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«An einem Abend im Advent sah ich das Christkind»

Unsere Kolumnistin Benildis Bentolila, schreibt wie sie als Mädchen die Weihnachtszeit erlebt hat.

Ich ging bereits in die Primarschule und glaubte noch an das Christkind. Daran erinnere ich mich genau, weil ich es an einem Abend nach dem «Rorate» (Messe) sah. Gottesdienste besuchten wir erst als Schulkinder, denn einen Kindergarten gab es Anfang der 1950er-Jahre noch nicht. Rorate-Messen fanden im Dezember täglich, üblicherweise frühmorgens, statt. Sie konnten auf den frühen Abend verlegt werden, wenn gleichzeitig eine Gedenkandacht an eine eben verstorbene Person abgehalten wurde.

Nützliche und notwendige Geschenke

Die Adventszeit («Advent» zu Deutsch: «Ankunft») war damals ein spirituelles Warten auf den Erlöser. Mitten im Winter warteten wir auf das leuchtvolle Ereignis. Wir freuten uns auf das Christkind. Nein, nicht der Geschenke wegen, denn Eltern und Kinder erhielten in Geschenkpapier verpackte nützliche und notwendige Dinge: Eine neue Wollkappe, um die verfilzte zu ersetzen; ein Paar warme Handschuhe, weil zwei Geschwister schon die alten getragen hatten; einen dicken Schal, um sich besser gegen das Schneetreiben zu schützen.

Meine Schulkollegin und ich begaben uns also nach dem Rorate von der Kirche nach Hause. Alles war weiss dort in den Bergen und es war eisig kalt. Wenn ich zurückdenke, spüre ich die Kälte nicht nur, sondern sehe sie vor mir. Wir gingen auf dem hinteren Kirchweg Richtung Dorf.

Eine Erscheinung im weissen Hemdchen

Plötzlich sah ich oben auf der Dorfstrasse das Christkind. Es huschte vom Kolonialwarenladen Bachmann Richtung Sternen. Es war barfuss, ich sah das genau, sogar auf die Distanz von rund 70 Metern. Es trug ein leichtes weisses Hemdchen, wie es dies in der Krippe trägt, und hielt ein Christbäumchen mit brennenden Kerzen in den Händen. Die Erscheinung dauerte ein paar Sekunden.

Ich wusste nicht, was tun. Sollte ich Elsbeth fragen, ob sie es auch gesehen hatte? Sollte ich meinen Eltern und Geschwistern von der Begegnung erzählen, als ich nach Hause kam? Ich behielt die wunderbare Erscheinung viele Jahre für mich. Und ich glaube bis heute daran, dass es das Christkind war. Später überlegte ich mir, weshalb dieses Wesen mir so greifbar erschienen war.

Kunst als Inspiration

In Amden SG verbrachten auch viele Kurgäste alle Jahre ihre Ferien. Bei uns Einheimischen galten sie als reiche Zürcher und Zuger. Sie brachten uns Kleider, die unsere Eltern dankbar entgegennahmen. Überhaupt verwöhnten sie uns Kinder mit «Zuggerbölle», wie die Bonbons bei uns hiessen. Der Vater einer Gastfamilie war ein begabter Zeichner. Zu Geburten, Geburtstagen, religiösen Festen malte er herrliche Zeichnungen, auf Kartonkärtchen in der Grösse sechs mal drei Zentimeter (siehe Foto). Ich nehme an, die Inspiration für meine Verzückung musste von dort gekommen sein.

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