Rund 300 000 verwilderte und herrenlose Katzen leben in der Schweiz – viele davon stammen von Bauernhöfen. Was als Mäusefänger beginnt, wird oft zum Tierschutzproblem: Unkastrierte Katzen vermehren sich rasant, verwildern über Generationen und leiden unter Krankheiten und Parasiten. Doch die, die hinschauen und handeln, stossen längst an ihre Grenzen.
Ein Preis für unermüdlichen Einsatz
Die Elisabeth Rentschler-Stiftung für Tierschutz verleiht seit 1990 jährlich einen Preis an Personen oder Organisationen, die sich besonders um den Tierschutz in der Schweiz verdient machen. Dieses Jahr ging eine Spezialauszeichnung – der «Lotti Memorial Preis» zum Andenken an die verstorbene Stiftungsratspräsidentin Charlotte Rentschler – an die «Cats Task Force» von Netap (Network for Animal Protection). «Dieser Preis bedeutet uns ausserordentlich viel», sagt Esther Geisser, Präsidentin von Netap. «Er zeigt, dass unsere Arbeit nicht nur gesehen, sondern auch gewürdigt und öffentlich sichtbar gemacht wird.»
Die Taskforce ist eine interne Projektgruppe, die sich seit über zehn Jahren um verwilderte Katzen kümmert, Kastrationseinsätze plant und Freiwillige schult – alles ehrenamtlich, neben der regulären Erwerbsarbeit. Jedes Mitglied ist für eine Region zuständig und verantwortlich für die Einarbeitung neuer Helfer.
Mit Feldlazaretten und trotz Saboteuren
«In vielen Teilen der Schweiz ist Netap die einzige Organisation, die sich direkt an der Front dem Katzenelend widmet», erklärt Esther Geisser. Die Tierschützer scheuen auch schwierige Einsätze nicht: bei Kälte, Regen und in der Dunkelheit, oft stundenlang ausharrend. «Und leider auch Menschen, die unsere Arbeit sabotieren – um nur wenige Herausforderungen zu nennen», sagt die Präsidentin.
Netap führt zudem als einzige Schweizer Organisation grosse Kastrationstage durch, bei denen in improvisierten Feldlazaretten mit ehrenamtlichen Tierärzten dutzende Katzen an einem Wochenende untersucht, behandelt und kastriert werden. «Trotz der Masse steht jedoch die Qualität immer im Vordergrund», betont Geisser. «Jedes einzelne Tier bekommt alles, was es für sein Wohlbefinden braucht, und bei Bedarf werden immer auch Anschlusslösungen gefunden.»
200 Stunden pro Woche – ohne freien Tag
«Es gibt keinen Tag im Jahr, an dem wir nicht irgendwo für die Katzen in der Schweiz unterwegs sind», sagt Esther Geisser. Jeder Fall wird verfolgt, bis auch die letzte Katze einer Kolonie eingefangen und versorgt ist – das kann Wochen dauern. «Schätzungsweise sind das bestimmt etwa 200 Stunden pro Woche, die wir allein für die Katzen investieren. Manchmal sind es auch mehr.» Bisher wurden rund 20 000 Katzen kastriert.
Die Kosten tragen Spenderinnen und Spender. Pro Katze rechnet Netap mit etwa 100 Franken für Kastration, Parasitenbehandlung und Impfung. «Staatliche Unterstützung gibt es keine. Im Gegenteil», erklärt die Präsidentin. «Immer wieder bitten uns Verwaltungsstellen um Unterstützung, ohne dass damit eine Kostenbeteiligung einhergeht.» Während vergleichbare Organisationen Angestellte für Kommunikation oder Fundraising beschäftigen, muss Netap solche Aufgaben zwischen zwei Einsätzen erledigen.
Die absurde Situation: Verursacher bleiben ungeschoren
Was der Organisation wirklich helfen würde? «Finanzielle Mittel sind natürlich ständig gefragt», sagt Esther Geisser. «Am wichtigsten allerdings sind Freiwillige, die sich langfristig, regelmässig und nachhaltig dem Thema verpflichten.» Jedes Taskforce-Mitglied müsste man klonen können, meint sie, denn es bräuchte viel mehr solche Menschen.
Doch auch politisch könnte sich etwas bewegen. «Gegenwärtig besteht die etwas absurde Situation, dass die Verursacher nicht zur Verantwortung gezogen werden und staatliche Behörden dies aktiv tolerieren», kritisiert Geisser. Ohne Kastrationspflicht im Gesetz fehlt Netap jede Handhabe. «Aktuell sehen wir uns mit so vielen Höfen konfrontiert, die ununterbrochen weiter vermehren, aber nichts in die Gesundheit der Tiere investieren wollen. Mangels Gesetz haben wir keine Möglichkeit, sie zu zwingen, die Katzen kastrieren zu lassen.»
«Die Politik könnte einfach helfen»
Hier sieht die Präsidentin auch den Schweizer Bauernverband in der Pflicht: «Vielleicht würde es helfen, wenn vom Bauernverband Druck auf die Mitglieder ausgeübt würde.» Eine gesetzliche Kastrationspflicht und der Wegfall der zweimonatigen Aufbewahrungspflicht bei unkastrierten Tieren würden helfen, dass Leid gar nicht erst entsteht. «Die Politik könnte einfach helfen, und zwar ohne Kostenfolge für das Gemeinwesen», sagt Geisser. Statt nur die Symptome zu bekämpfen.