mit den Initiativen wollen nun die Initianten den Bauernfamilien vorschreiben, wie sie ihre Betriebe bewirtschaften sollen. Der Titel «Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» tönt sehr gut. Da kann man doch nicht dagegen sein. Aber den allermeisten Leuten ist viel zu wenig bewusst, was die Annahme dieser Initiative für die einzelnen Landwirtschaftsbetriebe für Folgen hätte. Die Initianten sind offensichtlich empört darüber, dass die Bio-Suisse die Nein-Parole gegen die Trinkwasserinitiative beschlossen hat. Auch Urs Niggli, anerkannte Persönlichkeit aus der Bio-Branche und ehemaliger Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau, beurteilt die beiden Initiativen kritisch und lehnt sie ab. Ein völliger Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz innerhalb von acht Jahren ist aus seiner Sicht unmöglich. Viele Bauerfamilien haben deshalb Angst vor dieser Abstimmung, weil sie befürchten, dass eine Annahme für ihren Betrieb kaum bewältigbare Auswirkungen zur Folge hätte. Auch viele Biobetriebe wären davon betroffen. Recht viele Bauernfamilien bangen bei einer Annahme um ihre Existenz. Es ist deshalb dringend notwendig, dass die Landwirtschaft und die übrige Bevölkerung wieder vermehrt aufeinander zugehen, das Gespräch suchen und Verständnis schaffen für die «Welt» und Bedürfnisse der anderen.

Zur Person

Ernst Flückiger, Ingenieur Agronom ETH, war jahrelang als Lehrer, Berater, Coach und Führungskraft tätig, heute übernimmt er Coachings im Mandatsverhältnis. In diesen Funktionen hat er Bauernfamilien bei der Weiterentwicklung ihrer Betriebe und der Bearbeitung persönlicher und zwischenmenschlicher Herausforderungen begleitet. Dank der Mitarbeit in verschiedenen Projekten, Coaching von Personen aus der übrigen Wirtschaft und persönlicher Kontakte ist er auch gut vertraut mit den Anliegen und Herausforderungen der Konsumentinnen und Konsumenten. Flückiger ist verheiratet. Seine freie Zeit verbringt er am liebsten mit seiner Frau und den Enkelkindern in der freien Natur.

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