Der Nebel liegt dicht über dem Brüederhof im zürcherischen Dällikon. Martina Knoepfel, die den Hof zusammen mit ihrem Mann Simon Knoepfel führt, bespricht sich noch mit einer Mitarbeiterin, dann hat sie Zeit für ein Gespräch. Der Nebel ist einer der Gründe, warum sie und ihre Familie zwei Dörfer weiter wohnen, in Boppelsen, über der Nebelgrenze. «Für mich war schon immer klar, dass ich nicht auf dem Betrieb wohnen will», sagt sie. Der Entscheid fiel auch, um ihren Kindern Livia (13) und Milo (11) Anschluss zu «Gspändli» im Quartier zu ermöglichen, anstatt auf dem etwas abgelegenen Bauernhof zu leben.
«Früher hatte ich null Berührungspunkte zur Landwirtschaft»
Martina Knoepfel ist in Berlin und Crissier VD aufgewachsen
Aufgewachsen ist Martina Knoepfel in Berlin und in Crissier bei Lausanne. Ihre Eltern, ursprünglich aus dem Appenzellerland, hat es beruflich in die deutsche Hauptstadt gezogen. Bis sie sechs war, wohnte die Familie in Berlin, danach in der Romandie. «Früher hatte ich null Berührungspunkte zur Landwirtschaft», sagt Knoepfel.
Berlin, Lausanne, Zürich
Das änderte sich erst, als es sie als Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit in die Ostschweiz zog. «Nicht, dass ich zu Hause Ärger gehabt hätte, aber ich wollte etwas Neues sehen. Am liebsten wäre ich nach Berlin», sagt sie. Aber Zürich sei ein guter Kompromiss gewesen. Ihren Mann Simon Knoepfel und damit den Brüederhof lernte sie im Agronomiestudium an der ETH Zürich kennen.
«Es gehört beides zu meinem Leben.»
Martina Knoepfel trennt Privatleben und Arbeit nicht.
Eigentlich startete sie aber am selben Ort in der Abteilung Lebensmitteltechnologie. «Die Studiengänge waren in der gleichen Abteilung, aber die Agronomie hat mich einfach mehr interessiert», sagt sie. Sie absolvierte das sechsmonatige Praktikum auf dem Brüederhof. Das ETH-Studium brachen beide dann aber ab. «Es war uns zu theoretisch», sagt sie. Sie wechselten nach Wädenswil an die Fachhochschule, wo Martina Knoepfel mit der Vertiefung Hortikultur, also Gartenbau, abschloss.
Keine enge Grenze zwischen «Privat» und «Arbeit»
Martina Knoepfel sieht sich nicht als typische Bäuerin, sondern eher als Hof-Managerin oder, wenn schon, dann als Biobäuerin. Der Zusammenhalt der Mitarbeiter(innen) auf dem Betrieb ist ihr wichtig: «Ich stehe nicht gern im Mittelpunkt, sondern rede lieber über den Betrieb im Allgemeinen. Ich finde, wir sind ein Team.»
Knoepfel wohnt mit ihrer Familie zwar nicht auf dem Hof, eine ganz so enge Grenze zieht sie trotzdem nicht zwischen Freizeit und Beruf. «Es gehört beides zu meinem Leben», sagt sie. So wirklich könne man es gar nicht trennen, aber doch probiere sie, die Regel anzuwenden: «Hier ist arbeiten, dort ist Ruhepol». Auf dem Betrieb, wo sie die Administration und die Koordination der Mitarbeitenden managt, arbeitet sie auch mal auf dem Traktor, im Stall und auf dem Feld mit.
Von Knoepfel zu Knoepfel
«Die Vielseitigkeit gefällt mir und dass ich nicht den ganzen Tag im Büro hocke und meine eigene Chefin bin, die Arbeit selber einteilen kann.» Dass sie und ihr Mann auf dem Hof gleichgestellt sind, ist für sie sonnenklar: «Ich finde es jeweils erstaunlich, wenn ich lese, dass Frauen, die das Büro des Betriebes machen, keine AHV einzahlen. Für mich war von Anfang an klar, dass wir auch das Finanzielle teilen», sagt Knoepfel.
Bei der Heirat entschieden sich Martina Knoepfel und ihr Mann Simon, der damals noch Günthardt hiess, für einen Familiennamen, nämlich Knoepfel. Das sorgte und sorgt zum Teil immer noch für Verwirrung, erzählt Martina Knoepfel. Ihr Schwiegervater war Biopionier und früheres Zürcher Kantonsratsmitglied Kaspar Günthardt. Sie sieht es pragmatisch: «Wir wollten uns einfach für einen Familiennamen und keinen Doppelnamen entscheiden.»
«Ich finde es jeweils erstaunlich, wenn ich lese, dass Frauen, die das Büro des Betriebes machen, keine AHV einzahlen.»
Für Martina Knoepfel war klar, dass sie und ihr Mann das Finanzielle teilen
Der Brüederhof hatte als einer der ersten unter anderem mit der muttergebundenen Kälberaufzucht angefangen. Knoepfels führen es so weiter. Auch da sieht es Martina Knoepfel ganz sachlich. «Für mich ist die muttergebundene Kälberaufzucht selbstverständlich, wir haben es schon immer so gemacht. Die Natur gibt es so vor und es ist auch arbeitstechnisch für uns einfacher», sagt sie.
Nebst der Arbeit auf dem Betrieb engagiert sich Martina Knoepfel im Elternforum und ist Mitglied in der Prüfungskommission der Berufsschule der Gärtner(innen). Sie kandidiert ausserdem für den Kantonsrat Zürich für die Grünen, die Wahlen stehen im Februar 2023 an. Mehr Ausgleich sei gar nicht nötig, findet sie. Ausser, dass sie gerne mal im Garten ihres Einfamilienhauses in Boppelsen tätig wird, oder sie geht mit den Kindern ein paar Tage weg.
Eine Bäuerin ist angestellt
Auf dem Brüederhof ist eine Bäuerin angestellt, die die Produkte für den Hofladen, zum Beispiel Joghurt und Konfi, herstellt und für die Verpflegung der acht Mitarbeitenden auf dem Hof verantwortlich ist. Im Moment übernimmt jedoch Martina Knoepfel selbst diese Aufgaben wegen einer Krankheitsabwesenheit. Die Suche nach einer neuen Bäuerin gestalte sich jeweils nicht immer einfach, erzählt die Betriebsleiterin: «Es ist schwierig, jemand Gutes zu finden. Die meisten, die eine Bäuerinnenausbildung machen, machen es ja gerade, um auf dem eigenen Hof zu arbeiten.»
«Wann hört das auf damit, immer alles anzubieten?»
Martina Knoepfel bietet im Hofladen fast nur eigene Produkte an
Den Hofladen bestocken Knoepfels mit eigenen Produkten. Es hätten auch schon Kund(innen) nach mehr Gemüse gefragt, doch zukaufen will Martina Knoepfel so wenig wie möglich. Sie bedauert, dass Konsument(innen) dort einkaufen gehen, wo sie mehr Auswahl haben, auch wenn es nicht saisonale Produkte dabei hat. «Wann hört das auf damit, immer alles anzubieten?», fragt sie sich.
Mittlerweile ist auch auf dem Brüederhof die Sonne durch den Nebel gedrungen. Immer wieder huschen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vorüber. Ihre Pause ist fertig.

