Nach dem witterungsbedingt schlechten Getreidejahr sucht die IP-Suisse (IPS) dringend neue Produzenten. Geschäftsführer Fritz Rothen erläutert im Gespräch die Details.

Habt Ihr ein Problem: zuviele Kunden und zu wenig Angebot?

Fritz Rothen: Wir hatten bekanntlich eine schlechte Ernte, sowohl die Menge wie auch Qualität befriedigen nicht. Gewitter mit Hagelschlag sind fast in der ganzen Schweiz aufgetreten und haben der Qualität des Getreides stark geschadet. Wir haben nicht zu viele neue Kunden, bei den Bestehenden gibt es ein leichtes Wachstum und mit Coop und der Bäckerei Bertschi in Kloten ZH konnten zwei grössere neue Kunden dazu gewonnen werden.

Sähe es nach einem weiteren guten Ernte-Jahr anders aus?

Genau, dann wäre es kein Problem, die Nachfrage zu befriedigen. In diesem Jahr haben wir mehr als 20 Prozent weniger Erntemenge, das sind einige tausend Tonnen.

Habt Ihr da nicht zu hohe Erwartungen geweckt bei den Abnehmern?

Nein, überhaupt nicht. Wir hatten jetzt drei super Jahre, praktisch ohne Auswuchs und mit top Qualität, sowohl bezüglich Eiweissgehalt, und Qualität, das bestätigen auch die Bäcker.

Vor Jahresfrist hat man die Flächen aktiv gesenkt, war das ein Fehler?

Wir haben gemäss unserem Credo «es wird kein Brotgetreide deklassiert – Überschüsse werden ans Lager gelegt» gehandelt und wenn die Lager voll sind, fordern wir die Produzenten auf, für ein Jahr einen Drittel weniger anzusäen. Aber wir wussten natürlich nicht, dass heuer ein so schlechtes Jahr folgt und jetzt sind die Lager leer. Von der Menge her wird es nach heutigem Stand ganz knapp nicht reichen, zusammen mit den Mühlen und Kunden suchen wir nach Lösungen.

Wie sehen diese aus?

Theoretisch könnten bei einzelnen Kunden definierte Segmente auf Nicht-IPS-Mehl umgestellt werden. Beispielsweise haben wir bei früheren Missernten bei der der Migros das ganze Ruchmehlsortiment auf konventionell umgestellt. In diesem Jahr haben wir zusätzlich das Problem, dass auch der konventionelle inländische Weizen knapp wird. Um die Versorgung sicherzustellen, müssen wir in einem solchen Fall ausländische Ware beimischen.

Wieviel Importware darf beigemischt werden?

In Absprache mit der Zertifizierungsfirma maximal 10 Prozent. Zudem suchen wir jetzt dringend neue Produzenten. Wir haben die bestehenden aufgefordert, mindestens eine Hektare mehr zu machen, als sie in den letzten Jahren produziert haben. Wir wollen die Lager erneut und sofort mit hochwertiger Ware auffüllen. Zwar kostetet die Lagerung, aber hier müssen wir investieren.

Werden die Anreize für die Produzenten noch erhöht?

Der Marktpreis ist aufgrund des knappen Angebots gestiegen. Aus der aktuellen Ausschreibung sehe ich, dass sich der Durchschnittspreis um 5 bis 8 % erhöht. D.h. der Preis wird Ende Kampagne höher sein als letztes Jahr.

Steigt auch die IP-Prämie?

Nein, die bleibt unverändert bei ca. 5 Fr./dt für Fungizid- und Insektizid-frei. Für Herbizidfrei gibt es zusätzlich 10 Fr./dt.

Kann man aber auch weiterhin mit Herbizid produzieren?

Selbstverständlich. Da werden z. T. falsche Informationen rumgeboten. Wir nehmen auch neue Produzenten, die weiter Herbizide einsetzen wollen.

Gibt es noch weitere Anreize für Neueinsteiger?

Ja, neue Produzenten werden Mitglieder und profitieren von unseren Infos. Sie sind im Bild was läuft, beispielsweise im Bereich Milch und Fleisch, wo wir aktuell ausbauen. Im Wein sind wir neu eingestiegen und ebenfalls zulegen können wir bei Gemüse und Obst. Ein Vorteil ist auch, wer bei Getreide einsteigt, muss beim Biodiversitäts-Punkteprogramm mitmachen und das hat er dann schon für die anderen Label-Produkte.

Wird durch den IPS-Getreideboom die Inlandproduktion mit Futtergetreide gefährdet?

Das denken wir nicht, nein. Wir wollen Brotgetreide mit sehr guter Qualität. Von dem her müssen wir immer versuchen, top Qualität zu produzieren, nur so kann zusätzlicher Auslandeinkauf und steigender Teigling-Import reduziert werden. Wir versuchen Betrieben, die aufgrund hoher Niederschläge oder der Bodenbeschaffenheit Probleme mit der Qualität haben, vermehrt den Futtergetreidebau anzubieten und garantieren aktuell für Vertrags-Futterweizen Fr. 38.50/dt. Damit fördern wir den Futtergetreideanbau auf den «Grenzstandorten» unserer Produzenten.

Raps ist auch knapp, eignet er sich überhaupt für PSM-reduzierten Anbau?

Wir suchen auch hier dringend nach neuen Produzenten, weil wir neue Kunden haben. Auch Coop will beispielsweise jetzt IPS-Rapsöl. Es ist eine höchst anspruchsvolle Kultur mit wenig Spielraum im Anbau, trotzdem ist es uns gelungen, die Fläche auszudehnen. Der Produzent hat bei unserem Anbau die Möglichkeit, sich während der Vegetation aus der Produktion abzumelden (im Falle einer Invasion von Rapsglanzkäfern).

Gibt es weitere Kulturen, wo Ihr Produzenten sucht?

Wir spüren die erhöhte Nachfrage nach Eiweissträgern. Quinoa und Linsen machen wir schon länger. Soja als Nahrungsmittel ist ebenfalls ein Thema und mit dem Haferdrink-Boom ist auch dieses Getreide stärker gefragt. Auch Buchweizen für Brot und Hartweizen für Teigwaren können wir ausdehnen. Aktuell produzieren wir über rund 1000 t Hartweizen jährlich. Bis vor kurzem waren wir 20–30 Fr./dt zu teuer. Nicht zuletzt aufgrund von Rückständen in der Importware, z. B. wegen Glyphosat-Einsatz kurz vor der Ernte, wird die Schweizer Produktion plötzlich interessant.