Seit fast einer Generation ist die Verfütterung von Schlacht-Nebenprodukten (SNP) an Nutztiere verboten. Der Bann trat in der Schweiz und in der EU aufgrund der BSE-Krise per Anfang 2001 in Kraft. Seither gab es hier wie dort diverse Anläufe für eine Lockerung, aber in der EU waren die Wunden nach der BSE-Krise so tief, dass sie nie ernsthaft angepackt wurde. Und die Schweiz konnte aufgrund des bilateralen Veterinärabkommens keinen Alleingang wagen.
Schade um das Protein
Nun kommt aber Bewegung in die Sache. Im August ist in der EU eine Wiederzulassung für die Verfütterung von SNP an Geflügel und Schweine beschlossen worden. Dies führt nun auch in der Schweiz zu einem Umdenken, nicht zuletzt weil die Verfütterung von importiertem pflanzlichen Protein, meist Soja, politisch sehr umstritten ist. Der Tenor lautet, dass es schade ist, tierische Proteine zu verbrennen, wenn gleichzeitig für die Sojaproduktion in Übersee nach wie vor Wald abgeholzt wird.
Politisch breit abgestützt
Diese Bewegung findet nun auch in politischen Vorstössen Widerhall. In der Herbstsession sind im Nationalrat gleich zwei Vorstösse eingereicht worden, welche eine Wiederzulassung des tierischen Proteins in der Fütterung von Monogastriern verlangen. «Tierische Schlachtnebenprodukte verfüttern», heisst es im Titel der Motion von Martina Munz (SP/ZH). Diejenige von Manuel Strupler (SVP/TG) lautet auf den Namen «Tierische Eiweisse nicht mehr vernichten». Dass die praktisch identischen Vorstösse von linker und bürgerlicher Seite eingereicht wurden, zeigt, dass die gewünschte Anpassung politisch breit abgestützt ist.
Nichts Falsches tun
Auch ausserhalb des Parlaments gibt es Zuspruch. Die Motion Munz sei ein wichtiger Schritt zu geschlossenen Kreisläufen sowie einer nachhaltigen Land- und Ernährungswirtschaft, erklärte der Geschäftsführer Agrarpolitik des Schweizer Tierschutzes (STS), Stefan Flückiger, auf Twitter. Sara Stalder, die Geschäftsleiterin des Schweizerischen Konsumentenschutzes (SKS), begrüsst es, wenn diese Schlachtreste wiederverwertet werden können. «Wichtig ist, dass die Kontrollen funktionieren und es richtig gemacht wird, so dass gar nichts Falsches passiert», erklärte sie gegenüber SRF.
Nichts Falsches bedeutet in erster Linie, dass es keine Vermischung bei den Warenflüssen gibt. Das heisst, dass SNP von Geflügel nur an Schweine verfüttert werden und die von Schweinen nur an Geflügel. Kategorisch ausgeschlossen ist zudem aufgrund der BSE-Krise die Verfütterung von SNP von und an Rindvieh.
Schwierig für die Mühlen
Für die Futtermühlen wird es kein Spaziergang sein, diese Warentrennung und gleichzeitig günstige Futterpreise zu gewährleisten. In der EU, wo man sich schon intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt hat, wurden bereits erste entsprechende Stimmen laut. In der Schweiz wird dies aufgrund der kleineren Anlagen noch anspruchsvoller: «Die meisten Fabrikanten haben keine getrennten Anlagen und können diese tierischen Proteine deshalb nicht verwenden», sagte Christian Oesch, Geschäftsführer der Vereinigung Schweizerischer Futtermittelfabrikanten (VSF) kürzlich gegenüber der nationalen TV-Station.
Skepsis in der Westschweiz
Beim Schweizer Bauernverband (SBV) begrüsst man die bevorstehende Öffnung aufgrund von Nachhaltigkeitsüberlegungen. «Es ist sinnvoll, diese wertvollen Proteine in den Nahrungskreisläufen zu behalten», sagt Direktor Martin Rufer (s. untenstehendes Interview). Neben Fragen der Wettbewerbsfähigkeit in der Wertschöpfungskette misst er auch der Akzeptanz bei den Konsument(innen) hohes Gewicht bei.
Hier zeigten die bisherigen Gespräche, dass das Ansinnen in der Deutschschweiz mehr Sympathie geniesst als in der Westschweiz: «Hier ist die Skepsis grösser, weil das Überschwappen der BSE-Krise aus Frankreich noch viel stärker im kollektiven Gedächtnis ist», so Rufer. Was den Zeithorizont angeht, rechnet er derzeit mit rund drei Jahren.
Nächster Schritt ist die Einberufung eines Runden Tisches mit Behörden, Konsumentenorganisationen und Branchen-Akteuren. Dieser existiert schon lange, war nun aber aufgrund der politischen Blockade seit drei Jahren inaktiv. Die erste Sitzung unter neuen Voraussetzungen wird laut Rufer in den nächsten Wochen stattfinden.
«Wir stehen dem positiv gegenüber»: Interview mit SBV-Direktor Martin Rufer
Martin Rufer, was ist genau in Diskussion bezüglich Wiederzulassung?Martin Rufer: Zur Diskussion steht eine Zulassung der Geflügel-Nebenprodukte an Schweine und umgekehrt. Eine Verfütterung innerhalb der Art ist ausgeschlossen. Auch die die Rinder sind ausgenommen, das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Wie steht der SBV der Wiedereinführung der Nebenprodukte-Verfütterung gegenüber? Wir stehen dem positiv gegenüber, weil es sinnvoll ist, diese wertvollen tierischen Proteine in den Nahrungskreisläufen zu behalten. Das macht viel mehr Sinn, als diese zu verbrennen und stattdessen pflanzliche Proteine zu importieren. Aber wichtig ist es, dass die Warenflusstrennung sauber gemacht werden kann und dass die Konsument(innen) dies akzeptieren und unterstützen. Was heisst saubere Warenflusstrennung? Das heisst, wir müssen innerhalb der Wertschöpfungskette gewährleisten können, dass in der Geflügelfütterung nur Schweine-Nebenprodukte eingesetzt werden und umgekehrt. Wie schätzen Sie die Stimmung bei den Konsument(innen) ein? Meine Erfahrung ist nach einigen Gesprächen, dass dies in der Deutschschweiz von den Konsumentenorganisationen aus ökologischen Gründen mitgetragen wird. In der Westschweiz ist die Skepsis grösser, weil dort das Überschwappen der BSE-Krise aus Frankreich noch viel stärker im kollektiven Gedächtnis ist. Sehen Sie weitere Vorbehalte? Die grosse Frage ist, ob es wirtschaftlich interessant ist, wenn man die Warenflusstrennung vom Schlachthof bis an den Futtertrog gewährleisten muss. Das hat natürlich auch Kosten zur Folge und es ist offen, ob die tierischen Proteine gegenüber den importierten pflanzlichen wettbewerbsfähig sind. Haben Sie schon Signale von den Futtermüllern diesbezüglich? Sie sehen die genannten Herausforderungen. Wir haben jetzt einen Runden Tisch mit Behörden, Konsument(innen) und Akteuren aus der ganzen Wertschöpfungskette einberufen, um die offenen Fragen zu klären. Wann wird dieser Runde Tisch erstmals tagen? Es gibt ihn bereits seit Jahren und wir haben ihn periodisch einberufen, weil wir gemeint haben, es gehe vorwärts. Jetzt haben wir drei Jahre nichts mehr gemacht und in den nächsten Wochen werden wir erstmals wieder tagen. Es ist wichtig, dass in dieser sensiblen Frage alle relevanten Akteure mit im Boot sind. Der EU-Beschluss für eine Wiederzulassung führt also zu neuer Dynamik? Ja, vorher war immer die Diskussion blockiert, weil die Schweiz mit dem bilateralen Veterinärabkommen auf die Entwicklungen in der EU angewiesen ist. Ohne Zulassung in der EU der tierischen Nebenprodukte war in der Schweiz nichts zu machen. Jetzt sind die Voraussetzungen geschaffen, indem die EU grünes Licht gegeben hat. Bis wann halten Sie eine Wiedereinführung für realistisch? Ich denke, das wird mindestens drei Jahre dauern. Wir müssten zunächst die ganzen technischen Bedürfnisse in der Warenflusstrennung genau anschauen. Wenn man neue Systeme aufbauen muss, geht’s länger. Ein Vorteil ist sicher, dass die Geflügel-Schlachthöfe eingeständig sind, hier kann keine Vermischung entstehen. Auf Ebene Futtermühlen wird das sicher anspruchsvoller. Zudem müssen die Konsumentinnen ins Boot geholt werden. Wenn die EU die Zulassung schneller umsetzt, gibt es da eine Konkurrenzsituation mit dem Inland-Markt für Nebenprodukte? Nein, da gibt’s keine Konkurrenz. Die Protein-Nachfrage ist sehr hoch und ideal wäre, wenn wir die Pflanzenprotein-Importe substituieren können. Ich habe keine Angst, dass hier ein Preisdruck für die Schweizer Ware entsteht.

