Das Urteil liegt auf dem Tisch: Das Bauernpaar, das trotz seiner Covid-19-Erkrankung die anfallenden Arbeiten auf dem Hof erledigte, ist nun schuldig gesprochen worden. Obschon in einer ersten Stellungnahme durch die Staatsanwaltschaft in Aussicht gestellt wurde, dass der Landwirt von allen Anklagepunkten freigesprochen wird, die Bäuerin aber den Gang in die Käserei zu verantworten hat, richtet sich der Schuldspruch nun an beide.

Als Komplize gehandelt

AboWer in Isolation oder Quarantäne ist, sollte den Hof nicht verlassen. Dazu gehört auch, dass er oder sie nicht in die Käserei geht. Corona-PandemieDer Weg zur Käserei war zu vielMittwoch, 8. September 2021 Gegen die Bäuerin, wie gesagt, weil sie die Milch zur Käserei brachte, auch wenn das kontaktlos geschah; gegen den Bauern als Mittäter, weil er «ihr Komplize» war. «Wir haben das in den Augen der Staatsanwaltschaft quasi zusammen geplant», erklärt der Landwirt, der seinen Namen nicht bekannt geben möchte. «Unser wirtschaftlich gelagertes Interesse hätten wir höher gewichtet», erklärt er den Urteilsspruch. In ihrem Fall hätte das Paar demnach die Milch wegschütten oder aber eine dritte Person damit beauftragen müssen, die Milch in die Käserei zu bringen. Auch das vorgängige Abklären beim Milchverarbeiter, der versicherte, dass die Abgabe der Milch keine Probleme darstellt, wenn die Bäuerin beim Absaugen im Fahrzeug sitzen bleibt, hat nichts geändert.

Mehrere tausend Franken für Busse und Anwalt

Bussen und Verfahrenskosten belaufen sich auf mehrere tausend Franken. «Das Perfide daran ist, dass wir notgedrungen einen Anwalt beiziehen mussten. Mit der Rechnung für den Anwalt sind wir nun im fünfstelligen Bereich», erklärt der Landwirt.

Das Ganze hat ein Nachbar ins Rollen gebracht. Aus Missgunst, wie das Bauernpaar vermutet, hat er Anzeige erstattet. Das Paar fühlte sich alleine gelassen: «In so einem Fall kann niemand helfen. Niemand konnte uns sagen, was wir dürfen», erinnert sich der Betroffene. Nicht einmal die Kontaktaufnahme mit den Behörden, sprich Bundesamt für Gesundheit und Kantonsarzt konnte damals weiterhelfen. «Auf unsere Fragen, ob wir mit der Milch in die Käsi können oder weiter eingrasen dürfen, sagte uns die Person am Telefon nur, dass sie das nicht beantworten kann, weil sie von Landwirtschaft nichts versteht.»

Auskünfte schriftlich bestätigen lassen

Wenn er rückgängig etwas anders machen könnte, würde er sich solche Auskünfte schriftlich geben lassen. Auch wenn die Sache keinen Eintrag im Strafregister zur Folge hat, das vergangene Jahr war für die beiden eine aufreibende Zeit. «Auf das erste Schreiben der Staatsanwältin haben wir eine Stellungnahme eingereicht, worauf mehrere Monate wieder nichts mehr zu vernehmen war», sagt er genervt.

Bauernverband wird aktiv

AboWo kein Richter, da kein Kläger. Aber was, wenn es doch einen Kläger gibt? Dass eine Bauernfamilie trotz Covid-19-Erkrankung ihre Tiere versorgte, könnte eine Busse zur Folge haben. (Bild Shutterstock)CoronavirusLandwirtschaftliche Arbeit trotz positivem Corona-Test ist eine rechtliche GrauzoneMontag, 7. Dezember 2020 Nun habe der Berner Bauernverband den Ball noch aufgenommen. «Vielleicht ist dort noch etwas zu erreichen», sagt der Landwirt. Aber in seinem Fall wird sich kaum mehr etwas ändern. Und wenn Corona auch nicht erst seit gestern hierzulande grassiert, die Bestimmungen, an die es sich zu halten gilt, sind weiterhin von den Begriffen «sollte» und «wenn möglich» geprägt.

Versorgung gewährleisten

So schreibt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf die Frage, was betroffene Bauernfamilien tun sollen: «In den BLW FAQ (häufig gestellte Fragen) wird darauf hingewiesen, dass die Versorgung der Tiere in jedem Fall gewährleistet werden muss. Im Fall einer Selbst-Quarantäne/-Isolation sollte die Betreuung der Nutztiere durch eine andere Person geschehen oder, wenn nicht anders möglich, der Kontakt mit den Tieren auf ein Minimum beschränkt werden.» Es müsse dabei darauf geachtet werden, dass kein Kontakt mit anderen Personen stattfindet.

Lieferung zwingend durch eine andere Person sicherstellen

Produkte dürften zudem weiterhin abgeliefert werden, erklärt das BLW weiter. Es sei jedoch sicherzustellen, dass der Umgang mit Produkten für die Vermarktung und die Lieferung durch eine andere Person stattfindet. Im Einzelfall obliege es aber dem zuständigen Kanton, Massnahmen vorzugeben und zu kontrollieren.