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Auf der Nüenalp erfüllte sich für Rahel Beglinger ein Lebenstraum

Eigentlich wollte die gebürtige Zürcher Oberländerin Rahel Beglinger einfach einen Sommer auf die Alp. Dort lernte sie ihren Mann kennen und blieb im Glarnerland.

Dass sie einst einen Alpbetrieb führen würde, war zwar ein Herzenswunsch von Rahel Beglinger, aber geplant hat sie das nicht. Die gebürtige Zürcher Oberländerin kommt nicht aus der Landwirtschaft. Ihre ersten Berührungspunkte mit der Alpwirtschaft hatte sie aber bereits als Kind, denn die Eltern besuchten regelmässig Bekannte auf einer Alp. «Als ich zwölf Jahre alt war, haben meine Eltern während der Sommerferien einer Nachbarin auf der Alp ausgeholfen», erzählt Beglinger. «Diese Zeit war für mich so prägend, dass für mich feststand: Wenn ich gross bin, gehe ich z Alp.»

Die Liebe auf der Alp gefunden

Rahel Beglinger machte die Matura und lernte Ergotherapeutin. «Nach dem Lehrabschluss hatte ich das Gefühl, ich müsse mir meinen Lebenstraum mit dem ‹z Alp gehen› verwirklichen.» Sie bewarb sich auf einer Milchkuhalp im Glarnerland und lernte dort ihren Mann Christian kennen. «Quasi beim Bewerbungsgespräch», sagt sie schmunzelnd. Und so fand sie im Glarnerland eine neue Heimat und konnte sich ihren Lebenstraum, Älplerin zu sein, erfüllen. Dabei kamen ihr die typischen Strukturen im Glarnerland entgegen, wo die Bauern auch Älpler sind.

Aussicht von der Oberen Nüenalp. Die Alp ist von Juni bis September Lebensmittelpunkt der Familie.
Aussicht von der Oberen Nüenalp. Die Alp ist von Juni bis September Lebensmittelpunkt der Familie.

2010 übernahm das Paar den Betrieb von Christians Eltern und stellte zwei Jahre später auf Bio um. «Viel verändern mussten wir nicht, da wir schon vorher nah an Bio waren», sagt sie. Der Talbetrieb in Mollis liegt auf 433 m ü. M. Beglingers halten 30 Braunviehkühe der Rasse ROB mit eigener Aufzucht sowie ein paar Schweine und Ziegen. Sie begannen mit Ackerbau, wenn auch im sehr kleinen Stil. So bauen sie auf einer Hektare Dinkel an, welcher in der Bio-Maismühle Landolt in Näfels zu Mehl verarbeitet und im Hofladen verkauft wird.

Erlebniskäserei und Alpbeizli aufgebaut

Die grösste Veränderung fand auf der Alp statt, die sie von der Gemeinde Glarus Nord gepachtet haben. Am liebsten sei sie draussen am Zäunen bei den Rindern, sagt die 40-Jährige. Auf der Nüenalp, auf 1400 m ü. M., haben Rahel und Christian Beglinger eine Erlebniskäserei aufgebaut. «Die Erlebniskäserei ist für mich etwas Sinnhaftes», sagt sie. Hier könne sie mit der Kundschaft in Kontakt treten und ihr die Landwirtschaft näherbringen.

«Die Erlebniskäserei verknüpft die Landwirtschaft mit der Direktvermarktung, dem Agrotourismus und den Gästen. Darum mache ich es gerne.»

Für Rahel Beglinger ist die Erlebniskäserei ein gutes Beispiel von Öffentlichkeitsarbeit
Blick in die Alpkäserei. Hier bieten Beglingers Erlebniskäsen für angemeldete Gruppen an.
Blick in die Alpkäserei. Hier bieten Beglingers Erlebniskäsen für angemeldete Gruppen an.

Das Angebot richtet sich an Gruppen zwischen fünf und 20 Personen. In der Erlebniskäserei können die Gäste selber Hand anlegen beim Käsen. Nach Wunsch werden Glarner Alpkäse, Raclettekäse oder Mutschli produziert. Der Käse ist nach zwei Monaten Reifungszeit auf der Alp abholbereit.

Des Weiteren betreiben Rahel und Christian Beglinger neben der Hütte ein Wanderbeizli. Für die angemeldeten Gruppen wird ein einfaches Menü gekocht. «Hie und da habe ich Anfragen, ob wir auch ein veganes Menü anbieten.» Sie versuche dann jeweils zu erklären, dass die Tiere und deren Produkte zur Alpwirtschaft gehören und dass sie diesem Wunsch deshalb nicht nachkommen könne. Für die Laufkundschaft gibt es im Wanderbeizli Käse- oder Fleischplättli oder Joghurts. «Wir halten das einfach», sagt Beglinger.

Der Lebensmittelpunkt ist die Alp

Während vier Monaten ist die Nüenalp der Lebensmittelpunkt der Familie. Jeweils Anfang Juni geht es mit dem ganzen Hausrat und dem Vieh in einem dreistündigen Fussmarsch auf die Alp. Alles Material muss auf dem Rücken transportiert werden. Auch die Schweine, Ziegen, Hühner, Hunde und Katzen müssen einen Teil des Weges zu Fuss zurücklegen. «Wenn wir auf der Alp sind, ist der Talbetrieb zu», erzählt Rahel Beglinger.

Auch die Schweine, hier noch auf dem Heimbetrieb, kommen mit auf die Alp.
Auch die Schweine, hier noch auf dem Heimbetrieb, kommen mit auf die Alp.

Während der Sommerferien vermieten sie das Wohnhaus als Ferienwohnung auf Airbnb. «Zum Heuen oder für andere Arbeiten kommen wir schon ins Tal», sagt Beglinger. Die Kinder, die alle schulpflichtig sind, schlafen jeweils zwei Nächte pro Woche bei Verwandten, wo sie auch Zmittag essen. «So müssen sie nur drei Mal pro Woche von der Alp ins Tal», sagt die vierfache Mutter.

Auf der Alp werden Christian und Rahel Beglinger von einem oder zwei Lehrlingen und einem Angestellten unterstützt. Derzeit suchen sie jemanden, der exklusiv bei der Hütte ist, fürs Kochen, Zusennen und die Gästebewirtung. Obschon sie seit 1,5 Jahren beim Talbetrieb auch einen kleinen Hofladen haben, verkaufen sie am meisten Käse ab der Alp. Die Milch wird dort zu Glarner Alpkäse AOP, Raclettekäse, Kräuterkäse, Ziegerkleekäse, Mutschli und Nidelkäse verkäst. Beglingers Lieblingskäse ist der Nidelkäse. «Ich mag sämigen Käse», merkt sie an. Im Winter geht die Milch in den Biomilchpool.

Bio Suisse soll gesund wachsen

Im April dieses Jahres wurde Rahel Beglinger in den Vorstand von Bio Suisse gewählt. «Ich habe gemerkt, dass ich mich nebst dem Betrieb noch auf einer anderen Ebene einbringen möchte», erklärt sie den Grund ihrer Kandidatur. Sie will sich dafür einsetzen, dass Bio Suisse eine Produzentenorganisation bleibt, die von der Basis geprägt und getragen ist. Wachstum solle möglich sein, aber in einem Rahmen, wo Bio Suisse seinen Werten treu bleiben könne.

«Der Kontakt mit der Gesellschaft ist ein Teil, der mir sehr wichtig ist und wo ich aus meinem Alltag viel beisteuern kann.»

Rahel Beglinger zu einer ihrer Kompetenzen im Vorstand von Bio Suisse

Beglinger bedauert, dass in den gesellschaftlichen Debatten das Klima derzeit über alles gestellt und Tierhaltung schlecht gemacht wird. «Zu einer standortangepassten, nachhaltigen Landwirtschaft gehört die Tierhaltung», hält sie fest. Trotzdem, findet sie, müsse man genau hinschauen. «Zu viele Tiere sind auch nicht gut, die Tierhaltung soll nicht über alles gestellt werden.» Und was würde sie gerne auf dem Betrieb noch verwirklichen? «Ich hätte gerne muttergebundene Kälberaufzucht», sagt Beglinger kurz und bündig.

Fünf Fragen an Rahel Beglinger

Welches Alltagsritual pflegen Sie? Den morgendlichen Kaffee, um meinen Tag zu starten. Wo ist Ihr Lieblingsplatz? Ganz klar irgendwo aufunserer Alp. Was möchten Sie besser können? Tanzen und singen. Ich singe gerne und tanze im Winterin der Freizeit Lindy Hop. Beides würde ich gerne besser können. Welches ist Ihr Lieblingslied? Ich habe verschiedene ­Lieblingslieder. Es gibt ­Lieder, die ich mitsinge, und solche, die ich lieber einfach höre. Das ist bei mir sehr stimmungsabhängig. Wenn ich mich entscheiden müsste, «Für immer uf di» von Patent Ochsner. Was rührt Sie zu Tränen? Musizierende Menschen. Manchmal. Habe noch nicht verstanden, wann oder warum.

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