Eine Familie mit grosser Kinderschar bezieht einen alten Bauernhof. Der Mann Handwerker oder Landwirt, die Frau für das Haus, die Kinder und den Garten verantwortlich. Sie versorgen sich dort selbst oder bauen einen kleinen Biohof auf. Bis auf ihre altertümliche Kleidung ist nichts weiter auffällig. Im Gegenteil, die Familie ist ein Paradebeispiel für gelungene Integration in der Dorfgemeinschaft.
Keine offiziellen Zahlen
Dass es sich bei dieser Beschreibung keineswegs um harmlose Aussteiger oder Biolandwirte handelt, bliebe oft lange unerkannt, berichtet die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Niedersachsen (D). Denn so oder so ähnlich beginnen die Geschichten über den Zuzug völkischer Siedler(innen) in ländlichen Gebieten in Deutschland. Offizielle Zahlen, wie viele es von ihnen gibt, existieren nicht.
Anna Weers, Referentin für Rechtsradikalismus im ländlichen Raum, schätzt, dass es sich um mehrere Hundert Akteure handelt, die schon auf dem Land siedeln, Tendenz steigend. Ihre Siedlungen finden sich deutschlandweit. Beliebte Gebiete seien aber wenig bewohnte Orte wie beispielsweise im Nordosten Deutschlands, so die Mobile Beratung. Das deutsche Magazin Katapult hat alle Verdachtsorte von völkischen Siedlern gesammelt (siehe Karte). Doch was versteht man unter völkischen Siedler(innen) und was verbindet sie?

Antidemokratisches Denken
«Völkische Siedler(innen) bilden eine Kernstruktur der gesamten rechtsextremen Szene», schreibt die Mobile Beratung in ihrem Bericht über die Siedler. Zu ihnen zählten rechtsextreme Politiker, esoterische Gruppen, Neonazis, Holocaust-Leugner(innen) und weitere Akteure der Szene. Die völkische Weltanschauung sei von Antisemitismus (Judenfeindlichkeit), Rassendenken, traditionellen Geschlechterrollen, der Idee einer Volksgemeinschaft und einer starken Verbindung zur Natur geprägt.
Konkret bedeute das, dass völkische Siedler davon überzeugt seien, dass sie zu einer «natürlichen Gemeinschaft» – einem Volk gehören, das eine gemeinsame Abstammung, Rasse und starre Kultur habe und anderen Völkern überlegen sei, so die Mobile Beratung. Menschen, die nicht in Deutschland geboren seien oder deren Eltern nicht aus Deutschland kämen, gehörten demnach nicht zu ihrem Volk. Der Schutz ihrer Heimat und damit der Natur stehe dabei an erster Stelle.
«Sie sind eine Bedrohung für alle, die nicht in ihr Weltbild passen.»
Anna Weers, Referentin für Rechtsradikalismus, über die völkischen Siedler(innen).
Landwirtschaft spielt wichtige Rolle
«Die völkische Siedlungsidee basiert darauf, wirtschaftlich unabhängig von modernen städtischen Versorgungsstrukturen zu sein», so die Amadeu Antonio Stiftung, die Broschüren über die Siedler veröffentlicht. Aus diesem Grund würden die Siedler Landwirtschaft und altes Handwerk betreiben. Ausserdem sei es eine Arbeit, die mit dem «deutschen Boden» verbinde. Insbesondere der Bioanbau scheint das Interesse der völkischen Siedler zu wecken. Wie Medien- und Erfahrungsberichte aus den deutschen Bioverbänden wie Bioland, Demeter und Naturland zeigen, suchen völkische Siedler(innen) vermehrt Kontakt in die Bioszene. Doch was macht den Biolandbau so attraktiv für rechtsextreme Weltanschauungen?
Regionaler Anbau ist beliebt
Mit dieser Frage beschäftigte sich die Bachelorarbeit der Autorin dieses Artikels im Studiengang ökologische Landwirtschaft und Vermarktung an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (D). In der Arbeit wurden Artikel rechtsextremer deutscher Umweltzeitschriften analysiert. Die Untersuchung zeigte, dass nicht die biologische Landwirtschaft allgemein das grosse Interesse der Rechtsextremen wecke. Vielmehr seien es bestimmte Eigenschaften, die der Biolandbau erfüllen könne, aber nicht zwingend müsse.
Dazu würden z.B. regionale Erzeugung, Versorgung der heimischen Bevölkerung und der Verzicht auf Maschinen, Permakultur, Bewahrung landwirtschaftlicher Traditionen, Naturschutz und damit Schutz der Heimat zählen. Diese Eigenschaften fügten sich gut in das rechtsextreme Weltbild.
Deutsche Bio-Szene reagiert
Aufgrund dieser Anschlussfähigkeit für rechtsextremes Gedankengut haben die deutschen Bioverbände reagiert und distanzieren sich in ihren Statuten von rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen. Weiter haben Bioland sowie das Netzwerk für Solidarische Landwirtschaft (Solawi) eine Arbeitsgruppe zu rechten Tendenzen in der Landwirtschaft ins Leben gerufen. Auch Fachtagungen und Workshops fanden in den vergangenen Jahren zum Thema statt.
Buchreihe als Vorbild für Siedlungen
Wie harmlos völkische Siedler auf den ersten Blick wirken können, zeigt die Anastasia-Bewegung mit ihren Familienlandsitzen. Die esoterische Gruppierung basiert auf einer zehnteiligen Romanreihe des russischen Autors Wladimir Megre. Anastasia ist die Hauptfigur der Bücher und verfügt über übernatürliche Kräfte. Sie lebt allein in den Wäldern Sibiriens im Einklang mit der Natur und kann telepathisch mit allen Menschen und Tieren auf der Welt kommunizieren.
Mehr als Selbstversorgung
Anhänger der Bewegung versuchen, die Leitidee der Romanreihe umzusetzen und ziehen dabei auf sogenannte Familienlandsitze. Diese sollten idealerweise eine Hektare gross sein, einen Teich sowie einen lebendigen Zaun aus Hecken und Bäumen aufweisen und der Selbstversorgung dienen. Doch neben der Idylle enthalten die Bücher zahlreiche antisemitische, rassistische und sexistische Aussagen. Die Fach- und Beratungsstelle bei Fragen zu Sekten und Verschwörungsglaube namens Infosekta stuft die Anastasia-Bewegung als problematisch und sektenhaft ein.
«Neben Landwirtschaft und völkischer Ideologie wollen rechtsextreme Siedler ihre politische Agenda auch nach aussen tragen», erklärt die Rechtsextremismus-Referentin Anna Weers. Das habe zur Folge, dass sie sich auch in das kulturelle und soziale Leben im Dorf einbringen. Deshalb gilt es hier besonders aufmerksam zu sein.
Buchtipp: «Die Sippe»
In seinem Roman erzählt Marc-Oliver Bischoff die Geschichte von Katharina Hoffmann, die sich nach dem spurlosen Verschwinden ihrer Schwester Sorgen macht und beginnt, sie zu suchen. Ihre Suche führt sie in das idyllische Dorf Grantzow in Ostdeutschland. Doch wie sich bald zeigt, ist dort nichts so, wie es scheint. Die Protagonistin ist schon fester Teil der Dorfgemeinschaft, als ihr bewusst wird, welche Weltanschauung die traditions-bewussten Biobauern und Handwerker vertreten und welche Pläne sie für die Zukunft des Landes schmieden. Ist es für Katharina schon zu spät, um sich aus den Fängen der Grantzower zu befreien? Und was hat die Dorfgemeinschaft überhaupt mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun? Mit einem Nachwort der Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus einsetzt. [IMG 3]

