Bei uns in Tatura ist es unterdessen Herbst geworden. Der Sommer war durchschnittlich bezüglich der Temperaturen. Es gab nur wenige einzelne Tage mit sehr hoher Hitze – das ist für das Milchvieh positiv. Der Regen lag auch im Durchschnitt und diese Saison können wir das volle Wasserrecht beziehen. Ab dem 1. März wurde Wintergras gesät und sofort bewässert. Zwei Wochen später gab es Regen und das Wachstum war ideal. So konnte jetzt bereits das erste Mal geweidet werden. Sommergras wächst jetzt nicht mehr so schnell. Die Milchkühe bekommen Kraftfutter beim Melken und am Morgen Gras-Luzerne-Silo auf dem Futterplatz, dann nach jedem Melken eine neue Weide und am Abend Luzerne-heu wieder auf der Weide.

Dürre sorgt für Rekordpreise

Der Norden von Australien hat gute Sommerregen erhalten. Nach drei Jahren Dürre gab es dort einige Monsunregen und damit kommt die normale Vegetation zum Erwachen. Einer Dürre folgt immer gutes Wachstum. Queensland und Gegenden in New South Wales bekamen mehr als genug Niederschläge und es gab zum Teil Überschwemmungen. In schlechten Zeiten werden in diesen Regionen alle Tiere verkauft, denn nicht nur die Futterpreise, sondern auch der Transport ist sehr teuer. Deswegen herrscht jetzt eine sehr grosse Nachfrage nach Jungvieh – es werden Rekordpreise bezahlt. Mastvieh und junge Schafe erzielen Preise, wie man sie noch nie erlebt hat. Auch die Preise für Schlachtvieh sind gut, denn mit der Dürre herrscht im ganzen Kontinent ein Mangel an Tieren. Der lokale Schlachthof hat die Arbeit um 30 % eingeschränkt.

Gefragte Kälber mit weissem Kopf

Seit Mitte März kalbert jetzt ein Drittel der Milchherde. Es wurde während fünf Wochen mit gesextem Samen künstlich besamt und danach wurden Maststiere eingesetzt, und zwar vorwiegend Herfordstiere. Die Kälber sind dann schwarz und vereinzelt rot, aber immer mit weissem Kopf. Die Nachfrage ist sehr gross. Diese Kreuzung ist dankbar in der Aufzucht, denn die Tiere haben gute Tageszunahmen. Wir ziehen jetzt auch 100 Jungtiere gross. Sie bekommen acht Wochen Milch. Stets haben sie Kälberkraftfutter, Wasser und Haferheu zur Verfügung. Wenn die Kälber zwei Kilogramm Kraftfutter pro Tag zu sich nehmen, bekommen sie keine Milch mehr. Bei den Rindern wurden nur Wagyustiere eingesetzt. Das gibt meistens kleinere Kälber, die wir aufziehen, bis sie 100 kg wiegen. Anschliessend verkaufen wir sie alle an die Wagyugesellschaft zurück.

Die Herefordkreuzungen werden wir auf der neuen Mastfarm weiterfüttern. Im September konnten die Söhne den 170 Hektaren grossen Betrieb eines Nachbarn kaufen, der in den Ruhestand geht und keinen Nachfolger hat. Am 1. März konnten sie nun diese Farm übernehmen. Es wird dort Silo, Heu und etwas Luzerne gemacht sowie Weide betrieben für das Jungvieh und die Masttiere.

Kurzfristig konnte ein Hypothekarzins von 2 Prozent mit der Bank verhandelt werden. In den 80er-Jahren sind die Hypothekarzinsen bei uns bis auf 19 Prozent gestiegen. Die Zeiten haben sich geändert. Auch der Australische Dollar ist im Moment ideal für die Landwirtschaft. Da so viel exportiert wird, haben wir gute Preise.

Schneckenpost wegen Virus

Die Impfungen gegen Covid haben begonnen, aber alles geht nur sehr langsam voran. Die internationalen Grenzen sind immer noch geschlossen und so sind Ersatzteile und importierte Güter beschrankt erhältlich. Es herrscht nur wenig Flugverkehr. Flugpost aus der Schweiz ist normalerweise in einer Woche angekommen, jetzt geht das mindestens drei Wochen. Die internationalen Arbeiter fehlen auch. Es waren immer zirka 100 Praktikanten aus der Schweiz in Australien und viele mehr aus der ganzen Welt. Obstbauern und Weizenfarmer sind am stärksten betroffen. Flüchtlinge aus Asien, Afrika und zum Teil aus dem Ostblock haben keine Erfahrung mit Maschinen und Technik und können bei solchen Arbeiten nicht eingesetzt werden. Grosse Weizenfarmer säen oft rund um die Uhr und es wird alle zwölf Stunden abgelöst. Es ist sehr wichtig, dass der Samen zur rechten Zeit in den Boden kommt.

 

Zur Autorin

 

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1981 wanderten die Autorin und ihr Mann Werner nach Australien aus. Nach unzähligen Farmbesichtigungen kauften sie mit ihren bescheidenen Finanzen eine 50-Hektaren- Milchfarm mit 90 Milchkühen und Jungvieh in Tatura im Staat Victoria. 1997 bauten sie das erste Melkkarussell. Ihre vier Kinder sind alle dort geboren und zweisprachig aufgewachsen. 1988 konnten sie einen Nachbarsbetrieb kaufen und 2005 die zweite Milchfarm. Dort bauten Langs ein 50er-Melkkarussell. In der gesamten Zeit konnten sie die Farm auf 1250 Hektaren bewässertes Land vergrössern und die Herde wuchs auf 1500 Milchkühe plus Jungvieh an. Am 1. Oktober 2015 übergaben sie den Betrieb den zwei ältesten Söhnen. Diese bewirtschaften alles zusammen. Werner und Josy Lang arbeiten noch immer täglich auf dem Betrieb.