«Das war eine Scheissarbeit, glauben Sie mir», sagt Regula Vögtlin und lacht. Die frisch diplomierte Agrotechnikerin hat während ihrer Ausbildungszeit am Inforama, Zollikofen BE, eine Arbeit zum Einsatz von Pflanzenkohle in der Kälberfütterung verfasst. Nicht diese Arbeit, sondern das Sammeln und Einfrieren des Kots zur späteren Bearbeitung habe sich eben als Scheissarbeit erwiesen, führte die Agrotechnikerin aus Ramiswil SO an der Tagung Netzwerk Nutztiere, die jüngst am Inforama Rütti in Zollikofen stattfand, aus.

Keine Schweizer Zahlen

Bislang lagen keine Daten aus Schweizer Fütterungsversuchen zum Einsatz von Futterkohle vor. Man arbeitet mit dem Erfahrungsschatz, der im Ausland gemacht wurde. So beispielsweise aus Deutschland, wo ein Tierarzt mit rund 150 Milchkühen auf 21 Betrieben Versuche durchführte. Pro Tiere wurde täglich bis zu 400 g Pflanzenkohle verfüttert. Seine Erkenntnisse: Der Gesundheitszustand, Eutergesundheit und der Eiweiss- und/oder Fettgehalt in der Milch verbesserten sich. Durchfallerkrankungen, Zellzahlen in der Milch und Klauenprobleme nahmen ab. Die Firma Niederhäuser, Rothenburg LU, die Regula Vögtlin während ihrer Semesterarbeit betreut hat, will Resultate aus Versuchen aus Schweizer Verhältnissen. Vögtlins Arbeit hat erste Resultat geliefert, weitere sollen folgen. Ihrer Arbeit lag folgende Fragestellung zugrunde: Hat die vorübergehende Zufütterung von Futterkohle kurz- oder langfristig einen Einfluss auf die Kotkonsistenz der Kälber?

Häufiges Bestandesproblem

Kälberdurchfall ist ein Problem, das viele Betriebsleiter kennen. Dabei wird zwischen infektiösem Durchfall, (hervorgerufen durch Viren, Bakterien oder Parasiten) und fütterungsbedingtem Durchfall (zu viel, zu kalte Milch usw.) unterschieden. Unabhängig der Ursache, weshalb ein oder mehrere Kälber an Durchfall erkranken, sind der hohe Wasserverlust und die Begleiterscheinung der Übersäuerung eine zusätzliche Belastung für den jungen Körper. Diese Durchfallerkrankungen zählen zu den Hauptproblemen der Kälberaufzucht und sind auch für zahlreiche Abgänge verantwortlich. Erschwerend kommt hinzu, dass der Druck auf die Landwirtschaft, den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, zunimmt. Hier braucht es Alternativen. Ist Pflanzenkohle eine davon?

Hohe Adsorptionskraft

Die Geschichte des Kohle-Einsatzes geht in der Tierhaltung über viele Jahrzehnte zurück, wie Regula Vögtlin in ihrer Semesterarbeit ausführt. Pflanzenkohle gelte als eines der ältesten Hausmittel gegen Verdauungsstörungen und Vergiftungen bei Tier und Mensch. Aufgrund ihrer hohen Adsorptionskraft werde Pflanzenkohle zur Bekämpfung verschiedener Toxine (Giftstoffe)eingesetzt. Dabei werde Kohle als unverdauliches Trägermittel genutzt. «Verschiedene Pilzgifte haften an der Oberfläche der Kohle, werden abtransportiert und anschliessend über den Kot ausgeschieden», so Vögtlin. Zentral an der Wirkung der Pflanzenkohle ist ihre enorme Porosität. Sie besteht hauptsächlich aus vielen Löchern und hat eine enorme innere Oberfläche (rund 200 m2/g, das heisst, 20 g Kohle hat die Oberfläche eines Fussballfeldes). In diesen Poren und an dieser Oberfläche bindet sie unterschiedliche Substanzen wie Wasser, Gase (bspw. Ammoniak) oder Bakterien. Der Einsatz von Pflanzenkohle kann aber auch negative Wirkungen haben. So besteht die Gefahr, dass neben der erwünschten Stoffbeseitigung auch wichtige Proteine, Amine, Aminosäuren und Enzyme aus dem Verdauungstrakt adsorbiert werden. Die Bindungskraft der Kohle ist zudem sehr gross und muss deshalb kontrolliert werden. Das heisst:

  • Die Maximaldosierung des Herstellers muss eingehalten werden.
  • Keine Kohle während der Medizinierung eines erkrankten Tiers anwenden.
  • Keine Daueranwendung über einen Zeitraum von drei Monaten hinaus.

Keine Aktivkohle verwenden, diese bindet nicht nur zu stark bei der üblichen Dosierung; wegen des hohen Anteils an Mikroporen hat sie eine besonders hohe Affinität zu Vitaminen, Spurenelementen, die ebenfalls gebunden würden.

Wirkung auf Kotkonsistenz

In der Arbeit von Agrotechnikerin Regula Vögtlin wurden keine Daten zum Gesundheitszustand der Kälber erfasst. In der Arbeit ging es lediglich darum, den Nachweis zu erbringen, wie Futterkohle auf die Kotkonsistenz wirkt. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, startete die Solothurnerin einen Versuch mit acht Kälbern über einen Zeitraum von sechs Wochen und das auf zwei verschiedenen Betrieben. Währen der dritten und vierten Woche wurde den Tieren zusätzlich zur Ration Futterkohle gefüttert. Um Daten erfassen zu können, wurden im Versuch zweimal wöchentlich bei jedem Tier Kotproben gesammelt und anschliessend beurteilt sowie der Trockensubstanz-Gehalt bestimmt. Aufgrund der Auswertung der Versuchsresultate konnte die Agrotechnikerin aufzeigen, dass die Verabreichung von Pflanzenkohle bei allen Kälbern die gleiche Wirkung hatte: Der Kot wurde dicker. Bei allen Tieren stieg während der Verabreichung der Futterkohle der TS-Gehalt im Kot an. Beim Betrieb mit den jüngeren Tieren konnte sogar ein höherer TS-Gehalt im Kot nachgewiesen werden, als beim Betrieb mit älteren Tieren. «Ich gehe daher davon aus, dass es sogar Sinn macht, die Pflanzenkohle bereits sehr früh einzusetzen, will man einen möglichst hohen Nutzen haben», erklärt Regula Vögtlin.

Positive Bilanz

Die Agrotechnikerin zieht ein durchwegs positives Fazit aus ihrer Arbeit: «Die Verabreichung von Futterkohle ist eine Möglichkeit den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren und auf ein natürliches Heilmittel zurückzugreifen. Das ist nicht nur für das Tier und den Landwirt eine Bereicherung. Durch den Einsatz von Futterkohle besteht keine Resistenzgefahr und somit haben schlussendlich auch die Konsumenten die Chance, davon zu profitieren», so Regula Vögtlin.

Landwirt ist überzeugt

Einer der Landwirte, auf dessen Betrieb Regula Vögtlin den Versuch durchgeführt hat, ist Markus Bader, Mümliswil SO. Auch er zieht eine durchwegs positive Bilanz. So habe er während der Versuchsphase weniger Stroh verbraucht. «Der Kot der Kälber war deutlich dicker», sagt er und die Ordnung im Stall besser. Die Kälber hätten das mit Kohle versehene Futter sehr gerne gefressen. So hat er im Bereich des Futterverzehrs nichts Spezielles bemerkt. Bader hat am Versuch mitgemacht, weil ihn das Thema interessiert und das, obwohl der Betrieb eigentlich keine Probleme mit Durchfallerkrankungen habe, wie Bader erklärt. Im Moment setzt er keine Futterkohle ein. Falls es aber zu Erkrankungen im Bestand käme, wäre Futterkohle erste Wahl, so Bader.

 

Heilmittel gegen Durchfall

Dies ist ein Beitrag mit mehreren Artikeln. Hier sind die weiteren Artikel dazu:

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