Neues Jahr, neues Glück. Erst recht, wenn die Quersumme von 2022 einen 6er im Lotto verspricht. Aber das Leben ist kein Glücksspiel, Lotto lohnt sich sowieso nur für die Bank, das haben wir in Mathe gelernt, weiss Lukas Kilcher, der Ebenrain-Chef aus Sissach im Baselbiet. Glück als etwas Gutes, das einem zufällt, sei zwar wünschenswert. Aber auf Zufälle zu warten oder sich dem Schicksal zu verschreiben, fühle sich ohnmächtig unglücklich an. «Jeder ist sein eigener Glücksschmied, aber die wenigsten Bauteile unseres Glücks können wir alleine schmieden», ist Lukas Kilcher überzeugt. Was für ihn heisst: Den eigenen und gemeinsamen Handlungsspielraum erkennen und nutzen. Er wagt im Interview einen Blick in die Zukunft, was der Landwirtschaft bevorsteht und was sie zum guten Gelingen selbst schmieden kann.
Welche Bauteile (Herausforderungen) müssen für das neue Jahr von der Landwirtschaft geschmiedet und gemeistert werden?
Lukas Kilcher: Solche, die jeder Betrieb für sich selber lösen muss – zum Beispiel eine Hofübergabe oder eine Investition in einen neuen Stall. Und andere, die nur gemeinsam lösbar sind. Der Neujahrsfrühling 2022 hat uns jäh aus dem Wintertraum gerissen und erinnert uns an den Klimaschutz, der zur Generationenaufgabe für alle wird. Oder die Daueraufgabe Agrarpolitik, sie wird von vielen gestaltet. Auch am Markt passiert Bedeutendes, vieles hinter den Kulissen, zum Beispiel die Sortiments- und Preispolitik eines Lebensmittelverteilers. Wenige Grossunternehmen stehen am Markt vielen kleinen Landwirtschaftsbetrieben gegenüber. Deshalb müssen die Bauern gut zusammenhalten.
Wie kann sich eine Bäuerin, ein Bauer bei all diesen Herausforderungen glücklich fühlen?
Entscheidend für unser Glücksgefühl ist unser Verhältnis zu den veränderbaren und nicht veränderbaren Umständen, und wie wir Veränderbares aktiv gestalten. Schauen wir uns zum Beispiel ein Thema an, das die Landwirtschaft 2022 besonders beschäftigen wird: Wieder kommen Agrar-Initiativen auf uns zu: Massentierhaltung, Biodiversität und Landschaft. Wir können uns ohnmächtig fühlen oder ärgern über Gruppierungen, welche der Landwirtschaft mehr oder weniger kompetent dreinreden. Oder wir nehmen die Diskussion mit offener Haltung an und machen etwas daraus.
Die Landwirtschaft soll die Agrar-Initiativen zu ihren Gunsten nutzen?
Klar, Volksinitiativen geben uns Gelegenheit, Anliegen auf unsere Weise zu beantworten. Schliesslich schätzen wir mündige Konsumentinnen und Mitbürger, die wissen wollen, woher ihr Essen kommt und wie es produziert wird. Führen wir eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung, auch wenn wir die Initiativen und Gegenvorschläge nicht annehmen müssen.
Welche Vor- und Nachteile bringt etwa die Massentierhaltungs-Initiative mit sich?
Die Massentierhaltungs-Initiative (MTI) führt eine eigene Definition ein, was Massentierhaltung ist: «Formen der landwirtschaftlichen Tierhaltung, bei denen das Tierwohl aus Wirtschaftlichkeitsgründen systematisch verletzt wird». Unisono aus dem Nationalrat: Das gibt es bei uns nicht. Im Gegensatz zur EU, wo viel höhere Bestände mit weniger Tierwohl erlaubt sind, ist die Schweizer Landwirtschaft Spitzenreiterin in Sachen Tierwohl. Das lässt sich mit Fakten belegen und gut illustrieren. Dank der MTI erhalten wir also Gelegenheit, das hohe Tierwohlniveau der Schweizer Landwirtschaft und unserer Labelprogramme aufzuzeigen, genauso die kontinuierlichen Verbesserungen, die wir anstreben.
Was soll aus Ihrer Sicht weiter angestrebt werden?
Biologische Nutztierproduktion ist ein Bestandteil unserer Agrarpolitik und soll weiter gefördert werden, aber auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, mit Beiträgen und über den Markt, wo noch grosses Potenzial liegt. Zeigen wir auf, welche freiwilligen Möglichkeiten Konsumentinnen und Konsumenten haben, beim täglichen Einkaufen ihre Stimme abzugeben, indem sie hiesiges Fleisch und Labelprodukte kaufen, und wie sie der Verlockung von billigem Importfleisch und Einkaufstourismus widerstehen können. In der Verantwortung stehen auch die Grossverteilerinnen, der Verlockung von höheren Margen bei Importprodukten zu widerstehen und diese weniger anzubieten, zugunsten von hiesigem Hochqualitätsfleisch, nach dem Motto «weniger ist mehr». Das ist auch gut fürs Klima.
Welche Schlüsse darf oder muss die Landwirtschaft zu den zwei gewonnen Agrar-Initiativen vom vergangenen Sommer ziehen?
Die Landwirtschaft hatte eine solide Mehrheit dank guter Argumentation auf ihrer Seite, aber auch wegen Schwächen der Initiativen, obwohl die Anliegen berechtigt sind. So hat die Trinkwasser-Initiative die Bauern angeprangert anstatt gemeinsam Lösungen gesucht, und sie hätte Probleme ins Ausland exportiert. Bei der MTI verhält es sich ähnlich. Wir müssen die grossen Probleme globaler angehen und gleichzeitig unsere kompetitive Qualität in Sachen Tierwohl und Ökologie ausbauen. Es braucht tatsächlich nicht für alles einen Gegenvorschlag. Demokratie jedoch als störende Einmischung abzutun, welche mit plumpen Emojis zu beantworten ist, wäre eine gefährliche Abkehr von der guten Argumentation. Wir müssen die Zusammenhänge geduldig und seriös aufzeigen.
Wie sehen Sie die Zukunft einer erfolgreichen inländischen Produktion?
Ich bleibe bei den Agrar-Initiativen, auch wenn es auf diese Frage sehr viel mehr zu sagen gäbe: Wir haben in der Schweiz eine wertvolle Tradition: Freiwillig mit zielgerichteter Förderung und im Rahmen strenger gesetzlich kontrollierter Vorgaben. Dieser Weg erfordert zwar mehr Diskussion, nimmt aber die Zielkonflikte schlussendlich ehrlicher auf als Zwang, der am Ende zahlreiche unerwünschte Nebeneffekte hat wie Zunahme von Einkaufstourismus und Bauern, die sich von der Gesellschaft bevormundet fühlen. Mit dieser Überzeugung im Rücken können wir uns den Initiativen mit offenem Geist stellen, ohne abwehrenden Groll.

