Während über 100 Jahren gehörte zur Psychiatrie St. Gallen am Standort Wil ein landwirtschaftlicher Gutsbetrieb. Im Jahr 2007 endete diese Ära. Ein wesentlicher Teil des Areals wird heute von der Stiftung Heimstätten Wil genutzt. Sie ist 1994 aus der Psychiatrie St. Gallen hervorgegangen und kümmert sich um die Betreuung von Menschen mit dauerhaften geistigen und psychischen Beeinträchtigungen. Einzelne Bewohner werden aber noch heute im ehemaligen Gutsbetrieb in geschützten Arbeitsplätzen beschäftigt.
Farbige Akzente überall
Das Gelände umfasst die Grösse von mehreren Fussballfeldern. Wie ein Flyer verrät, gilt es als entspannende Naturoase: Artenreiche Blumenwiesen, Wildrosensträucher, plätschernde Brunnen sowie Sitzecken prägen die Atmosphäre. Im Areal sind Hundehalter, Spaziergänger und Velofahrer unterwegs – für die Bevölkerung sollen keine Schwellenängste zum Areal der Psychiatrie St. Gallen in Wilbestehen.
Verschiedene Betriebsgebäude sowie Häuser für Patienten und Bewohner stehen über die weitläufige Fläche verteilt. Sie sind von einem alten Baumbestand umgeben. Im Geländefallen unterschiedliche Objekte wie verstreute Farbtupfer auf. Dazu gehören etwa Fabelwesen, bepflanzte Vogelhäuschen und bunt bemalte Skulpturen. Auch Gerätschaften aus dem ehemaligen Landwirtschaftsbetrieb wurden in Dekorationsobjekte umgewandelt.

Freiraum für künstlerische Gestaltung
Geschaffen wurden sie vonPatienten, welche die naturgestützte Therapie der Psychiatrie St. Gallen in Wil besuchen. «Als offenes Atelier mit einer eigenen Dynamik bietet das Naturatelier Freiraum für spielerische und künstlerische Gestaltung», ist auf einer Infotafel zu lesen. «Beim Experimentieren und Gestalten mit Materialien, die sich überwiegend in der Natur finden, werden ungeahnte Ressourcen freigesetzt.»
Dominic Scheuring ist stellvertretender Leiter des Ateliers. Der 35-Jährige sitzt an einem massiven Tisch mit Mosaikfläche und erzählt von seiner Tätigkeit. Menschen mit Angststörungen, Depressionen, Sucht-erkrankungen und weiteren psychischen Leiden betätigen sich hier. Scheuring und seine Arbeitskollegen unterstützen sie mit handwerklichem und therapeutischem Know-how, beispielsweise wenn ein Objekt aus Zement entstehen soll oderwenn mit Pflanzenmaterial gearbeitet wird.
Landwirtschaft als Therapie
Der Standort Wil der Psychiatrie St. Gallen wurde 1892 als «Kantonales Asyl Wil» eröffnet. Erster Anstaltsdirektor war Heinrich Schiller (1864 bis 1945). Er blieb bis 1934 im Amt. Er legte grossen Wert auf Selbstversorgung, deshalb wurde der landwirtschaftliche Gutsbetrieb erheblich aus-gebaut. Es wurden Milchwirtschaft, Schweinemast, Obst- und Ackerbau betrieben. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts galt der Gutsbetrieb als Musterinstitution. Schiller zählte zu den Pionieren der sogenannten Arbeitstherapie, in der Patientinnen und Patienten bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten – wie etwa Brennholz stapeln, Fallobst auflesen und bei der Kartoffelernte – eingesetzt wurden. Für seine Verdienste um die Förderung der Arbeitstherapie verlieh die Universität Bern Schiller 1935 die Ehrendoktor würde.
Kreativität durch Therapie
Die Menschen mit psychischen Erkrankungen werden dabei zu der Entfaltung ihrer schöpferischen Kräfte angeregt. «Bei uns steht nicht die Leistung im Vordergrund», stellt Scheuring klar. Vielmehr werde auf den kreativen Umgang mit der Natur gesetzt. Das unterstütze die Genesung und die Resozialisierung. Dazu gehört gemäss dem ausgebildeten Agogen auch, neues Selbstvertrauen durch Erfolgserlebnisse aufbauen zu können.
Psychische Krisen können Zweifel an der eigenen Identität sowie an den eigenen Fähigkeiten auslösen. Einige Patienten müssen zudem ihren permanenten inneren Leistungsdruck überwinden, der sie in die psychische Krise führte. Darunter sind laut Scheuring gelegentlich auch Landwirte.

Rückzugsort in Naturoase
Teil des therapeutischen Prozesses ist auch die Zusammenarbeit von Patientinnen und Patienten. «Manchmal arbeitet ein sehr aktiver Patient mit einem, der momentan über wenig Eigeninitiative verfügt, zusammen», erzählt Dominic Scheuring. Zum Komplex des Naturateliers gehört ein Gewächshaus, das als «Grüne Oase» beschriftet ist. Im Innern plätschert ein Bächlein, in dem Goldfische schwimmen. Die Bepflanzung ist mit unterschiedlichen kreativen Skulpturen angereichert. Die Atmosphäre wirkt sehr idyllisch. «Die Patienten halten sich gerne hier auf», sagt Scheuring.
Ein weiterer Teil des Naturateliers ist ein Gehege mit sieben Eseln. Sie gehören zum Teil der tiergestützten Therapie. Unter der Anleitung von José Marquez werden die Tiere täglich von Patient(innen) gepflegt und gefüttert. Die Huftiere ermöglichen etwa Menschen mit traumatisierenden Beziehungserfahrungen, allmählich wieder Vertrauen zu einem Lebewesen zu entwickeln und selbst Verantwortung zu übernehmen. «Die Tiere sind sehr beliebt», erläutert Scheuring. «Die Patienten berichten uns, man könne ihnen alle Sorgen anvertrauen, ohne dass sie es weitererzählen.»
Für die stationären und die ambulanten Patient(innen) bietet die Psychiatrie eine ganze Reihe weiterer Ateliers zur therapeutischen kreativen Betätigung an. Es bestehen Möglichkeiten für Arbeiten mit Keramik, Textilien, Speckstein, Papier, Holz, Glas und neuen Medien. Es kann musiziert und Theater gespielt werden.
Bäuerliches Sorgentelefon
Ein Hilfsangebot für Bäuerinnen, Bauern und ihre Angehörigen sowie alle anderen in der Landwirtschaft tätigen Menschen in schwierigen Situationen ist das bäuerliche Sorgentelefon. Dreimal in der Woche ist die Nummer 041 820 02 15 betreut: Montag 8.15 bis 12 Uhr, Dienstag 13 bis 17 Uhr und Donnerstag 18 bis 22 Uhr. Die Beraterinnen und Berater auf der anderen Seite des Telefons sind oder waren selbst Bäuerinnen oder Bauern und kennen die besonderen Verhältnisse der Landwirtschaft aus eigener Erfahrung. Die Beratungen erfolgen nur über das Telefon. Der Kontakt bleibt anonym.

