Dieser Artikel erschien im Magazin FrauenLand - welches per Juni 2021 eingestellt wurde.

Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp … Eine Gruppe Mädchen trabt auf der Turnwiese des Sekundarschulhauses im zürcherischen Uhwiesen im Kreis. Im Hintergrund läuft Popmusik. Die Pferdeschwänze der Reiterinnen wehen wild. Sie trainieren Hobby Horsing. Nach dem Aufwärmen springen die Mädchen über Hürden oder feilen an der Technik für Dressur und Western.

Bis vor ein paar Jahren nannte man das, was die Mädchen da praktizieren, Steckenpferd reiten, und es war ein kindlicher Zeitvertreib. Bis die Finnen es zu einer beliebten Sportart weiterentwickelten. Hobby Horsing ist ein Mix aus Gymnastik, Leichtathletik und Reiten; einfach ohne richtiges Pferd. «Es finden sogar Weltmeisterschaften statt. Nächstes Jahr möchte ich daran teilnehmen», erzählt Daria Bärtschi. Die 16-Jährige leitet das Training zusammen mit ihren beiden Freundinnen Giulia und Ladina. «Es kann jeder an den Weltmeisterschaften teilnehmen, man muss sich einfach online anmelden.» An die 2000 Personen hätten sich letztes Jahr in Finnland gemessen.

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Auf der selben Welle reiten

Daria besitzt eigentlich ein richtiges Pferd namens Jim und hat in ihrer Ausbildung zur tiermedizinischen Praxisassistentin genügend echte Tiere um sich. Trotzdem ist sie angefressene Hobby Horserin. Entdeckt hat sie die Sportart via Youtube-Videos und Instagram. Sie schaute zig Filmchen und begann für sich zu üben. Vor allem die Dressur ist ihre Leidenschaft. «Bei einem Ausritt mit Jim traf ich auf Ladina und Giulia, die mit ihren Hobby Horses unterwegs waren.»

Daria sprach die beiden an. Die Mädchen fanden schnell heraus, dass sie auf derselben Welle reiten. «Übers Hobby Horsing habe ich so viele nette Leute kennengelernt. Man versteht sich und wird sofort Freunde», erzählt sie mit Begeisterung. So wurde Daria Mitglied der Skyriders, des Hobby-Horsing-Clubs, den Ladina und Giulia gründeten. 

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Lange waren sie nur eine Handvoll Mitglieder. Diesen Januar änderte sich das schlagartig. Die Skyriders organisierten ein Turnier. Die lokalen Medien berichteten darüber, und sie und ihr Hobby wurden fast ein wenig berühmt. Nun sind es 18 Mädchen, alle im Alter von 7 bis 16 Jahre, die sich regelmässig am Sonntagnachmittag zum Training treffen. «Wir wurden richtiggehend überrannt», gesteht Daria, «Ladina, Giulia und ich haben deshalb beschlossen, vorerst die Mitgliederzahl nicht mehr zu erhöhen.»

Ein echtes Pferde wäre teurer

«Zuerst staunte ich schon ein bisschen», kommentiert eine Mutter das neuste Hobby ihrer Tochter. «Doch unterdessen haben wir uns damit angefreundet. Ein echtes Pferd wäre um ein Vielfaches teurer.» Das Hobby-Horsing-Training, das Daria und ihre Freundinnen anbieten, ist kostenlos. Alles, was man zum Mitmachen braucht, ist ein Hobby Horse. Dieses macht man selber oder man kauft sich eines.

«Mein Vater musste sich extra ein Insta-Profil eröffnen, damit er mir mein Pferd kaufen konnte», erzählt eines der Mädchen. Die Kosten dafür liegen zwischen 100 bis 400 Franken. «Die Pferde aus Finnland sind etwas teurer. Und es kommen noch die Transportkosten hinzu.»

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Natürlich gibt es auch Zubehör: Hürden zum Beispiel, glitzerndes Zaumzeug, farbige Pferdedecken oder Reitgerte. «Der neuste Trend in Finnland ist momentan ein Pferdeschweif fürs Dressurreiten», weiss Daria. Natürlich hat sie sich bereits einen gekauft und ihn am Steckenende montiert.

Zum Training hat Daria mehrere ihrer Hobby Horses mitgebracht. Insgesamt besitzt sie zwölf dieser besonderen Steckenpferde. Jedes hat einen Namen. Sie kennt die Rasse, den Stammbaum, sie besitzt sogar Pferdepässe für sie. «Caio ist mein Lieblingspferd. Das ist in sechsjähriger, schneeweisser Lusitano-Hengst aus Portugal mit sehr viel Temperament und extremer Ausdauer. Er ist die Kopie eines Pferdes, das ich in einer Reitwoche sehr lieb gewonnen habe.»

Fast wie ein richtiges Rössli

Daria erzählt von Hobby Horserinnen, die ihre Pferde tatsächlich füttern, in dem sie ihnen Heu, Meerschweinchenfutter oder sogar Pferdeleckerli anbieten. «Sie striegeln sie und reiten täglich mit ihnen aus.» Ganz so verbissen ist Daria dann doch nicht. Der Grossteil ihrer Tiere steht im ehemaligen Gartenhaus. «Doch meine teuren Finn-Pferde habe ich schon bei mir im Schlafzimmer», gesteht sie.

Einige ihrer Pferde hat sie selber gemacht. Sie ist aber noch nicht ganz zufrieden mit dem Resultat. Andere sehen das anders. Stolz zeigt eines der jüngeren Mädchen auf sein Pferd und meint stolz: «Das hat Daria gemacht.» Daria ist ein Vorbild für sie, weiss viel über Hobby Horsing und kann fast immer weiterhelfen. Es prasseln so viele Fragen und Bestellungen auf die Trainerin ein, dass sie ihr Handy zücken und sich Notizen machen muss, damit sie nichts vergisst.

Viel Gemeinschaftssinn

Bevor es zum Abschluss in den nahen Wald zu einem Ausritt geht, machen die Skyriders gemeinsam Pause. «Wir sind nicht nur der grösste Hobby-Horsing-Club der Schweiz, wir sind sicher auch der gefrässigste», meint Daria scherzhaft. Ladina hat leckere Muffins gebacken. Ausserdem werden Salzcracker und Gummibärchen herumgereicht. Hobby Horsing macht hungrig.

Dann reitet die Mädchengruppe rege plaudernd und im gemütlichen Tempo Richtung Wald. Denn einfach nur normal gehen, geht nicht mit einem Hobby Horse. Das Steckenpferd zwischen den Beinen regt zu einem eher wippenden Gang oder sogar kleinen Sprüngen an.

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Würden die Mädchen auch ohne Pferde am Sonntagnachmittag zusammen herumspringen und in den Wald gehen? Ein einstimmiges «Nein» erübrigt weitere Fragen in diese Richtung. Nach drei Stunden Training sind die Kleinsten müde. Hobby Horsing ist anstrengend, macht aber total Spass. «Man spürt einen Gemeinschaftssinn und hält zusammen. Das ist einfach schön», resümiert Daria.

Was ist Hobby Horsing?

Einfach erklärt, ist ein Hobby Horse ein Steckenpferd mit einem kürzeren Stock. Dieser ist meist ungefähr 30 Zentimeter lang. Ein längerer würde bei den Sprüngen nämlich stören, vielleicht sogar die Stange herunterschlagen. Ein Hobby Horse ist etwas leichter, schmaler und realistischer gestaltet, als ein Steckenpferd. In der Regel ist es handgemacht.

Beim Hobby Horsing macht man alles, was man mit einem richtigen Pferd auch machen würde. Also springen, Dressur reiten, Western, Cross Country, longieren, Kutsche fahren. Der Höhenrekord im Sprung liegt bei 1,41 m und wurde in Finnland aufgestellt. Wer keinen Club in der Nähe hat, findet Tutorials auf Youtube, kann sich über Instagram ein Hobby Horse plus Zubehör kaufen und sich informieren, was in der Szene so läuft.

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