1. Du hast nie wirklich ausgeschlafen
Nicht weil es verboten war, sondern weil es der Stall nicht zuliess. Um halb sechs, wenn die Schulkollegen noch schliefen, warst du längst im Stall. Verantwortung hast du nicht aus einem Lehrbuch gelernt, sondern weil ein lebendes Wesen auf dich gewartet hat.
Auf Bergbetrieben kam das Wetter dazu. Ein aufziehendes Gewitter über dem First, und der ganze Betrieb war in Bewegung. Heu reinholen, Tiere einstallen, Geräte sichern. Das war kein Drama, sondern einfach Alltag. Und du mittendrin, acht Jahre alt, mit der Heugabel, die eigentlich noch zu gross für dich war.
2. Du hast Ferienaufsätze gehasst
Während die Klassenkameraden von Rimini erzählten, warst du auf der Alp. Oder auf dem Feld. Oder du sassest auf dem Anhänger, die Beine baumelnd, während der Vater den Hürlimann durch die Parzellen lenkte.
Wenn du in der Schule einen Aufsatz schreiben musstest über «Meine Sommerferien», hattest du jedes Jahr dasselbe Problem: Es war schön, aber du wusstest nicht, wie du «zweiten Schnitt» auf Hochdeutsch für alle verständlich klingen lassen sollst.
Besonders auf Bergbetrieben war der Sommer der grosse Takt des Jahres. Der Alpaufzug war damals noch kein Tourismusanlass. Die Kuhglocken hast du nicht als malerisches Klischee wahrgenommen. Du wusstest genau, welche Glocke zu welcher Kuh gehörte, und du hörtest sofort, wenn eine fehlte.
3. Du wusstest mit zehn Jahren, woher das Fleisch kommt
Nicht als Schock, nicht als Trauma. Einfach als Tatsache. Der Tränker, dem du im Frühjahr den Kessel Milch gabst, war im Herbst nicht mehr da. Die Eltern haben es nicht beschönigt, aber auch nicht dramatisiert. Was manche als Härte missverstehen, war in Wirklichkeit Respekt vor dem Tier, vor dem Leben, vor einem Kreislauf, dem wir alle angehören.
Dass Essen nicht selbstverständlich ist, wusstest du früh. Dass hinter jedem Stück Käse ein Mensch steckt, der früh aufgestanden ist, auch. Das hast du nicht vergessen, egal wie weit du vom Hof weggezogen bist.
4. Dein Spielplatz hatte keine Aufsichtsperson
Strohballen als Festung, der Heuboden als geheimes Reich, die Scheiterbeige als Rückzugsort. Du hast Kälber getränkt, bevor du Velo fahren konntest. Du hast Zäune geflickt, Melkmaschinen gereinigt, Eier gesammelt, und hattest dabei nie das Gefühl, dass das Arbeit war. Es war einfach das Leben.
Auf Bergbetrieben kam die Topografie dazu. Du kanntest jeden Stein auf der Wiesenparzelle oberhalb des Hofes, wusstest wo die Quelle war, die bei Trockenheit versiegte, und wo der Hang im Frühling als Erstes auftaute. Dieses Wissen stand nirgends geschrieben. Du hast das einfach gewusst.
5. Du hast nach Stall gerochen – und es als Letzter gemerkt
Irgendwann in der Oberstufe kamst du ins Schulzimmer und jemand rümpfte die Nase. Du schautest dich um. Alle schauten dich an. Die Gummistiefel waren draussen gewesen, das Hemd frisch, aber irgendetwas hatte den Stall mitgebracht.
Was dich wirklich störte: dass du zu Hause fragtest, ob du riechst, und die ganze Familie sagte – «nei, überhoupt ned» – und dabei völlig ehrlich war. Sie rochen es alle nicht mehr. Ein kollektiver Verlust des Geruchssinns, die ausschliesslich Stallgeruch betraf.
Dasselbe galt für die Hände. Schulkollegen aus dem Dorf hatten Hände wie aus dem Katalog. Deine sahen aus wie ein Werkzeugprospekt, und du warst sechzehn. An der Chilbi hast du dich kurz gefragt, ob das ein Problem ist. Dann dachtest du: Eigentlich nicht.
6. Du weisst, was es heisst, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht
Nicht aus der Schule, nicht aus dem Sport. Sondern weil der Hagel kam und man am Morgen auf die Felder ging und sah, was übrig geblieben war. Weil eine Kuh nicht aufstand und der Tierarzt den Kopf schüttelte. Weil der Milchpreis wieder sank und die Eltern abends am Küchentisch still beieinandersassen.
Du hast nicht mitgeredet. Aber du hast gespürt, was es bedeutet, wenn ein ganzes Jahr Arbeit von Dingen abhängt, die man nicht kontrollieren kann. Wetter, Markt, Politik. Das hat dich nicht gebrochen. Es hat dir eine Erdung gegeben, die man nicht kaufen kann. Eine Gelassenheit, die weiss: Es war schon schwieriger. Und wir haben es trotzdem hingekriegt.