Kühe haben Hörner. Aber warum eigentlich? Mit dieser Frage beschäftigt man sich nicht erst seit der Diskussion um die Hornkuh-Initiative. Feststeht: Einen Nutzen müssen die Hörner haben, sonst wären sie als nutzlose Energieverschwendung in der Natur verschwunden. Dafür spricht auch, dass die Hornlosigkeit dominant vererbt wird. Böte ein Leben ohne Horn einen Vorteil, wäre schnell der ganze Bestand hornlos. Umgekehrt bestätigt es, dass behornte Tiere in freier Wildbahn einen ziemlich grossen Vorteil haben müssen.

Köperteil, nicht Kopfschmuck

«Das Horn ist ein Hautanhangsorgan und damit ein Körperteil», stellt Anna-Maria Reiche von der Agroscope-Forschungsgruppe Wiederkäuer fest. Eine Broschüre des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) schildert den Aufbau eines Horns: Es besteht aus einem knöchernen Zapfen im Innern, der ein Leben lang wächst. Die eigentliche Form entsteht durch eine Hornscheide drumherum. Diesen Teil kann man als Trinkgefäss verwenden und er ist vergleichbar mit einem Fingernagel. Innen sind die Hörner von Rindern aber hohl, mit einer Schleimhaut ausgekleidet und mit den Nasennebenhöhlen des Schädels verbunden. Dank der Durchblutung fühlen sie sich in der unteren Hälfte warm an.

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Alle Wiederkäuer tragen Hörner

Betriebsporträt«Hörner sind nicht einfach Waffen»Dienstag, 21. September 2021Soweit die Anatomie. Da Kühe ohne Hörner – zumindest in menschlicher Obhut – durchaus überleben, sind sie weniger wichtig als andere Organe wie etwa der Pansen. Es gibt aber Vermutungen, dass Horn und Verdauung zusammenhängen, z. B. weil alle Wiederkäuer sie tragen. Ausserdem gelangt durch die Verbindung zum Schädel und damit zur Mundhöhle aus dem Pansen als Rülpser aufsteigende Luft in die Hörner. Auch ein Druckausgleich wäre denkbar. Weiter ist Schleimhaut im Atmungstrakt ein Teil des Immunsystems, befeuchtet und erwärmt die Luft, bevor sie in die Lunge strömt. 

Da Rinder in wärmeren Klimazonen grössere Hörner haben, könnten sie auch im Wärmehaushalt eine Rolle spielen. Das erinnert an die langen Löffel von Wüstenhasen und die im Vergleich dazu sehr kurzen Ohren von Schneehasen. Eine Studie der Uni Kassel konnte allerdings keinen Zusammenhang zwischen Hitzestress im Stall und Hornstatuts feststellen.

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Hornen zum Kräftemessen geht nur mit Horn

Bekannt und beobachtbar ist der Einfluss des Hornstatus auf das Verhalten. Hörner werden zum Rückenkratzen verwendet oder kommen bei Hierarchiekämpfen zum Einsatz. Dabei sind sie beim sogenannten Hornen essentiell, da nur behornte Kühe Kopf an Kopf ihre Kräfte messen können. Ohne diese Verzahnung fehlt der Halt.

Hornkühe haben eine bis zu dreimal grössere Individualdistanz als Hornlose, halten Artgenossen also auf bis zu drei Metern Entfernung. Das macht ihre Haltung anspruchsvoller, da die Tiere mehr Platz brauchen. Dies – und Sicherheitsbenken mit dem Aufkommen von Laufställen – sind laut dem Schweizer Bauernverband die wichtigsten Gründe für das Enthornen von Kälbern.

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Aufgrund ihrer schlechten Sehkraft konzentrieren sich Kühe primär auf Silhouetten, um einander zu erkennen, schreibt das FiBL weiter. Da Hörner eine individuelle Form haben und Bewegungen besser sichtbar machen, erleichtern sie die Kommunikation in der Herde, so die Schlussfolgerung. Leichte Kopfbewegungen werden dank horngekröntem Schädel zur ausdruckstarken Geste.

Gemäss FiBL haben Kühe eine ziemlich klare Vorstellung von der Form ihrer Hörner und können sie sehr gezielt nutzen. So soll eine Kuh sich sogar das Auge an Hornspitze einer anderen kratzen und putzen können.

Positive und negative Folgen für das Tierwohl

Angesichts der Art, wie Kühe ihre Hörner einsetzen, stellt sich die Frage, welche Folgen das Enthornen hat.

Eine Studie der Vetsuisse hat ergeben, dass Kälber nach der Enthornung trotz optimaler Betäubung und Schmerzausschaltung sowohl akute als auch chronische Schmerz- und Überempfindlichkeiten am Kopf haben können. Von den 21 enthornten Stierkälbern waren 38 Prozent von chronischem Schmerz betroffen. Ausserdem lässt sich beobachten, dass enthornte Kühe eine länglichere Schädelform aufweisen. Möglicherweise wird damit die ohne Hörner fehlende Erweiterung der Stirnhöhle kompensiert.

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In einem Verhaltensexperiment fand Agroscope einen Einfluss des Hornstatus bei Mastrindern. Dieser hing allerdings vom Geschlecht ab: weibliche Tiere zeigten mehr Angst-assoziertes Verhalten auf einen unbekannten Gegenstand mit Horn als ohne, währen bei Stieren das Gegenteil der Fall war. Generell waren horntragende Mastrinder körperlich aktiver und verdrängten bei Futterkonkurrenz öfter ihre Artgenossen. Letzteres geschah bei Stieren mehrheitlich mit, bei weiblichen Tieren ohne Körperkontakt. Das Tragen von Hörnern könne das Tierwohl sowohl positiv als auch negativ beeinflussen, schlussfolgern die Forschenden.

Weiter fanden Agroscope-Forschende einen Einfluss des Hornstatus auf die Zartheit des Fleischs von Mastmunis. Die Saftigkeit hingegen werde primär vom Stresslevel im Schlachthof bestimmt, unabhängig von Hörnern.

Der Wildtyp trägt Horn

Lebensnotwenig sind Hörner für Kühe offensichtlich nicht. Schliesslich gibt es genetisch hornlose Rassen, die gut ohne zurecht zu kommen scheinen. Sie sind durch spontane Mutationen und anschliessende Züchtung entstanden, heisst es in einem Beitrag der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in «Agrarforschung Schweiz». Man unterscheidet die keltische (z. B. Simmentaler und andere Zweinutzungs-  und Fleischrassen) und die friesische Mutation (Holstein), die jeweils denselben Abschnitt im Erbgut betreffen. Als Ursprungsform oder Wildtyp gilt klar die Hornkuh.