Wiederkäuer stehen zu Unrecht in der Kritik

Die richtige Antwort auf die Kritik der Klimabewegung an den Rindern wäre, diese nur noch mit Raufutter zu füttern, findet unser Gastautor Martin Graf. Damit sich die Milch- und Fleischproduktion automatisch auf ein vernünftiges Niveau reduziere, wären die Schweine- und Geflügelbestände auf ihre ursprüngliche Funktion als Restverwerter zu redimensionieren.

Methangas hat von 1850 bis 2021 zu rund einem Viertel zur Klimaerwärmung unseres Planeten beigetragen. Eine emittierte Tonne Methan ist, auf 100 Jahre gesehen, so klimaschädlich wie 25 Tonnen Kohlendioxid. Methan stammt sowohl aus natürlichen – vor allem Feuchtgebiete – als auch menschlichen Quellen zum Beispiel aus Reisfeldern, Mülldeponien oder Kohle- und Erdgasgewinnung.

Büffelherden machten die Böden erst fruchtbar

Etwa 12 Prozent der weltweiten Methanemissionen entstehen durch die mikrobielle Verdauung in Wiederkäuer-Mägen. Allerdings gilt es zu relativieren: Vor 12'000 Jahren war der Ausstoss an Methangas aus Mägen von Säugetieren mit mikrobieller Verdauung, vor allem von Büffeln, fast gleichhoch wie heute. Der Wiederkäuer wird in aktuellen Diskussionen um die Klimaerwärmung zu Unrecht als «Klimakiller» bezeichnet. Wenn dem so wäre, hätte die Klimaerwärmung nämlich bereits mit dem Ende der letzten Eiszeit (Ende Pleistozän) begonnen. Das Problem liegt ganz woanders! Riesige Büffelherden haben über Jahrtausende die fruchtbaren Böden dieser Erde geschaffen, die wir heute ackerbaulich nutzen. Sie haben ihre Weidegründe systematisch gedüngt und zum Humusaufbau dieser Flächen beigetragen.

Erhalt der Humusschicht muss oberster Gebot sein

Diese oberste organische und lebendige Schicht unserer landwirtschaftlichen Böden ist die Grundlage der Bodenfruchtbarkeit und wichtig als Wurzelraum und Wasserrückhaltebecken. Die Erhaltung und weitere Verbesserung dieser Humusschicht ist das oberste Gebot einer naturnahen Landwirtschaft und zentrale Voraussetzung für stabile Erträge.

Weil der Ackerbau, vor allem im Gemüse- und Hack­frucht­anbau, stark humuszehrend ist, muss mindestens ein Drittel der Ackerfläche als Kunstwiese genutzt werden. Nur so kann die durch Beackerung verlorengegangene organische Substanz wieder aufgebaut werden. Der Ertrag dieser Kunstwiesen lässt sich zusätzlich zu den Naturwiesen nur durch Wiederkäuer veredeln und als Hofdünger den Flächen wieder zuführen.

Vier Fünftel der Ackerfläche nur mit Wiederkäuer nutzbar

Von den weltweit 50 Mio km2 an landwirtschaftlich nutzbarem Land sind 71 Prozent reines Naturgrünland. Nur 14,5 Mio km2 können ackerbaulich genutzt werden. Von dieser Ackerfläche muss jeweils ein Drittel als Grasland genutzt werden, um den Humusaufbau zu gewährleisten. Somit lassen sich vier Fünftel der weltweiten Agrarflächen nur mit Wiederkäuern nutzen und damit Milch und Fleisch produzieren. Die darin enthaltenen Nährstoffe für den Menschen entsprechen allerdings nur knapp der Hälfte der auf der verbleibenden Ackerfläche produzierten Lebensmittel. Immerhin trägt das so von Wiederkäuern genutzte Raufutter zu knapp 30 Prozent der Ernährung der Menschheit bei. Wiederkäuer sind Raufutterverwerter und sollten so gefüttert werden.

Die Leistungszucht hat indessen die Rinder ernährungstechnisch in Schweine verwandelt. Nur mit einem hohen Anteil an Kraftfutter können die angestrebten Milch- und Fleischleistungen erreicht werden. Dadurch wandelten sich die Wiederkäuer, zusätzlich zu den Schweinen und zum Geflügel, zu direkten Konkurrenten der pflanzlichen Lebensmittelproduktion auf dem offenen Ackerland.

Die richtige Antwort auf die Kritik der Klimabewegung an unseren Rindern wäre, diese nur noch mit Raufutter zu füttern und – wie im Biolandbau – weitgehend auf Kraftfutterzufütterung zu verzichten. Gleichzeitig wären die zu hohen Schweine- und Geflügelbestände auf ihre ursprüngliche Funktion als Restverwerter zu redimensionieren. So würde sich unsere Milch- und Fleischproduktion automatisch auf ein vernünftiges Niveau reduzieren. Vorausgesetzt die Konsumentinnen und Konsumenten machen mit und beschränken sich auf das inländische Angebot!

Zum Autor

Martin Graf ist Geschäftsführer des Vereins Gen Au Rheinau. Er schreibt regelmässig für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.