Die Ursprünge der Spagyrik reichen bis ins antike Ägypten. So zählt das Therapieverfahren zu den traditionsreichsten der ganzheitlich ausgerichteten Medizin. Über das Altertum und Mittelalter findet sie im Arzt und Naturforscher Paracelsus ihren ersten Höhepunkt. Der Mediziner des 16. Jahrhunderts bildet den Ausgangspunkt für zahlreiche spagyrische Arzneisysteme, die bis heute in der Naturheilkunde zur Anwendung kommen. «Die Spagyrik vereint Körper, Geist und Seele», erklärt Michelle Krügel.

Homöopathie, Spagyrik – was ist der Unterschied?

Der Hauptunterschied zur heute bekannteren Homöopathie liegt vor allem in der Herstellung. Die Spagyrik setzt ein aufwendiges Herstellungsverfahren voraus, um die ganze Kraft der Pflanze für die spagyrischen Essenzen zu gewinnen. In der Regel werden fünf verschiedene Essenzen zu einer individuellen Mischung kombiniert. Während die Homöopathie den Körper zur Selbstheilung anregt, wirkt die Spagyrik stofflich und energetisch.

Ein weiterer Vorteil der Spagyrik: Sie wird nicht nur aus Pflanzen, sondern auch aus Mineralien hergestellt. «Mit dem Einsatz von Mineralien deckt die Spagyrik ein Gebiet ab, das in der Homöopathie weniger bekannt ist», erklärt Michelle Krügel.

Grundmischungen für typische Probleme des Betriebs

In der Humanmedizin werden spagyrische Essenzen individuell für jeden Patienten gemischt. «Im Stall arbeitet man meist mit einem Stallfingerabdruck», erklärt Krügel. Gemeint sind Grundmischungen, die auf die typischen Probleme des Betriebs zugeschnitten sind. «Je nach Fall kann individuell ergänzt werden, etwa mit homöopathischen Globuli», erklärt Krügel.[IMG 2]

Ein Beispiel macht das deutlich: Drei Kühe mit einer Euterentzündung, aber drei unterschiedliche Ursachen – futterbedingt, nach der Geburt, Erkältung am Euter. «Hier behandle ich alle drei Kühe mit derselben Grundmischung. Weiss ich, dass die Kuh mit der Erkältung kalt am Euter hatte, ergänze ich mit Aconitum», erklärt Krügel. Ihr Credo: «Es muss für die Landwirte einfach umzusetzen sein. Ist es das nicht, dann wird es auch nicht gemacht.» Bedenken, dass sich die verschiedenen Mittel gegenseitig stören könnten, seien unbegründet. Auch als Unterstützung zur Schulmedizin lasse sich die Spagyrik sehr gut einsetzen.

Behandlungen auf die Stallzeiten konzentrieren

«Das Coole an der Spagyrik ist, dass sie so einfach anzuwenden ist», betont Krügel. Verabreicht wird die Essenz mit einer Sprühflasche üblicherweise auf das Flotzmaul. «Auch über die Scheide sprechen die Tiere gut auf die Essenzen an, hier ist die Verabreichung je nach Tier und Haltung aber schwieriger», so die Tierheilpraktikerin. Pro Behandlung werden bei Grosstieren vier bis fünf Pumpstösse verabreicht, zwei- bis dreimal täglich. «Bei akuten Erkrankungen kann die Essenz bis zu alle 15 Minuten aufgesprüht werden», erklärt Michelle Krügel.

Eine Überdosierung sei bei Nutztieren kaum möglich. «Ich empfehle meinen Kunden sich bei der Behandlung auf die Stallzeiten zu konzentrieren. In dieser Zeit kann man das Spray ohne grossen Mehraufwand gut zwei bis dreimal anwenden und bei einer akuten Erkrankung ist man ohnehin im Stall», so Krügel.

«Ein schnelles Erfolgserlebnis ist zu Beginn wichtig»

Tiere sprechen laut Michelle Krügel generell gut auf Spagyrik an. «Sie sind nicht so verbraucht wie wir Menschen», erklärt sie. Sie selbst wendet das Naturheilmittel bei Schafen, Ziegen, Hühnern, Hunden, Katzen, Rindern und Pferden an. Bei Schweinen habe sie selbst noch keine Erfahrungen gemacht, doch auch hier vermutet sie eine gute Wirkung der Essenzen.

Wichtig beim Einstieg sei ein schnelles Erfolgserlebnis, betont sie. «Klauenerkrankungen sind meist sehr kompliziert, die Behandlung dauert lange. Das kann gerade am Anfang frustrieren.» Der Tipp der Drogistin: Mit einfacheren Themen beginnen. Dafür eignen sich laut der Expertin Themen rund um die Geburt. Wichtig sei zudem, sich vor dem Gang in die Drogerie darüber bewusst zu werden, welche Krankheiten auf dem Betrieb häufiger auftreten.

Geringe Verbreitung: Fachpersonen im Tierbereich sind selten

Während die Homöopathie in vielen Stallapotheken bereits Einzug gehalten hat, ist die Spagyrik laut Krügel noch weitaus seltener anzutreffen. Einen Hauptgrund sieht Krügel in der kleinen Anzahl an Fachpersonen, die sich auch im Tierbereich auskennen. «Die Landwirte wollen zudem, dass man ihre Sprache spricht. Nicht jeder Drogist hat einen Zugang zur Landwirtschaft und weiss beispielsweise, was mit einer Kuh, die einen Viertel hat, gemeint ist», erklärt Krügel. Oftmals spüre man dadurch auch Berührungsängste vonseiten der Drogisten.

Über das Schweizer Familienunternehmen Heidak, das sich insbesondere auf die Herstellung und den Vertrieb von Spagyrik spezialisiert, bildet Krügel pro Jahr rund 20 bis 25 Drogistinnen und Drogisten für die Spagyrik an Tieren aus. Auf die ganze Schweiz betrachtet sind das nicht viele. «Bei vielen meiner Berufskolleginnen und -kollegen besteht eine gewisse Hemmschwelle, da die Behandlung von Tieren noch einmal etwas ganz anderes ist als am Menschen», erklärt Krügel. Dennoch kennt sie immer mehr Berufskollegen und -kolleginnen in unterschiedlichen Kantonen, die sich mit dem Einsatz an Tieren auskennen.

Wo finde ich Drogerien, die Spagyrik anbieten?

Wer Spagyrik einmal im Stall ausprobieren möchte, dem empfiehlt die Drogistin sich an eine Drogerie zu wenden, die sich auf die Behandlung von Tieren spezialisiert hat. Eine Webseite zur Suche einer solchen Drogerie in der Nähe gibt es nicht.

«Am besten ruft man vorher bei der jeweiligen Drogerie an oder informiert sich auf der Webseite», so Krügel. Auf der Heidak-Webseite findet sich zudem eine allgemeine Übersicht über Drogerien, die Spagyrik im Sortiment haben.

Diese Essenzen gehören in jede Stallapotheke
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Vor allem im Ersten Weltkrieg wurde kolloidales Silber mangels Alternative häufig als Desinfektionsmittel verwendet. Es gilt als eine der besten antimikrobiellen Substanzen und wirkt sowohl gegen Viren, Bakterien, Pilze und andere pathogene Mikroorganismen. Im Stall wird die Essenz laut Michelle Krügel bei akuter sowie chronischer Bronchitis und anderen Lungenbeschwerden eingesetzt. In der energetisierten Form verhilft kolloidales Silber dem Immunsystem zu mehr Aggression und Biss und regt die unspezifische Immunabwehr an. «Das unspezifische Immunsystem räumt wie die Polizei bei einer Strassendemonstration erst einmal auf, während das spezifische Immunsystem, vergleichbar mit dem FBI und der CIA, gezielt nach dem Verursacher sucht», erklärt Krügel.

Okubaka gegen Durchfall
Der Okoubakabaum aus der Familie der Sandelholzgewächse stammt aus Westafrika. Von den Ureinwohnern werden der Rinde des stattlichen Baums mit einer Höhe von bis zu 30 Metern magische Kräfte zugewiesen. In den 1970er Jahren wurde der Baum in Europa bekannt und ist seither ein wichtiges Naturheilmittel. Durch ihre entgiftende Wirkung eignet sich die Essenz gut für den Einsatz bei Kälbern, die an unspezifischen Darmproblemen, einer gestörten Darmflora oder einer Schwäche im Darmimmunsystem leiden. «Rund 80 Prozent des Immunsystems sind im Darm angesiedelt, umso wichtiger ist ein gesunder Darm», betont Krügel. Wichtig bei der Anwendung sei eine frühzeitige Behandlung bei bereits leichten Kotveränderungen.

Klein, aber oho
Auf der Wiese ist das Gänseblümchen (Bellis perennis) ein herziges, unscheinbares Blümchen, in der Naturheilkunde ist sie eine grosse Heilpflanze. «Sie ist die Arnika der Gebärmutter», erklärt Michelle Krügel. Allgemein habe das Gänseblümchen eine deutliche Verbindung zum weiblichen Organismus. Zum Einsatz kommt das Blümchen bei den Nutztieren laut Michelle Krügel rund um die Geburt bei gynäkologischen Themen wie Fruchtbarkeitsstörungen sowie bei nachgelagerten Stoffwechselstörungen, Mastitiden aber auch bei Leber- und Gallenschwäche. Die Essenz wirkt entzündungshemmend, blutstillend, wundheilend, sowie antimikrobiell und regt den Stoffwechsel an. «Die in der Pflanze enthaltenen Seifenstoffe wirken ausscheidend, so kann die Essenz beispielsweise eingesetzt werden, wenn sich die Nachgeburt nicht richtig löst», erklärt Krügel.

Kermesbeere gegen Mastitis
Bereits von den nordamerikanischen Ureinwohnern wurde die amerikanische Kermesbeere (Phytolacca) zu Heilzwecken verwendet. Im Stall wird die Staude bei Mastitiden verwendet. «Bei Verfärbungen des Euters sollte unbedingt auch der Tierarzt gerufen werden, aber auch hier eignet sich Phytolacca gut als Unterstützung», erklärt Krügel. Durch ihre regulierende Wirkung kann die Essenz sowohl bei zu starkem als auch bei fehlendem Milchfluss eingesetzt werden.

Lava für das Feuer
Eine Essenz, die breit einsetzbar ist, ist Lava. Dabei handelt es sich um eine der fünf sogenannten Spabionik-Essenzen, von denen jede Essenz einem der fünf Elemente zugeordnet ist. Im Fall von Lava ist es das Feuerelement. «Mit Lava können Regulationsstörungen im Element Feuer ausgeglichen werden», erklärt die Drogistin. Typischerweise kommt die Essenz bei Entzündungen zum Einsatz. Auch bei Schwäche «also fehlendem Feuer», wie Krügel erklärt, oder einer gestörten Genesung (Rekonvaleszenz) kann die Essenz eingesetzt werden.

Zur Person
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Michelle Krügel ist gelernte Drogistin und hat sich zur Tierheilpraktikerin und Spagyrikerin weitergebildet. Sie gibt ihr Wissen an offene Landwirte und Interessierte weiter. Selbst Herstellen und Eigenverantwortung übernehmen ist ihr grösstes Ziel. Dabei bleibt sie den alternativen Heilmethoden treu. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Sarina Antener führt sie die Drogerie «üsi drogerie» in Münsingen BE.