Rolf Hinder kennt den Viehmarkt wie seine Westentasche. Was er aktuell sieht, lässt aufhorchen: Heute redet alle Welt von der Milchschwemme und zu vielen Tieren. Aber Hinder kauft bereits trächtige Rinder im Wissen, dass wir in einem halben Jahr zu wenig Kühe haben werden. Während die einen ihre Kühe schlachten, sichert er sich Nachschub. Sein Vater war einst ein grosser Exporteur – 17 000 Tiere gingen in den besten Zeiten aus der Schweiz ins Ausland. Heute importiert Rolf Hinder rund 450 Tiere jährlich aus umliegenden Ländern. Der Spiess hat sich gedreht.

Mächtige Silos, saubere Kühe und ein blitzblanker Stall

An der St. Gallerstrasse 11 in Zuzwil SG ragen die Silos in die Höhe. Eine moderne Anlage, asketisch sauber. Morgen steht ein Verkaufstag an. Wie immer – regelmässig, alle zwei Wochen. Hinders Angebotstage sind getaktet. In der Nähe des Standorts ist Platz für einen Neubau mit 100 weiteren Tieren geplant.

Wir betreten den Stall. Mauro Hinder, Rolfs Sohn, schert gerade Tiere. Das Surren der Schermaschine hallt durch den Stall. Auch hier ist alles sauber, als ob es gar kein Stall wäre. Die Kühe, der Stallgang, die Fenster – alles blitzblank. Mauro ist vor Kurzem aus Kanada zurückgekehrt, wo er auf einem grossen Betrieb Erfahrungen gesammelt hat. «Mais, Soja, Weizen – ein Lohnunternehmer mit über 20 Angestellten», erzählt Vater Rolf. Mauro winkt kurz herüber, dann widmet er sich wieder seiner Arbeit. Aufs Foto mit Vater und Grossvater Niklaus will er nicht. Er will lieber arbeiten.

660 Betriebe auf Mutterkuh umgestellt

Fünf Generationen Viehhandel. Rolf Hinder erinnert sich noch gut daran, wie er selbst in den Betrieb kam. Als sein Grossvater starb, war er gerade aus der Schule. Keine Zeit zum Überlegen, keine Zeit zum Orientieren. Einfach rein ins Geschäft. «Das Jahr Auszeit hätte mir auch gutgetan», sagt er heute. Deshalb liess er Mauro die Zeit. Kanada: andere Betriebe sehen, andere Systeme kennenlernen. Jetzt ist Mauro zurück und packt an. Die sechste Generation ist am Werk.

Vor 25 Jahren hat Rolf Hinder einen Schwerpunkt auf den Handel mit Mutterkühen gelegt, damals, als viele Milchbauern umstiegen. «Wir machen jetzt rund 50 Prozent des schweizerischen Imports bei den Mutterkühen», sagt Hinder. Das sind Zahlen, die aufhorchen lassen. Vor allem in den Jahren 2010 bis 2012, den Hauptumstellungsjahren, wechselten Hunderte von Betrieben. 660 hat Hinder in 25 Jahren begleitet. Von der Milchkuh zur Mutterkuh. Ein Paradigmenwechsel für viele Bauern.

[IMG 2]

Man keint einander – seit Generationen

Dabei hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt, das perfekt auf den Markt abgestimmt ist: Rolf Hinder handelt mit Milchkühen und Mutterkühen. «98 Prozent kaufe ich direkt bei den Bauern», sagt er. Früher habe man jede Kuh verkaufen können, die gekalbt hatte. Heute picke man bei einem Aufgabebetrieb die fünf, sechs besten heraus und handle sie weiter – der Rest bleibe bestehen. «Und das sind die Kühe, die wir dann selbst ausmästen», erklärt Hinder. Die Rechnung ist einfach: Was im Handel nicht läuft, wird in den passenden Kanal gebracht – eben Mast. Rund 600 Tiere pro Jahr mit eigenem Futter von 80 Hektaren Land. Rund die Hälfte davon ist Futterbau, die andere Hälfte Ackerbau.

Wobei: Hinder fährt den Ackerbau gerade zurück. «Mit den neuen Vorschriften – immer weniger Pestizide, Mittel, die nicht mehr wirken – wird das zunehmend zur Nullrunde», sagt er. Die Kosten steigen, die Erträge sinken.

Diese Flexibilität zeigt sich auch bei den Rassen. Hinders setzen vorwiegend auf Zweinutzungsrassen: Grauvieh, Pinzgauer, Simmentaler, Original Braunvieh und F1-Tiere aus Milchkühen. «Die Bauern, die umstellen, wollen eine ruhige Rinderrasse. Was sehr wichtig ist: Es muss noch Milch drin sein und der Charakter muss stimmen», erklärt der Ostschweizer.

Die meisten Tiere gehen über die Vermarktungsorganisation direkt an Abnehmer. Oft geschieht das im Tausch mit Milchviehbetrieben, es ist ein Geben und Nehmen. Hinders kennen ihre Bauern, die Bauern kennen sie. Seit Generationen.

«Ein Armutszeugnis für die Schweiz und die Landwirtschaft»

Und dann ist da noch die aktuelle Milchsituation. 78 Rappen pro Kilogramm ist lediglich der Richtpreis, der effektive Milchpreis liegt oft weit darunter. Rolf Hinder wird ernst, wenn er darüber spricht. «Wir leben in einem der wohlhabendsten Länder mit dem grössten Lebensstandard – und dann hat ein Teil der landwirtschaftlichen Bevölkerung so einen katastrophalen Stundenlohn.» Er macht eine Pause. «Das ist für mich ein Armutszeugnis. Für die Schweiz und für die ganze Landwirtschaft.»

Seine Kritik richtet sich vor allem an die Verarbeiter und die Verbände. «Dass mehr Milch aus dem Grundfutter kommt, wissen wir nicht erst seit dem Herbst. Das hätte man im Frühling schon sehen können.» Auch die Blauzungen-Problematik und ihre Auswirkungen auf die Abkalbungen seien lange bekannt gewesen. «Aber niemand war interessiert an einer Lösung.» Stattdessen: Preisdruck. Immer mehr Preisdruck.

[IMG 3]

Für Hinder selbst ist die Milchkrise aber auch eine Chance. Wenn ein Bauer schnell verkaufen will – weil die zweite Kalbung nicht kommt, weil der Melkroboter kein passendes Tier findet, weil der Platz fehlt – dann ist das Viehvermarktungscenter Hinder die Lösung. Ein wichtiges Ventil im System. Beim Besuch der BauernZeitung fehlte die Stallkapazität wegen zu viel Milchvieh. «Also haben wir halt kurzerhand den Platz zum Melken umgestellt», sagt Hinder. Improvisation gehört für ihn dazu. Flexibilität ist alles.

Und dann macht der St. Galler eben das, was zeigt, wie gut er den Markt spürt: Er kauft trächtige Rinder. Aktuell. Jetzt. «Ich sehe, dass wir die Tiere in Zukunft gar nicht mehr verfügbar haben werden», erklärt er seine Strategie. Kurzfristig gebe es vielleicht einige Prozent zu viel Milch, was hauptsächlich aufgrund der Verarbeitungskapazitäten zum Problem geworden sei. «Aber in einem halben Jahr haben wir zu wenig», ist sich der Viehhändler sicher.

Rolf Hinder kennt den Markt und schaut voraus

Hinders haben ihre Fühler im Markt. Und wohl genau darum fehlt es auch nicht an irgendwelchen Kapazitäten. Was der Vater einst als Exporteur erlebte – 17'000 Tiere gingen in den besten Zeiten aus der Schweiz ins Ausland –, sieht der Sohn nun aus der anderen Perspektive. Heute braucht die Schweiz die Tiere selber. Auch wenn das Risiko grösser ist: Hinder kauft vor. Den Markt spüren – das ist seine Stärke. Diese vorausschauende Planung ist typisch für ihn. Ebenso wie seine Offenheit für neue Wege.

Für Rolf Hinder ist seine Arbeit eine grosse Leidenschaft. «Ich habe den schönsten und unterhaltsamsten Beruf. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.» Und dann, mit einem zufriedenen Lächeln: «Händler und Bauer – beides bin ich im Herzen. Für mich gibt es nichts anderes. Das ist mein Leben.»