Rechtsextremismus in der Landwirtschaft – Wegschauen darf keine Option sein

In Deutschland suchen Rechtsextreme vermehrt den Kontakt zur Landwirtschaft und insbesondere zur Bio-Szene. Ein Szenario, das auch in der Schweiz möglich wäre. Was landwirtschaftliche Betriebe und Verbände dagegen unternehmen können, analysiert unsere Praktikantin Anna Ewe.

Dass rechtsextreme Aussagen nicht nur von Nazis mit Glatze und Springerstiefeln stammen, sondern auch mal auf dem Bioacker fallen, habe ich schon am eigenen Leib erlebt. So wurde mir während meines Praktikums auf einem Biohof, als wir Radieschen ernteten, von der angeblich jüdischen Weltverschwörung erzählt. Bei einem Wildpflanzen-Workshop ein paar Jahre später wurde unkritisch aus den Anastasia-Romanen zitiert. Diese werben mit der Gründung von ein Hektar grossen Familienlandsitzen für die Selbstversorgung und ein Leben im Einklang mit der Natur, enthalten aber auch viele antisemitische und rassistische Passagen.

Einzelfälle könnte man abwinken und ja, was die Schweiz betrifft, hat man mit dieser Aussage sogar recht. Die Szene der völkischen Siedler(innen), d.h. Rechtsextreme, die sich gezielt im ländlichen Raum ansiedeln und dort Landwirtschaft und altes Handwerk betreiben, begrenzt sich bisher auf Deutschland. In der Schweiz könne laut dem Extremismusexperten Samuel Althof bisher nur von rechtsextremen Einzelpersonen berichtet werden, die Bauernhöfe als Rückzugsräume nutzen. Von einer organisierten Szene könne aber nicht die Rede sein.

Klare Distanzierung von rechtsextremen Haltungen

Rechtsextreme gibt es in der Schweiz aber dennoch, und wie Erfahrungsberichte aus den deutschen Bioverbänden und Forschungen zeigen, bilden die biologische Landwirtschaft und gerade Themen wie Regionalität, Heimat, Handarbeit und bäuerliche Traditionen Anknüpfungspunkte für Rechtsextreme. Es besteht also die Möglichkeit, dass in Zukunft auch in der Schweiz rechtsextreme Akteure den Kontakt in die Bioszene und zu Landwirtschaftsbetrieben suchen. Was also tun?

Auch wenn Begriffe wie Regionalität, Heimat und Tradition Rechtsextreme anlocken, sollten landwirtschaftliche Produkte weiterhin mit diesen Begriffen beworben werden dürfen. Denn zum einen geht der Trend zu regionalen Lebensmitteln weit über die völkische Szene hinaus. Und zum anderen muss man Begriffe und Wörter nicht den Rechtsextremen überlassen. Indem sich Betriebe und Verbände aber deutlich für Demokratie, Vielfalt und Toleranz und gegen diskriminierendes Verhalten positionieren, wird klar, dass sie diese Begriffe nicht in einem rechtsextremen Kontext verwenden. Veröffentlicht werden können diese Positionierungen z. B. auf der eigenen Website oder in den Statuten eines Verbandes. Für Bio Suisse sollte das keine allzu grosse Sache sein. Auf ihrer Website besteht bereits eine Rubrik zu ihren Haltungen, in der sie zu den unterschiedlichsten Themen Stellung beziehen.

Bei Worten darf allerdings nicht stehen geblieben werden, sondern ihnen müssen auch Taten folgen. Sonst handelt es sich wie beim Schweizer Verein der Familienlandsitze nur um leere Versprechungen. Der Verein distanziert sich zwar laut Georg Schmid von Relinfo, der Evangelischen Informationsstelle zu Kirchen, Sekten und Religionen, von den Diskriminierungen in den anfangs erwähnten Anastasia-Büchern. Er nutzt die Idee der Familienlandsitze aber weiterhin und bewirbt auch die Bücher auf seiner Website. Dabei ist das gar nicht nötig. Bücher über Permakultur wären gute Alternativen, da sie ähnliche Ideen rund um Selbstversorgung und einer naturnahen Landwirtschaft enthalten. Sie kommen aber ohne eingestaubte Geschlechterrollen, Antisemitismus und Rassismus aus.

Von Deutschland lernen

Was die rechtsextreme Unterwanderung der landwirtschaftlichen Verbände in der Schweiz angeht, kann aus den bisherigen Erfahrungen in Deutschland gelernt werden. Die dortigen Bioverbände Bioland, Naturland und Demeter berichten bei einer Fachtagung, dass es juristisch sehr schwer und mühsam sei, Mitglieder mit Verdacht auf rechtsextreme Hintergründe wieder loszuwerden und aus dem Verein auszuschliessen. Deshalb ist es umso wichtiger, es nicht so weit kommen zu lassen. Es heisst also Augen auf bei der Mitgliederwahl. Der deutsche Verband Bioland sensibilisiert dafür seine Berater mithilfe von Schulungen, so dass sie rechtsextreme Symbole und Anzeichen frühzeitig bei Betriebsbesuchen erkennen und diese Betriebe gar nicht erst Mitglied im Verband werden.

Völlig übertrieben, werden einige jetzt sagen. Es sollte aber nicht vergessen werden, dass es sich beim Engagement gegen Rechtsextremismus in der Landwirtschaft um weit mehr als politische Korrektheit handelt. Es geht um gelebte Solidarität mit Betroffenen von rechtsextremen Angriffen, um die Unterstützung von Menschen, die nicht ins rechtsextreme Weltbild passen, sei es, weil sie ein Kopftuch tragen, eine andere Hautfarbe haben oder schwul sind. Machen wir es also, wie es der Politikwissenschaftler Johannes Melchert vorschlägt: «Nicht verharmlosen, nicht dramatisieren, aber wachsam begleiten und beobachten.»

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