Es nieselt leicht, am Luzerner Bahnhof. Josy und Werner Lang tragen es mit Fassung. «Seid froh, dass es regnet, sage ich den Kollegen hier immer», so der Landwirt aus Neudorf bei Beromünster LU, «zuhause muss ich oft lang an den Himmel schauen, bis es kommt». Zuhause, das ist seit mehr als drei Jahrzehnten Tatura im australischen Bundesstaat Victoria, 170 Kilometer nördlich von der Grossstadt Melbourne an der Südküste. Jährliche Regenmenge 450 mm.

«Kann 500 Kühe kaufen»

«Wir waren völlig naiv», erinnert sich Josy Lang, die in regelmässigen Abständen für die Auswanderer-Kolumne in der BauernZeitung in die Tasten greift, schmunzelnd. Denn seit sie und Werner am 24. Mai 1981 – acht Tage nach der Hochzeit – abgereist sind, ist viel passiert. «Wir sind mit einem Koffer ausgewandert und hatten keine Ahnung, wohin es uns verschlagen wird». Immerhin gab es beim einige Jahre früher ausgewanderten Onkel in New South Wales eine gute erste Station. Der australische Dollar war damals hochpreisig und das Ersparte reichte nicht weit. Deshalb war schnell klar, dass eine grossflächige Weizenfarm nicht in Frage kommt.

1300 km westlich fanden sie dann nach rund einem Jahr ihr neues Heim. In Tatura konnten sie eine Farm mit 50 Hektaren und 90 Kühen erwerben. Heute umfasst das Familienunternehmen nach dem Kauf von weiteren Farmen und viel Arbeit 1500 Hektaren. An drei Standorten melken Langs 1700 Kühe. 

Die Tiere und das Inventar gehören unterdessen Philipp und Markus, den älteren beiden der drei Söhne. Sie sind beide verheiratet, zur Lang-Familie gehören unterdessen auch zwei Grosskinder. Der dritte Sohn Ben ist Ingenieur, Tochter Kathrin, die Jüngste, arbeitet seit zwei Jahren als Veterinärin im Norden Englands. Zuhause in Australien haben die Tierärzte viel Arbeit verloren: «Die Farmer machen fast alles selber», sagt Werner Lang. Die Schweiz verliessen Langs, weil Werner «immer wusste, dass ich Bauer werden will», obschon er zunächst eine Möbelschreinerlehre gemacht hatte. Das landwirtschaftliche Rüstzeug holte er sich während vier Jahren auf dem Gutsbetrieb in St. Urban LU, besuchte daneben die Schule in Sursee LU und machte anschliessend die Meisterprüfung. «Die Schweizer Ausbildung ist die beste, die man machen kann», ist er auch nach 36 Jahren «down under» überzeugt.

Was die Agrarpolitik angeht, versteht er aber bei den regelmässigen Heimaturlauben nicht mehr alles. «In der Schweiz wird ja alles gemacht, dass du nicht wachsen kannst». Zu denken gibt ihm zum Beispiel, dass man in diesem futterwüchsigen Land Geld erhält, damit man das Gras länger stehen lässt, als nötig. «Das ist für mich unbegreiflich», sagt der Auswanderer und schüttelt den Kopf. 

«In Australien kann ich morgen 500 Kühe mehr kaufen und niemand hindert mich daran». Es sei diese Freiheit, die ihnen so gefalle in Australien, pflichtet ihm seine Frau bei. «Sofort», sagen beide wie aus der Kanone geschossen, wenn man sie fragt, ob sie wieder gehen würden, «schon morgen». Ihr Schwärmen wirkt ansteckend und leichtes Fernweh stellt sich ein.

Wasser ist sehr knapp

Problemfrei ist das Farmerleben aber auch in Australien nicht. Während es an der Reuss leise nieselt, ist in der neuen Heimat das Wasser das begrenzende Element. Ausreichend Wasserrechte gehören zu den wichtigsten Eckpfeilern eines erfolgreichen Betriebs in Victoria. Diese sind handelbar und der Preis hat sich in den letzten 20 Jahren auf 2500 AUS$ pro Megaliter (1000 3/ Jahr) verzehnfacht. 

Das Wasser kommt vom nahen Stausee und wird via ein weit verästeltes System zur Flutungsbewässerung genutzt. Werner und Josy Lang haben kontinuierlich zugekauft und konnten nicht zuletzt deshalb ihren Viehbestand laufend ausbauen. Ohne Stall notabene, die Kühe sind das ganze Jahr draussen, die Winter sind mild und im Sommer bieten Bäume Schatten. Trotz Temperaturen von zeitweilig über 40 Grad sei das kein Problem, «unsere Kühe sind sehr zäh», rühmt der Milchbauer.

Die Herden bestehen zu 95% aus HF, rund 5% sind Jerseys. «Die Milchleistung pro Kuh ist für mich sekundär», sagt Werner Lang, ein Punkt, über den er sich mit vielen Kollegen aus der alten Heimat uneinig ist: «Entscheidend ist nur der Profit pro Liter», sagt der Markt-gestählte Milchproduzent. Entsprechend passt er den Kraftfuttereinsatz dem Milchpreis an. «Ist dieser gut (45 Rp./l), hirten wir bis zu 1500 Kilo, ist er schlecht (33 Rp./l), gehen wir bis auf 750 Kilo runter». Nicht nur an diesem Punkt ist das Treffen mit den Auswanderern eine kleine Lektion in Marktwirtschaft. Die Politik ist eher sekundär. Kein Wunder: «Der australische Staat ist nicht vorhanden in der Landwirtschaft», sagt Josy Lang. Der australische Farmer sei auf sich selber angewiesen. Ausgenommen seien grosse Dürreperioden: «Dann gibt es nach aufwendigem Papierkrieg eventuell einen Zustupf».

«Hungriges Kalb, gutes Kalb»

Für die gut geglückte Integration der Langs auf dem fünften Kontinent waren neben dem Geschäftssinn der beiden auch Josy Langs Ausbildung und ihre Englischkenntnisse wichtig. Als gelernte Krankenschwester fand sie sofort Arbeit, war über 20 Jahre in ihrem angestammten Beruf Teilzeit tätig und konnte so Entscheidendes zum Einkommen beitragen. «Sie war lange die beste Kuh im Stall», pflegte ihr Mann zu scherzen, und Josy Lang stört das keineswegs. Gleichzeitig knüpfte sie via ihrem Arbeitsplatz manchen wertvollen Kontakt. 

Heute arbeiten sie beide auf den Farmen. Ihr Hauptjob: die Betreuung der synchronisiert auftauchenden Kälberschar und die Maschinen. Sofort geraten wir in eine Diskussion um optimale Kälberbetreuung. «Ein hungriges Kalb ist ein gutes Kalb», lautet einer der Kernsätze aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz des Farmers, der unlängst 65 wurde. Ans Kürzertreten denken beide keineswegs. Nächste Ziele? «Das Allerwichtigste ist uns das Wohlergehen und die Zufriedenheit aller Familienmitglieder».

Adrian Krebs

Video Interview

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