In letzter Zeit frage ich mich immer wieder Mal, warum mich diese Müdigkeit begleitet. Sie kommt nicht nach einem besonders langen Tag und auch nicht nach einer schlaflosen Nacht. Es ist eine stille, schwere Müdigkeit, die oft schon da ist, bevor der Tag richtig beginnt. Der Hof läuft. Tiere und Familie sind versorgt, die Buchhaltungsarbeiten für meinen Nebenerwerb im Home-Office erledigt. Das ist kein Zufall, das ist tägliche Arbeit. Eigentlich dürfte ich gar nicht müde sein. Es ist Winter. Es ist ruhiger. Es geht ja alles.

Vor kurzem hat mein Körper dieser Logik widersprochen. Ein falscher Handgriff, eine ungünstige Bewegung – und plötzlich war da dieser Schmerz im Rücken. Hexenschuss. Von einem Moment auf den anderen ging nichts mehr leicht. Jeder Schritt, jedes Bücken musste überlegt sein. Die Müdigkeit war auf einmal nicht mehr nur ein Gedanke, sondern spürbar im ganzen Körper.

Bei der Bäuerin laufen viele Fäden zusammen

Als Bauernfrau arbeitet man nicht nur mit den Händen. Man arbeitet mit dem Kopf, mit dem Bauchgefühl und sehr oft auch mit dem Herzen. Vieles davon passiert im Stillen, im Hintergrund, unsichtbar für andere: Gedanken, die vorausfühlen, Pläne, die sich leise formen, Entscheidungen, die im Vorbeigehen fallen. All die kleinen Fäden, die zusammengehalten werden. Diese Arbeit steht auf keiner «To‑do‑Liste» – und doch trägt sie den Alltag.

Manchmal frage ich mich, wie andere Frauen das alles schaffen. In den sozialen Medien sehe ich junge Bäuerinnen mit kleinen Kindern. Sie arbeiten im Stall und auf dem Hof mit, backen Brot, bewirtschaften grosse Gemüsegärten, legen Vorräte an und manche gehen zusätzlich einem Teilzeitpensum auswärts nach. Es wirkt leicht, selbstverständlich – zumindest in den Bildern, die man sieht. Ich staune darüber. Ehrlich. Und ich frage mich, wie sie ihre Kräfte einteilen. Denn mein Alltag ist ähnlich gefüllt, nur fühlt er sich manchmal schwerer an. Vielleicht liegt das nicht daran, dass ich zu wenig leiste. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir selbst wenig zugestehe. Dass Müdigkeit in meinem Kopf erst dann erlaubt ist, wenn gar nichts mehr geht. Wenn sie sichtbar wird. Messbar. Begründbar.

Negatives kann auch etwas Kleines, Positives mit sich bringen

Der Hexenschuss hat mir gezeigt, dass Grenzen nicht verhandelt werden können. Dass ein Körper nicht wartet, bis alles erledigt ist. Und dass Müdigkeit kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein Hinweis darauf, dass man aufmerksam lebt. Ich versuche seither, bewusster damit umzugehen. Nicht alles allein zu tragen. Nicht jeden Anspruch zu erfüllen – auch nicht den an mich selbst. Hilfe anzunehmen, wo es möglich ist. Dinge liegen zu lassen, ohne sie sofort zu rechtfertigen.

Und manchmal setze ich mich einfach einen Moment länger hin. Ich trinke den Kaffee heiss und nicht nebenbei. Ich höre meinem Rücken zu. Und mir selbst. Die Müdigkeit verschwindet dadurch nicht. Aber sie bestimmt mich weniger. Und ich lerne, ihr zu glauben.