Bess Vanzendwyk sammelt die riesigen Blätter auf dem Konferenztisch ein. Sie sind mit grosser Blockschrift beschrieben. «Das war mein Braindumping», entschuldigt sich die quirlige Frau. Wenn sie Zuviel im Kopf habe, müsse sie es auf Papier bringen, um Ordnung in die Gedanken zu bringen.
Bess Vanzendwyk leitet das Northern Co-Hort Programm in Fort St. John, im Norden von British Columbia, Kanada. Co-Hort bringt Konsumenten und Produzenten von nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion zusammen. Fort St. John ist bekannt für eine florierende Öl-, Gas- und Holzindustrie. Alles hier ist gross; die Strassen, die Grossladenketten und die Pickups, die Schlange stehen beim McDonalds Drive-in. Ist hier überhaupt jemand daran interessiert, wie sein Essen produziert wird?
Frauen wollen Gesundes
«Hinter fast jedem, der einen grossen Pickup fährt, steht eine Frau mit Kindern, die über ein gutes Einkommen und Zeit verfügt», behauptet Bess Vanzendwyk. Es bestehe daher ein steigendes Bewusstsein für gute Nahrungsmittel. Sie nutzt daher jede Gelegenheit, um mit Menschen rund ums Thema ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel, wie sie gesündere Lebensmittel anbauen können oder wo sie diese finden. Dabei ist ihr der Wert eines gesunden Bodens besonders wichtig.
«Manche bezeichnen mich als Weberin», sagt Bess Vanzendwyk mit einem Lachen. «Ich bin immer am Vernetzen.» Sie spricht mit den Händen, schnell aber durchdacht. Gute Kommunikation und neue Ideen sind die Stärken der Frau.
In ihrer Herkunftsfamilie in Ontario, im Osten Kanadas, wurde immer gut gekocht. Von der Landwirtschaft hatte das Stadtkind aber keine Ahnung, bis sie als 25-jährige von einer Professorin zu einem Gemüsefeld geführt wurde. «Dort lernte ich, wie ein Rüebli wächst!» Lektionen an der Universität weckten ihr Interesse an lokalen Nahrungsmittelketten und dem Klimawandel.
121 Gemüsesorten
Heute wohnt Bess Vanzendwyk mit ihrem Mann auf zwei Hektaren Land ausserhalb von Fort St. John. «Am Morgen nehme ich mir Zeit, mich mit meinem Land, meinen Tieren und dem Essen zu verbinden, das ich für meine Familie anbaue.» So beschreibt sie morgendlichen den Gang zu den Hühnern und dem Treibhaus. Dann weckt sie die vierjährige Tochter für das gemeinsame Morgenritual ehe sie die Kleine im Elektroauto des Geschäfts zur Tagesstätte bringt.
Bis vor einem Jahr bauten Bess und ihr Mann 121 Gemüsesorten an in den jungen Schwemmböden im Tal vom Peace River. Doch inzwischen wirken dort nun Bagger – ein Staudamm ist am Entstehen.
Viereinhalb Jahre lang luden die Vanzendwyk Agronomen und Landwirtinnen ein, um Interessierten und Verantwortlichen das Potential des fruchtbaren Boden aufzuzeigen. Zusammen mit anderen Farmern, den Ureinwohnern und Verbündeten kämpften sie um das Tal, aber vergebens. «Es war eine harte Niederlage», sagt Bess Vanzendwyk sachlich.
Das Paar sucht wieder ein grösseres Stück Land für ihre «Hip Peace Produce». Bess Vanzendwyk möchte dort Obstbäume pflanzen; den Boden so zu bewirtschaften, dass er das Wasser speichert in diesem Land, dass so oft zu trocken ist.
Raum für Träume
Auch hier hat sie viele Ideen, die man verwirklichen könnte. Ihr Mann sieht meist zuerst die Probleme. «Er spricht oft das Negative an», gibt sie zu. «Ich brauche Raum um Träume zu schmieden.»
Früher zog sie sich zurück und ärgerte sich in solchen Momenten. «Doch ich lernte seine Sicht auf die Dinge zu schätzen. Sie mahnt mich, meine Energie und Zeit so einzuteilen, dass meine Familie nicht zu kurz kommt.»
Balance finden
Die Balance in ihrem Leben zu finden, ist für Bess, die eine ADHS Diagnose hat, ein ständiger Kampf. Auf dem Schreibtisch liegen unzählige Zettel, Fachbücher, das Kochbuch einer Produzentin. Dazwischen steht ihre Teetasse und ein Saftpaket vom gestrigen Besuch ihrer vierjährigen Tochter.
«Du hast für alle anderen Zeit, nur nicht für deine Familie», klagte kürzlich ihr Mann. Das sticht. Denn die Familie ist Bess das Allerwichtigste. Indirekt ist sie auch der Treiber für ihre Arbeit: Familien den Zugang zu gesunder Nahrung zu ermöglichen. Dabei fehlt ihr manchmal selbst die Kraft und Zeit, immer ein gesundes Essen auf den Tisch zu bringen.
Die dunklen Augen der Kanadierin werden nachdenklich: «Wenn ich solche Problem habe, haben sie andere auch.» Dieses Wissen hilft ihr, ihre Projekte den Bedürfnissen der Kunden anzupassen.
Bess Vanzendwyk ist auch Präsidentin der «Women of the National Farmer’s Unions« den Frauen in der Bauernvereinigung. In dieser Funktion soll sie als, Delegierte an COP26 teilnehmen, der UN-Klimakonferenz Ende Oktober in Schottland. Beim Gedanken daran leuchten Bess Augen: «Ich möchte dazu beitragen, dass wir nicht im schwarz-weiss Denken verharren; dass Klein- und Grossbauer voneinander lernen, der Umwelt mehr Sorge zu tragen.»

