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Eine «Grüne Revolution» für Afrika?

Biolandwirt Markus Schär unterstützt als praktischer Berater das landwirtschaftliche Bildungszentrum Kasisi (KATC) in Sambia. Für die BauernZeitung bloggt er über seine Erfahrungen.


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Können Sie, liebe Bäuerin, lieber Bauer, mit dem Konzept der «Grünen Revolution» etwas anfangen? Erinnern wir uns: Auf den Zweiten Weltkrieg folgte bald einmal der Kalte Krieg als Kampf der Systeme, Kapitalismus versus Kommunismus. In der globalen Peripherie, auch als «Dritte Welt» bezeichnet, wurde um geopolitischen Einfluss gerungen. Die Supermächte brauchten Hinterhöfe für die Versorgung mit Rohstoffen und Energieträgern sowie für die Stationierung von Atomwaffen und Truppen. Es galt strategisch wichtige Verkehrswege zu sichern.

Auch die Landwirtschaft war Teil des grossen Planspiels der Kalten Krieger. Auf Seiten der USA förderte die finanzstarke Rockefeller Stiftung eine «Grüne Revolution»: Mit dem Export des amerikanischen Modells der intensiven Landwirtschaft – hybride Hochleistungssorten, Agrochemie und fossile Mechanisierung – in «Entwicklungsländer» sollte dort der Hunger bekämpft, die sozialen Spannungen entschärft und einer «roten» Revolution vorgebeugt werden. In Ländern wie Indien, Pakistan und auf den Philippinen wurden damit beträchtliche Produktivitätsfortschritte erzielt – und angeblich Hungersnöte verhindert. Ignoriert aber wurde, zu welchem Preis dies geschah.

Die Kehrseiten der forcierten «Modernisierung» der Landwirtschaft werden heute in afrikanischen Ländern sichtbar, wo eine Allianz aus privaten Stiftungen, Agrarkonzernen und staatlichen Entwicklungsagenturen eine Neuauflage der «Grünen Revolution» vorantreibt.

2004 appellierte der damalige UN-Generalsekretärs Kofi Annan während eines Treffens, bei dem über Armutsbekämpfung diskutiert wurde, an afrikanische Staatschefs und Politiker : «Lasst uns eine afrikanische grüne Revolution schaffen!» Zwei der weltweit grössten privaten Stiftungen, die Bill & Melinda Gates Foundation und die Rockefeller Foundation, reagierten auf den Appell und gründeten die «Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika» (AGRA).

Seither versucht die Allianz die afrikanischen Landwirtschaften im Sinne ihrer Entwicklungsvision umzupflügen. Das Ziel besteht darin, bisher nicht mit den Segnungen des Agrobusiness beschenkte BäuerInnen mit «verbessertem» Saatgut und Agrochemie (Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel) zu versorgen. Anstatt der traditionellen, bäuerlich gezüchteten Sorten, die heute immer noch rund 80% des Saatguts in Afrika ausmachen, sollen Cash Crops, also marktkonforme Hochertragssorten, angebaut werden. Den Bäuerinnen und Bauern wird nahegelegt, ihre traditionelle Rolle als SaatgutzüchterInnen aufzugeben und sich auf den Anbau zu beschränken. Der Mehrertrag aus den «verbesserten» Sorten, so die Verheissung, soll es ihnen erlauben, sich aus der Armut zu «befreien».

Doch wie der deutsche Agrarwissenschaftler Peter Clausig schreibt, ist die deklarierte Mission der «Grünen Revolutionäre» trügerisch: «Afrikanische BäuerInnen, die über Generationen lokal angepasste Sorten gezüchtet haben, stellen Forschungseinrichtungen ihr Saatgut zur Verfügung, das ihnen nach ein paar Kreuzungen wieder verkauft wird.»

Vor diesem Hintergrund entpuppt sich die Armutsbekämpfung der AGRA als «trojanisches Pferd», wie die internationale Bewegung von KleinbäuerInnen und LandarbeiterInnen Via Campesina kritisiert: die traditionelle Saatgutzucht werde gezielt zerschlagen und die genetischen Ressourcen privatisiert, damit ein kommerzieller Saatgutmarkt errichtet werden kann. Dazu passt, dass die AGRA bei den Regierungen einzelner afrikanischer Staaten für Gesetzte lobbyiert, die den freien Austausch von Saatgut einschränken sollen. Weiter setzt sich die Allianz für den Erlass von nationalen Düngestrategien ein und macht sich für die Formalisierung des Handels mit Agrarrohstoffen stark. Kurzum: die AGRA erschliesst den Saatgut- und Düngerkonzernen neue, lukrative Absatzmärkte und schafft Rahmenbedingungen zur Aneignung von bäuerlichem Mehrwert durch die Verarbeitungsindustrie, den Handel und die Kreditgeber. Es geht der AGRA um nichts weniger als um eine grundlegende Machtverschiebung im Ernährungssystem.

Klingt das alles zu abstrakt und theoretisch? Dann helfen vielleicht ein paar konkrete Beispiele. Die AGRA hat in Sambia zwischen 2007 und 2015 Fördermittel im Umfang von 12,4 Millionen US-Dollar an 24 Projekte von Entwicklungsorganisationen, Saatgutfirmen und Agrarforschungseinrichtungen verteilt. Bis 2012 wurden rund 40% der Gelder für ein Programm aufgewendet, das den Aufbau regionaler Netzwerke von kommerziellen Agrarhändlern zum Ziel hatte. In den ländlichen Gemeinden wurden geeignete Personen rekrutiert und mit einem Darlehen sowie mit einem Container ausgestattet. Diese Agrarhändler, so die Absicht, sollten mit BäuerInnen, die bislang keinen Zugang zu Hybridsaatgut, Kunstdünger und Agrochemikalien hatten, ins Geschäft kommen. In der Drogenbranche nennt man das «anfixen».

Dabei zeigen sich doch gerade dort, wo sambische Bäuerinnen und Bauern schon lange Hybridmais und Kunstdünger verwenden, verheerende Folgen. Charles Nkoma, Direktor des Community Technology Development Trust in Sambia, sagt: «Wir stellen fest, dass die Böden durch den subventionierten Kunstdünger derart degradiert wurden, dass selbst BäuerInnen, die heute nachhaltigeren Landbau betreiben möchten, auf Kunstdünger angewiesen sind.»

Ein Bauer aus Chongwe bestätigt: «Der Boden ist in einem schlechten Zustand. Wenn kommerzielles Hybridsaatgut erhältlich ist, wird Mais mit Kunstdünger angebaut und sonst nichts.» Das Problem ist, dass viele BäuerInnen den Heilsversprechen der Agroindustrie leicht auf den Leim kriechen – insbesondere, wenn diese von lokalen Autoritäten verbreitet werden. Dazu Susan Chilala, Sekretärin der sambischen Landfrauenversammlung: «Wir stellen fest, dass die meisten Leute das traditionelle Wissen nicht mehr ernst nehmen. Weil die 'andere Seite' gratis Sachen anbietet und den Leuten dazu erzählt, ihr lokales Wissen und der lokale Landbau seien nicht mehr gut genug.»

Als Lockmittel der «Grünen Revolutionäre» fungiert stets das liebe Geld. Charles Nkhoma: «Die BäuerInnen neigen nun dazu, anzubauen, was ihnen den grössten Profit verspricht.» Was das heisst, präzisiert der Bauer aus Chongwe: «Wenn du schnelles Geld machen willst, musst du diese Chemikalien [Kunstdünger] verwenden.» Dass diese Ansicht grundfalsch ist, wenn man sämtliche Kosten berücksichtigt, muss ich zumindest den BiobäuerInnen unter Euch nicht weiter erläutern.

Im Rahmen eines anderen Programms in Sambia steckte die AGRA kommerziellen Saatgutfirmen 905'000 US-Dollar zur Produktion und -verteilung von «verbessertem» Saatgut zu. Dies, obwohl gemäss Carl Wahl gute, lokale Kultursorten vorhanden wären: «Sie müssten nur angemessen gehandhabt werden.»

Weiter finanzierte die AGRA ein sogenanntes Bodengesundheitsprogramm, das unter dem Motto «Neues Leben kommt in Afrikas degradierte Böden» Fruchtfolgen mit Leguminosen und bodenschonende Anbaumethoden förderte. Offenbar hatte man aus einigen Fehlern der ersten «Grünen Revolution» gelernt und integrierte bei ihrer Neuauflage wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirksamkeit von agrarökologischen Landbautechniken. Eine typische Vereinnahmung, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Priorität der AGRA, gemessen am Aufwand, nach wie vor klar auf dem Kunstdünger-Ansatz bzw. -Absatz liegt. Was schlicht ein Zielkonflikt mit der Agrarökologie ist.

Vorderhand sind die Aktivitäten der AGRA in Sambia widersprüchlich. Eine Einordnung im breiteren Kontext lässt allerdings das System hinter dieser Widersprüchlichkeit erkennen. Die AGRA missbraucht das Etikett der Ökologie und der Nachhaltigkeit, um ihrer «Grünen Revolution» zum Durchbruch zu verhelfen. Die verkündete Erfolgsgeschichte der Hungerbekämpfung dient als erzählendes Vehikel zur Etablierung der ideologischen Hegemonie im Ernährungssystem. Der eigentliche Treiber hinter der Hungerbekämpfung aber ist der Expansions- und Wachstumsdrang des Agrobusiness.

Ein weiteres Indiz hierfür ist der Flirt der AGRA mit der «grünen» Gentechnik, die Monsanto und Co. neue Expansionsmöglichkeiten eröffnen würde, wenn der Widerstand dagegen gebrochen werden könnte. Bis anhin haben «nur» Südafrika, Ägypten, Burkina Faso und der Sudan Gentech-Pflanzen kommerzialisiert. Die grosse Mehrheit der afrikanischen Länder lehnt die «grüne» Gentechnik ab. Die schnöde Aussage im «Africa Agriculture Status Report 2013» der AGRA dazu: «In Afrika gibt eine wachsende öffentliche Opposition gegen GV-Pflanzen, die sich am besten als Angst vor dem Unbekannten beschreiben lässt.» Diese Opposition sei eine «Farce», ist weiter zu lesen.

Und die sozialen Konsequenzen einer neuen «Grünen Revolution» in Afrika? Im offiziellen Dokument «Landwirtschaftlichen Strategie 2008-2011» der Gates-Stiftung, die die AGRA massgeblich alimentiert, steht es unverblümt geschrieben: Die «Grüne Revolution» werde in afrikanischen Ländern «eine gewisse Landmobilität und einen geringeren Anteil von direkt in der Landwirtschaft Beschäftigten erfordern.»

Für Sambia hält Charles Nkhoma fest: «Der Typ Bauer, den das aktuelle Agrarsystem fördert, ist der Hochleistungsproduzent, von denen das Land nur wenige braucht. Das können nicht 80% der Bevölkerung machen.» «Einen Teil der KleinbäuerInnen wird man in die Slums der afrikanischen Metropolen oder vor die Tore der Festung Europa treiben», schlussfolgert der Agrarwissenschaftler Peter Clausig.

Mit welcher Strategie kann dieser Enteignung der BäuerInnen entgegengetreten werden? Welche Ansätze bergen das Potenzial nicht nur für die Überwindung des Hungers, sondern auch für souveräne Agrarkulturen in Afrika? Der Weg beginnt vermutlich bei der Verteidigung und Förderung der bäuerlichen Kontrolle über das Saatgut. Wie einst die indische Ökoaktivistin Vandana Shiva sagte: «In einem Samen ist das Universum enthalten.»

Markus Schär

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