Vor dem Haus sind Bauarbeiter mit einem Rüttler am Werk. Im Stall wird gehämmert. Und das alte Tenn bekommt einen neuen Boden. «Bei uns ist es grad recht laut», sagt Annegret Walder, während sie ein Tablett mit Kaffee und Guetzli auf das grüne Tischchen neben dem Hofladen stellt. Dabei liegt der Hof fast schon idyllisch in einer Senke im Naherholungsgebiet von Rüti im Zürcher Oberland. «Doch derzeit wird überall gebaut.»

Seit 34 Jahren lebt Annegret Walder hier. Der Hof stammt aus der Familie ihres Manns Josef, den alle Sepp nennen. Sie selbst ist in einer nichtbäuerlichen Familie in Feldmeilen aufgewachsen. Diese zog dann nach Bubikon, ins Nachbardorf von Rüti, und Annegret Walder entschied sich für eine Lehre als Damenschneiderin. «Weil ich gern tanzte und in Bubikon niemanden kannte, ging ich in die Volkstanzgruppe», erzählt sie. «Dort lernte ich Sepp kennen.»

Die beiden heirateten und wurden Eltern von einer Tochter und zwei Söhnen. Annegret Walder absolvierte vor der Heirat die Bäuerinnenschule als sechsmonatigen Vollzeitkurs im Internat. «Das war in der Vor-Handy-Zeit. Wir waren 35 Frauen und es gab nur ein Telefon», erinnert sie sich schmunzelnd.

Den Hof übergeben

Andreas Walder, der ältere Sohn, hat vor rund zwei Jahren den Landwirtschaftsbetrieb der Familie übernommen. «Das ging damals ziemlich rassig und wir mussten erst zweimal schlucken», erinnert sich seine Mutter. Denn der Familie bot sich die Gelegenheit, zusätzlich einen Pachthof in Hinwil zu übernehmen. Das eröffnete neue Möglichkeiten, erforderte aber zügiges Handeln.

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Die ältere Generation wirkt weiter auf dem Hof mit, beide sind aber zusätzlich ausserhalb erwerbstätig. Sepp Walder arbeitet 50 % als Chauffeur bei einer Büromöbel-Firma, seine Frau als Springerin in der Wäscherei eines Altersheims. Auf dem Betrieb kümmert sich die 57-Jährige zudem weiterhin ums Kochen, den Haushalt, die Buchhaltung sowie den kleinen Hofladen mit Produkten der eigenen Obstbäume, wie etwa Most oder Trockenfrüchte. Dazu kommen Getränke und Bauernhofglace, Eier, Kleintierheu und Brennholz.

Neue Generation, neue Ideen

Zum Milchwirtschaftsbetrieb zählen 30 Milchkühe, die auf dem Pachthof im rund sieben Kilometer entfernten Hinwil untergebracht sind. Das Jungvieh lebt auf dem Betrieb in Rüti. Zum Tierbestand gehören weiter 50 Legehennen und fünf Zwerggeissen. Andreas Walder hat Pläne für den Hof, doch die möchte er noch nicht publik machen. Für die Eltern ist klar, dass sie ihn unterstützen. «Die junge Generation kommt mit neuen Ideen, dabei helfen wir gern», sagt Annegret Walder. «Und wir geniessen es, dass wir die Verantwortung übergeben konnten.»

Durch die Hofübergabe bleibt Annegret Walder mehr Zeit für ihr Hobby, den Volkstanz. Wie auch ihr Mann ist sie immer noch in der «Volkstanzgruppe am Bachtel» aktiv. Zudem amtet sie bei der Zürcher Trachtenvereinigung als Leiterin der Kommission Kinder und Jugend (KOKJ) und leitet eine Jugendtanzgruppe. «Im Gegensatz zu früher muss man heute aktiv das Interesse der Jungen gewinnen und dranbleiben», weiss sie aus Erfahrung. Als die Gruppe vor fünf Jahren startete, durften die Jugendlichen nicht nur zu traditioneller Musik tanzen, sondern auch zu modernen Stücken, wie etwa von Trauffer. «Das kam an.»

Erst der Tanz, dann die Trachten

Am Volkstanz gefällt der Bäuerin eigentlich alles: die Bewegung, die Musik, die Menschen im Verein. «Man tanzt nicht nur für sich allein oder nur paarweise.» Sie spiele auch Handorgel, ergänzt sie. «Doch bei mir geht Musik zuerst in die Füsse, dann in die Hände.»

Über den Volkstanz entdeckte die ausgebildete Schneiderin ihre Freude an Trachten und absolvierte eine entsprechende Weiterbildung. «Die erste Tracht, die ich mir vor vielen Jahren schneiderte, war eine steirische Tracht», sagt Annegret Walder. Denn ihr Vater kommt aus der Steiermark in Österreich. «Zu einer Tracht hat man im Idealfall einen persönlichen Bezug, sonst fühlt man sich wohl etwas verkleidet.»

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Als Abschlussarbeit der Bäuerinnenschule fertigte sie eine Zürcher Oberländer Festtagstracht. Später kamen eine Zürcher Oberländer Sonntags- und eine entsprechende Werktagstracht dazu. Entgegen der landläufigen Meinung, bei einer Tracht müsse alles von Hand genäht werden, sieht Annegret Walder die Sache pragmatischer. «Hätte es vor 100 Jahren schon Nähmaschinen gegeben hätte, hätten die Frauen sie auch genutzt.»

Traditionell und modern

Am eidgenössischen Trachtenfest von diesem Wochenende ist die Volkstanzgruppe am Bachtel natürlich auch dabei. Sie bestreitet am Samstagmorgen einen Auftritt auf dem Lindenhof. «Wir tanzen ein Medley aus Zürcher Tänzen zu traditioneller und moderner Musik», so Annegret Walder. Zudem ist die KOKJ Zürich verantwortlich für den Familienparcours auf dem Sechseläutenplatz. Dort kann man unter anderem Trachtenschuhe werfen, nageln oder sich im Trachtenbäbi-Rennen messen.

Sie freut sich auf das Trachtenfest in ihrem Heimatkanton, auch wenn ihr Grossanlässe nicht so liegen. Noch mehr freut sie sich darüber, dass sie seit der Hofübergabe mehr Zeit für sich hat. «Ich will nicht mehr an vielen Orten halbherzig dabei sein», sagt die Bäuerin. «Ich möchte mich fokussieren und mehr Zeit für meine Herzenssachen haben.» Dazu gehören Besuche bei den über 80-jährigen Eltern. Und natürlich der Volkstanz.

Fünf Fragen an Annegret Walder
 
Welches Landwirtschaftsthema beschäftigt Sie am meisten?
Die Bürokratie, die vielen Formulare für alles und jedes. Das sollte vereinfacht werden.

Welchen Traum möchten Sie noch verwirklichen?
Eine Reise nach Skandinavien fände ich toll.

Welches ist Ihr Lieblingsort?
Das ist eine ganze Region mitsamt den Menschen, die dort leben: die Steiermark in Österreich.

Was ist Ihnen in einer Beziehung wichtig?
Vertrauen, Ehrlichkeit und Verständnis, wenn das Gegenüber eine andere Meinung hat.

Welches ist Ihr Lieblingslied?
«Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk» von Reinhard Fendrich.

Zürich wird zur Trachten-Stadt

Vom 28. bis 30. Juni 2024 ist Zürich Gastgeberin des Eidgenössischen Trachtenfests. Trachtenleute aus allen Kantonen und Sprachregionen präsentieren sich mit Tanz, Gesang und Musik und laden ein zum Mitmachen und Mitfeiern.

Das Fest startet am Freitag mit einem Umzug vom Hauptbahnhof zur Kirche St.Peter. Mit dabei sind unter anderem die Stadtmusik Zürich und 26 Trachtenpaare aus allen Kantonen.
Während des ganzen Wochenendes wird auf verschiedenen Plätzen und Bühnen gesungen und getanzt, unter anderem in der Bahnhofshalle. Das Fest lockt zudem mit einer Trachten-Ausstellung, einem Trachten-Trail und einem Brauchtumsmarkt. Am Samstag treffen sich kleine und grosse Trachtenleute aus der ganzen Schweiz zu einem grossen Volkstanzfest auf dem Sechseläutenplatz. Am Freitag- und am Samstagabend ab 22 Uhr wird das Grossmünster mit Trachten- und Brauchtumssujets beleuchtet.

Weitere Informationen: www.trachtenfestzuerich.ch