Für viele junge Menschen ist die Lehre der Einstieg ins Berufsleben – ist es ein landwirtschaftlicher Beruf, dann oft in familiären Strukturen, mit enger Zusammenarbeit und sogar Wohnsituation auf dem Betrieb. Diese Nähe bietet Chancen, kann aber auch Herausforderungen mit sich bringen. Peter Roos ist Arbeits- und Organisationspsychologe, Coach und Mediator und berät Organisationen und Firmen zu Themen wie psychische Gesundheit und Arbeitsgestaltung. Er ordnet ein, wie es Lernenden heute psychisch geht und worauf Lehrbetriebe achten sollten.
Herr Roos, wie schätzen Sie die aktuelle psychische Belastungssituation von Lernenden generell ein?
Im Jugendalter als Lebensphase wirken verschiedene Belastungsfaktoren auf junge Menschen. Es finden sehr grundlegende Entwicklungen statt: Der Körper verändert sich, Sexualität, Identitätsentwicklung, die Abnabelung vom Elternhaus und das Ausloten von Grenzen spielen eine zentrale Rolle. Dazu kommt, dass der Übergang von der Schule ins Berufsleben eine grosse Anpassungsleistung erfordert – es ändert sich sehr viel.
2025 wurde in der Schweiz eine grosse Studie mit 45 000 Lernenden durchgeführt, von WorkMed und der Fachhochschule Nordwestschweiz. Darin zeigte sich, dass rund 35 % der Lernenden während der Lehre bereits mehrmals und 26 % einmal psychische Probleme erlebt haben.
Dazu gehören negative Gefühle und Gedanken, Belastungen, aber auch psychische Erkrankungen oder Krisen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass es rund 80 % der Lernenden gut geht in der Lehre: Sie sind stolz, im Lehrbetrieb zu arbeiten, interessiert und erleben Sinn. Viele Lernende berichten also sowohl über psychische Probleme als auch über ein hohes Wohlbefinden. Daraus können wir schliessen, dass gewisse psychische Probleme in diesem Alter «normal» sind und das allgemeine Wohlbefinden trotzdem gut sein kann. Wir sollten Probleme daher nicht aufbauschen, aber ernst nehmen.
Welche Probleme begegnen Ihnen in Ihrem beruflichen Alltag am häufigsten?
Lernende geben häufig an, man vermittle ihnen das Gefühl, sie seien nicht fähig. Sie fühlen sich überfordert oder haben Mühe mit den Arbeitsbedingungen, etwa mit Arbeitszeiten oder dem Arbeitsweg. Oft berichten sie auch von Problemen mit der Berufsbildnerin oder Lehrperson oder fühlen sich im Team nicht wohl, weil das Betriebsklima schlecht ist. Es kann zudem sein, dass der Beruf nicht zu ihnen passt oder sie zu wenig Förderung und Unterstützung erfahren.
Spannend ist auch der Blick auf die Sorgen vor Beginn der Lehre: Viele befürchten, überfordert zu sein, mit Arbeitszeiten und Ferienregelungen nicht klarzukommen, kein Verständnis für Fehler zu erfahren oder nicht gemocht zu werden. Auf der anderen Seite steht grosse Vorfreude: Geld verdienen, eine interessante Tätigkeit ausüben, Selbstständigkeit und Verantwortung übernehmen, etwas Sinnvolles tun, mehr Praxis erleben und Teil eines Teams sein.
Umso wichtiger ist es, die Anfangszeit gut zu gestalten, Sicherheit zu geben und einen gelungenen Einstieg zu ermöglichen. Gerade zu Beginn der Lehre passiert viel Beziehungs- und Vertrauensarbeit.
Welche Warnsignale sollten Ausbildnerinnen und Ausbildner unbedingt ernst nehmen?
Es ist sehr wichtig, Warnsignale zu erkennen und angemessen zu reagieren – ausdrücklich ohne Diagnosen zu stellen. Relevant sind vor allem Veränderungen in den Arbeitsergebnissen, im Verhalten oder in den Emotionen. Damit eine Früherkennung gelingt, braucht es Zeit und Achtsamkeit gegenüber den Lernenden.
In meinen Workshops mit Berufsbildenden wird immer wieder deutlich, dass dafür oft die zeitlichen Ressourcen fehlen, da sie mit vielen anderen Aufgaben konfrontiert sind. Berufsbildung beziehungsweise die Begleitung von Lernenden kann nicht «nebenbei» erfolgen, sondern benötigt einen angemessenen Fokus.
Wie sollen Berufsbildner reagieren, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Lernender psychisch überfordert ist?
Wichtig ist, nicht wegzuschauen und Anzeichen nicht zu ignorieren. Wir beobachten, dass Berufs- und Praxisbildende häufig zu lange warten, bevor sie das Gespräch suchen. Das ist verständlich, denn solche Gespräche sind nicht einfach. Dennoch gehört es zu ihrer Aufgabe. Es gibt gute Ratgeber, wie solche Gespräche gelingen können.
Zentral ist, Interesse am Befinden der Lernenden zu zeigen, eventuell auch Sorgen zu benennen und gemeinsam zu überlegen, was helfen könnte – was Berufsbildende beitragen, aber auch, was die Lernenden selbst machen können, um die Situation zu verbessern. Wichtig ist zudem, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um weitere oder externe Unterstützung beizuziehen. Die Erfahrung zeigt, dass dieser Schritt oft zu spät erfolgt. Dabei ist es kein Zeichen von Schwäche, Hilfe zu holen.
Welche präventiven Massnahmen funktionieren in (landwirtschaftlichen) Ausbildungsbetrieben besonders gut – auch bei wenig Ressourcen?
Viele dieser Betriebe sind Klein- oder Familienbetriebe. Man arbeitet eng zusammen, oft über längere Zeit mit denselben Personen. Deshalb ist ein positives, wertschätzendes und unterstützendes Betriebsklima enorm wichtig – nicht nur gegenüber den Lernenden. Dazu gehört eine Feedbackkultur, in der konstruktive Kritik ebenso Platz hat wie Lob.
Gleichzeitig sollte auf genügend Abstand und Freiräume geachtet werden. Gerade in Familienbetrieben vermischen sich Privates und Geschäftliches schnell, Grenzen verschwimmen. Das kann für alle Beteiligten belastend sein. Es ist immer wieder berührend, wenn Lernende erzählen, wie positiv sie ihren Lehrbetrieb, die Menschen dort und die Berufsbildenden erlebt haben – und wie sehr ihnen diese auch durch schwierige Phasen geholfen haben.
Die aktuelle Studie zeigt zudem, wie positiv sich eine Lehre auf Lernende auswirkt: Sie erleben viel persönliches Wachstum. Eine «gute» Lehre kann also einen enormen Beitrag zur psychischen Gesundheit junger Menschen leisten.
Welche Rolle spielen die Berufsschulen?
Ich kenne Beispiele, in denen sich Lehrbetriebe und Berufsschulen austauschen, wenn Lernende in Schwierigkeiten geraten. Das ist sehr wichtig und nachahmenswert. Lernende geben häufig an, dass der Leistungs- und Notendruck in der Schule hoch sei. Gemeinsame Unterstützungsbemühungen können hier viel bewirken.
Wie unterscheidet sich die heutige Generation Z im Umgang mit Stress und psychischen Herausforderungen von früheren Generationen?
Ich halte die Diskussion darüber, ob die heutige Generation weniger belastbar oder resilient sei als frühere, für wenig sinnvoll. Leider wird oft sehr negativ über diese Generation gesprochen. Mit einem solchen negativen Bild wird es schwierig, Lernende angemessen durch die Lehre zu begleiten.
Nicht selten bestätigen sich diese Vorurteile selbst, während positive Entwicklungen zu wenig wahrgenommen oder gefördert werden. Aktuelle Studien zeigen jedoch ein differenziertes Bild: Die Generation Z ist keineswegs grundsätzlich faul, desinteressiert oder wenig belastbar – im Gegenteil. Dieses Bild sollte dringend relativiert werden.
Zur Person
Peter Roos ist Geschäftsführender Partner vom Büro für Arbeitspsychologie und Organisationsberatung sowie Co-Geschäftsführer vom Forum BGM Bern-Solothurn (Betriebliches Gesundheitsmanagement).
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