Es sieht aus wie ein Wettrennen – die drei Mähdrescher, die miteinander die langen Rapswalme auffressen. Es ist ein Wettrennen mit der Zeit. Von Ende August bis vielleicht Ende Oktober haben die Farmer im Westen von Kanada Zeit, das Getreide von hunderten oder auch tausenden von Hektaren nach Hause zu führen. Immer spüren sie den Druck, jederzeit könnte der Schnee kommen, dann ist Schluss mit der Ernte. So war es in den letzten vier Jahren zweimal. Erst im Frühjahr konnte fertig gedroschen werden, wenn es eigentlich Zeit wäre zum Säen. Das richtige Saatgut und die Anbaupraxis erhalten da einen wichtigen Stellenwert.

Das «Schwarze Gold»

Raps wird vom kanadischen Farmer als «Schwarzes Gold» bezeichnet. Es wird praktisch ausschliesschlich GVO-Saatgut mit Pestizidtoleranz verwendet. Les Willms, 48, betreibt bei Fort St. John eine 1000 Hektaren grosse Getreidefarm und ist Vertreter von Pioneer Saatgut. Er verkauft praktisch keinen klassischen Rapssamen mehr.

Die Farmer haben wenig Verständnis für die Europäer, die keine GVO-Produkte wollen. «Die kommen dann schon wieder, wenn sie Hunger leiden», ist ein häufig gehörter Satz. Als Farmer glaubt Willms, dass Glyphosat die bessere Chemie ist, als Produkte, die im konventionellen Rapsanbau verwendet werden. «Wir müssten giftigere und teurere Herbizide verwenden ohne GVO-Raps», behauptet Willms. Dabei wirkten diese nie so gut wie Roundup. War Raps früher bekannt dafür, dass er ein Feld verunkrautete, sei er heute die Kultur, mit der man ein Feld wieder sauber kriege.

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Höherer Preis für GVO-frei

Neben den GVO-Sorten gibt es auch eine konventionell gezüchtete mit einer Toleranz für das Herbizid Clearfield. Abnehmer bieten für diesen Raps einen höheren Preis. Les Willms verwendete dieses Saatgut auf einem Feld, welches er mit Luzerne untersäte. Luzerne kann man nicht mit Roundup spritzen, aber mit Clearfield. «Diese Rapssorte muss separat gelagert und der Mähdrescher nach dem Dreschen des Felds gereinigt werden», erklärt Willms. «Der Aufpreis ist klein, es gibt aber mehr Arbeit; das Herbizid wirkt nicht so gut wie Roundup und ist teurer», so sein Fazit. [IMG 3]

1100-Hektaren-Farm

Sein Kollege Luke Seatter, 36, bewirtschaftet eine 1100-ha-Getreidefarm in Westlock, 150 Kilometer nördlich von Edmonton. Er mag sich kaum erinnern an die Zeiten vor GVO-Raps, der seit 25 Jahren im Anbau ist. Für ihn war der Verzicht auf GVO-Raps nie ein Thema, obwohl er sich durchaus Gedanken macht über die Umwelt oder Ernährungssicherheit.

Nur Biobauern diskutieren

«Von konventionellen Farmern habe ich noch nie gehört, dass jemand Bedenken äusserte. Die Biobauern, ja, die sprechen davon», sagt Luke Seatter. Diskussionen gebe es ab und zu um den Benutzerzuschlag, den sie Monsanto bezahlen müssen, aber nie um die Sicherheit. Nebst denhöheren Erträgen, der besseren Unkrautbekämpfung und den billigeren Herbiziden sieht er Vorteile bei den Unkrautresistenzen. Glyphosat durchbreche die Abhängigkeit von Herbiziden, gegen die einige Unkräuter wie Flughafer eine Resistenz entwickelt haben.

«Wir merken gar nicht, wie stark wir agronomisch von GVO profitieren», sagt Seatter. «Unsere Farmen würden ohne GVO anders aussehen. Es löst, mindestens vorläufig, viele Probleme für uns.» Für die kanadischen Konsument(innen) sei GVO ebenfalls kaum ein Thema. Sie beschäftigen sich aber mit Glyphosatrückständen wegen der Spritzungen kurz vor der Ernte.

[IMG 4] Die Vorerntebehandlung des Getreides, die sogenannte Sikkation, gehört für viele kanadische Farmer zur Anbaupraxis. Sikkation ist in der Schweiz verboten, in Deutschland ist sie nur in Ausnahmefällen erlaubt. Les Willms meint, die Sikkation sei wahrscheinlich schon sicher, wenn man die Behandlung richtig ausführe (frühestens bei einer Getreidefeuchtigkeit von unter 30 Prozent). «Ich sage meinen Nachbarn nicht, sie sollen nicht spritzen, aber ich selbst lasse es sein.» Für kanadische Saatzüchter ist Sikkation verboten, da sie die Keimfähigkeit beeinträchtigen kann.

Zu kalt für spätes Spritzen

Luke Seatter führt noch Vorerntebehandlungen durch, obwohl eher ungern und nur auf Feldern, wo er Schwierigkeiten hat mit mehrjährigen Unkräutern. «Ich versuche, die Spritzungen korrekt auszuführen und nur wenn wirklich nötig.» Disteln und Quecken werden am besten im Herbst bekämpft, wenn das Unkraut die Nährstoffe nicht mehr in die Blätter, sondern in die Wurzeln umlagert.

In wärmeren Ländern würde der Bauer nach der Ernte spritzen, wenn das Unkraut Zeit hat, nachzuwachsen. Im Norden von Kanada bringt das meist nichts, da die Pflanzen das Wachstum oft eingestellt haben durch die kalten Nächte, welche es in dieser Jahreszeit schon geben kann (am 8. Oktober herrschten bei Seatter schon −11 Grad Celsius).

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Sikkation gegen Unkraut

Am Anfang vermarktete Monsanto die Sikkation zur Beschleunigung der Ernte, was im Norden Kanadas wichtig ist. Inzwischen empfiehlt man sie nur noch zur Unkrautbekämpfung. Luke Seatter meint, das habe auch mit dem Marktempfinden zu tun. «Von der Industrie kommt jetzt klar der Hinweis, mehr Sorgfalt bei der Anwendung walten zu lassen und diese Praxis nur wenn nötig einzusetzen. Wenn wir einen Monat schönes Wetter hätten nach der Ernte, wäre es ja kein Problem.» Lachend fügt er hinzu: «Es ist nicht fun, bei Minus-Temperaturen zu spritzen. Und es nützt ja auch nichts.»

«Welt von Kompromissen»

Mit seiner heutigen Anbautechnik wäre ein Glyphosatverbot für Seatter schwierig. Er macht keine Bodenbearbeitung. Deshalb ist er auf eine Behandlung vor dem Säen oder vor der Ernte angewiesen. «Wir befinden uns in einer Welt von Kompromissen», sage er, «es wäre schön, keine Chemie zu verwenden. Man muss die Alternative anschauen; beides ist nicht nur attraktiv. Am Ende muss der Farmer entscheiden. Schliesslich muss er einen Profit erwirtschaften».