«Der Wolf hat ein schlechtes Image – zumindest im Märchen.» So begann René Bortolani, Journalist und Dozent an der ETH Zürich, die Podiumsdiskussion zum Wolf, welche am 16. März von den Agrotechnikern des Strickhofs organisiert wurde. Bortolani, der das Podium moderierte, erzählte den Zuhörern vor Ort an der ETH Zürich und jenen, die von zu Hause via Zoom teilnahmen, die Geschichte vom Rotkäppchen, die in einem Happy-End endet.

Zwischen Angstmacherei und Realität
«Jetzt sind wir im Jahr 2022 und es ist zu befürchten, dass auch bei uns irgendwann ein Kindchen von einem Wolf gefressen wird», sagte René Bortolani. Damit nahm er Bezug auf ein Interview, das Podiumsteilnehmer Marcel Züger, Biologe und Wolfsgegner, einst im «Blick» gab. Der Angesprochene ist sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Wolf am Uetliberg im Kanton Zürich umherstreife. «Das ist keine düstere Prognose, sondern irgendwann Realität», sagte Züger.
Urs Leugger-Eggimann, Zentralsekretär Pro Natura, hatte für diese Aussage kein Verständnis und bezeichnete sie als reine Polemik. «Wir dürfen den Wolf sicherlich nicht romantisieren, aber wir müssen uns auch von der Angstmacherei verabschieden.» Die Natur- und Umweltschutzorganisationen seien konsensorientiert unterwegs, betonte Leugger. «Wir sind im Dialog mit den verschiedenen Gruppen und den Direktbetroffenen.» Es war ein Satz, den er während des Podiums fast wie ein Mantra wiederholte.
Thomas Roffler, Bergbauer und Präsident des Bündner Bauernverbandes, berichtete von eben diesen Direktbetroffenen, die tagtäglich unter der Wolfspräsenz leiden und sich sorgen um den Schutz ihrer Tiere. «Dieser Zustand ist nicht akzeptabel und nicht zu akzeptieren. Unsere Bergbauern werden durch den Wolf in der Bewirtschaftung ihres Eigentums eingeschränkt.»
Kritik an «halbherzigem» Herdenschutz
Für Brigitte Wolf, Grüne-Grossrätin Wallis und Biologin, ist eine Regulation dann angemessen, wenn ein Wolf Schaden anrichtet, also wenn er anfängt, Nutztiere zu reissen. Zugleich hielt sie fest, dass nicht das Verhalten des Wolfes problematisch sei, dieser verhalte sich nämlich wie ein Wildtier.
«Eigentlich verhalten sich unsere Haustiere nicht normal, denn sie haben verlernt, vor Raubtieren zu flüchten.»
Brigitte Wolf, Biologin
Urs Leugger pflichtete ihr bei und sagte, es sei eben wichtig, die Nutztiere richtig zu schützen. Halbherzige Massnahmen, wie das Fehlen von Zäunen, würden nichts bringen.
Thomas Roffler gab zu verstehen, dass die Praxis auf den Alpen eine andere sei als die geschilderte Theorie. Die Herdenschutzmassnahmen auf den Alpen würden nur zum Teil funktionieren. «Wir sind nicht bereit, die Alpwirtschaft als Übungsfeld für die Wölfe zur Verfügung zu stellen!» Geld und Herdenschutz würden das Wolfs-Problem nicht lösen. Es brauche gezielte Regulationen und präventive Abschüsse.
Nichts von versprochenen Verbesserungen gemerkt
Urs Leugger versuchte mehrfach darzulegen, dass Wolfsgegner und Wolfsbefürworter aus insgesamt neun Verbänden sich zusammengefunden hätten, um auf eine gemeinsame Lösung hinzuarbeiten. Ein Konsens über eine Koexistenz mit dem Wolf sei auf gutem Weg. Dennoch blieb er vage. «Wir sind daran, eine Gesetzesrevision anzustossen, die einen pragmatischeren Umgang mit dem Wolf ermöglichen soll.» Leugger hob hervor, man wehre sich nicht gegen den Abschuss von Einzelwölfen. Diese Regulierung sei heute schon möglich.
Thomas Roffler sah dies anders. Nach der Ablehnung des Jagdgesetzes 2020 hätten die Naturschutzverbände Verbesserungen auf den Alpsommer 2021 versprochen. Passiert sei nichts. Nirgends. Und er konfrontierte Leugger direkt mit der Frage, ob dieser gewillt sei, die Kompetenzen zurück an die Kantone zu geben.
Leugger wich aus und verwies stattdessen auf die Nachwahlbefragung. Diese hätte gezeigt, dass die Stimmbevölkerung die Kompetenz für die Regulierung von Wolfsrudeln beim Bund lassen wollte. Roffler sieht den wahren Grund woanders: «Von Seiten der Wolfsbefürworter ist man interessiert, dass die Verfahren möglichst lange dauern. Diese gehen in der Bundesverwaltung länger als in den Kantonen.» Aus seiner Sicht wäre es durchaus möglich, zusammen mit den Jagdämtern präventive Regulierungen durchzuführen.
«Mehr Geld ist nicht die Lösung»
Marcel Züger meinte zu den Äusserungen von Urs Leugger: «Das Konkreteste, was ich bisher gehört habe, ist mehr Geld für mehr Zäune und mehr Hirten. Aber das reicht nicht.» Er warnte davor, dass irgendwann auch Zäune nicht mehr schützen und zusehends mehr Grossvieh angegriffen wird.
«Es braucht eine knallharte rote Linie, so dass der Wolf merkt, dass Nutztiere tabu sind.»
Marcel Züger, Biologe
Brigitte Wolf erachtet diesen Vorschlag nicht als zielführend. «Es ist unmöglich, DIE rote Linie zu ziehen.» Ein Null-Risiko gebe es ohnehin nicht. Sie räumte ein, dass es bei der Wolfspopulation in der Schweiz eine exponentielle Zunahme gibt. Diese Kurve werde aber irgendwann von selbst abflachen und es werde eine Regulation der Wölfe geben. An die Landwirtschaft gewandt meinte sie, es müssten sich eben beide Seiten bewegen. «Je länger sich die Bauern gegen Massnahmen wehren, desto länger haben wir dieses Problem.» Es sei erwiesen, dass es viel weniger Risse gibt, wo Schutzmassnahmen ergriffen würden.
Bejagen und in die Schranken weisen
Richtig emotional wurde es dann im zweiten Teil des Anlasses, als das Publikum seine Fragen stellen konnte. Aus den Voten war herauszuhören, dass unter den Teilnehmern viele Betroffene waren. So berichtete ein Bauer aus der Surselva, dass er und seine Frau während der ganzen Alpzeit keine Nacht ruhig schlafen würden wegen der dortigen Wolfspräsenz.
«Was wir schon erlebt haben mit dem Wolf, passt auf keine Kuhhaut!»
Bauer aus der Surselva GR
An Brigitte Wolf gerichtet sagte er, dass diese zwar viel gesprochen, aber wenig gesagt hätte. «Was Sie erzählen, ist Theorie aus den Büchern und Studien. Wir kennen den Wolf aus eigener Erfahrung und diese ist massiv anders.» Wie denn seine Lösung aussehen würde, wandte sich Wolf an den Landwirten. Dessen Antwort war kurz und bündig: «Bejagen und in die Schranken weisen.»
Viele offene Fragen
Thomas Roffler meinte, es sei am heutigen Abend viel theoretisch argumentiert worden. «Fakt ist: Seit wir mehr Wölfe haben, sind die Probleme auch grösser. Seit wir mehr Wölfe haben, hat sich vieles zum Negativen verändert.» Er forderte Leugger auf, Ja zu sagen zu einem Gesetz, das unbürokratisch umgesetzt werden kann, ohne lange Verfahren, und das den Kantonen Vertrauen und Verantwortung gibt.
«Sagen Sie Ja zu einem Gesetz, mit dem das Alppersonal wieder gerne auf die Alp geht.»
Thomas Roffler, Präsident Bündner Bauernverband
Leuggers Abschlussvotum machte den Eindruck als hätte er den Betroffenen eben nicht wirklich zugehört: «Wir alle sind gefordert mit der Rückkehr des Wolfes. Wir sind daran, einen Weg für die Koexistenz mit dem Wolf zu finden.»
Kommentar der Autorin: Ein Podium, das eigentlich keines war
Der Wolf ist zu einem Reizthema geworden – unbestritten eine gute Themenwahl für die Podiumsdiskussion, welche die Agrotechniker des Strickhofs an der ETH Zürich und via Zoom durchführten. Auch die Referenten tönten vielversprechend, zwei Biologen, ein Vertreter von Pro Natura und ein Bergbauer. Das Podium an sich hat die Bezeichnung Diskussion allerdings nicht verdient. Vielmehr legten die Referenten ihre Standpunkte dar und selbst das ziemlich trocken – ausgenommen von Thomas Roffler, dessen Stimme auch mal lauter und die Äusserungen energischer wurden. Der Bündner Bauernpräsident war der einzige Direktbetroffene in der Runde, hatte aber am wenigsten Redezeit. Ein wirkliches Streitgespräch entstand nicht. Etwas «Leben» in die Diskussion brachten erst die Saal- und Zoomteilnehmer(innen). Mehrere betroffene Landwirte meldeten sich zu Wort und schilderten hörbar emotional, wie schwierig ihr Alltag mit dem Wolf ist. Die beiden Pro-Referenten sagten, sie hätten Verständnis für diese Ängste und Sorgen. Mehr aber nicht. Dass die Podiumsdiskussion so versandete, lag nicht an Agrotechnikern, sondern am Moderator. Ihm gelang es nicht, die «richtigen» Fragen zu stellen, damit ein wirkliches Streitgespräch entstand. Eigentlich schade, das Thema hätte genügend Zündstoff gehabt.

