Mehr Milch, mehr Geld: Diese Rechnung ging für viele Milchbauern 2025 nicht auf. Die Milchstatistik der Schweiz, die im September erschienen ist, macht sichtbar, wie es dazu kam. Es folgen einige Absätze mit vielen Zahlen. Sie lohnen sich: Erst im Detail zeigt sich, wann die Überproduktion sichtbar wurde und wo die Mehrmenge landete.
Neun Monate in Folge mehr
Insgesamt kamen 3 401 440 Tonnen Kuhmilch auf den Markt, 2,7 Prozent mehr als 2024 und mehr als in jedem der drei Vorjahre. Diese Zahl sagt aber wenig über den Verlauf. Von Januar bis März lag die Menge noch leicht unter dem Vorjahr, der Februar auch wegen des Schalttags 2024. Ab April kippte es, und Monat für Monat wurde der Abstand grösser: plus 2,0 Prozent im April, plus 3,9 im Juli, plus 5,3 im Oktober, plus 7,0 im November. Im Dezember lieferten die Bauern 9,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das sind 24 000 Tonnen in einem einzigen Monat.
Weniger Kühe, weniger Betriebe, mehr Milch
Mehr Kühe standen dafür nicht im Stall. Am 1. Januar 2025 zählte die Statistik 524 354 Milchkühe, 0,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Auch die Zahl der Betriebe, die das ganze Jahr Milch abliefern, ging zurück, auf 16 330. Innert zehn Jahren sank die Zahl der Verkehrsmilchproduzenten um 26 Prozent, bei den Landwirtschaftsbetrieben insgesamt um 13 Prozent.
Die Mehrmenge kam also aus dem Stall selbst. Jede Kuh lieferte im Schnitt 6657 Kilo ab (plus 3,5 Prozent), jeder Betrieb 203 260 Kilo (plus 5,2 Prozent). Die Milch konzentriert sich zudem zunehmend auf grosse Betriebe. Die Zahl der Betriebe mit mehr als einer halben Million Kilo Jahresmenge stieg von 1019 auf 1170. Sie liefern inzwischen 24,9 Prozent der Schweizer Milch, vor zwei Jahren waren es 20,6. Am anderen Ende schrumpfte die Zahl der Betriebe unter 100 000 Kilo innert Jahresfrist von 5647 auf 5221.
Wohin mit der Milch?
Die Verarbeiter nahmen gut 93 000 Tonnen mehr Milch auf. Knapp die Hälfte ging in den Käse (plus 2,9 Prozent), gut ein Viertel in die Butter (plus 4,9 Prozent). Quark legte um 16,5 Prozent zu, die «anderen Milchspezialitäten» um 14,1 Prozent. Die Butterproduktion stieg auf 45 170 Tonnen, ein Plus von 6,8 Prozent.
Was sich nicht absetzen liess, lagert oder wurde exportiert. Die Butterlager waren Ende 2025 mit 4888 Tonnen doppelt so voll wie Ende 2023. Bei Magermilchpulver stieg der Lagerbestand um 79 Prozent auf 5938 Tonnen, während die Exporte um 21 Prozent auf 9237 Tonnen sanken. Dafür gingen 1102 Tonnen Butter und Milchfettprodukte ins Ausland, im Jahr davor waren es 7. Die Branchenorganisation Milch (BOM) stützte Exporte mit 59,5 Millionen Franken aus dem Fonds Rohstoffverbilligung. Aus dem Fonds Regulierung kamen 11,5 Millionen (plus 37,7 Prozent), davon 5,1 Millionen für Milchfett. 2024 war dafür noch nichts geflossen.
Die Segmente: wo die Mehrmenge landete
Wer nicht täglich mit der Segmentierung rechnet, hier die Kurzfassung: Die Segmente bilden eine Preisleiter. A-Milch geht in Produkte mit Grenzschutz oder Stützung, etwa Konsummilch, Rahm, Inlandbutter und Käse mit Verkäsungszulage, und wird am besten bezahlt. B-Milch geht in Produkte ohne Schutz und Stützung, etwa Quark, Exportjoghurt oder Magermilchpulver, und wird deutlich schlechter bezahlt. Ganz unten steht die C-Milch. Sie wird ohne jede Beihilfe zum Weltmarktpreis abgeräumt, in der Regel als Butter oder Magermilchpulver für den Export, und erhält am wenigsten.
Die Daten der BOM zeigen, wo die zusätzliche Milch landete. Der B-Anteil stieg von 18,4 auf 19,4 Prozent. Die B-Menge wuchs um 8,4 Prozent auf 653 803 Tonnen, die A-Menge nur um 1,4 Prozent. Von der Mehrmenge im Erstmilchkauf, also der Milch, die Händler direkt von den Produzenten kaufen, floss deshalb über die Hälfte, nämlich 55 Prozent, ins B-Segment. Im Sommer war der Trend am deutlichsten: Im August lag die B-Menge 18,5 Prozent über dem Vorjahr.
Gegenüber 2024 kam ein C-Segment dazu, die am schlechtesten bezahlte Milch. Im Vorjahr blieb die Spalte leer. Ab September 2025 wurden 73 Tonnen C-Milch ausgewiesen, im Dezember schon 1114, insgesamt 2701 Tonnen. Das sind nur 0,1 Prozent der Menge, doch ein Teil der Milch kam ganz unten auf der Preisleiter an. Einen C-Preis nennt die Statistik nicht.
| Jahr | Monat | A-Milch | B-Milch | C-Milch | |||
| t | % | t | % | t | % | ||
| 2024 | Januar | 228 778 | 81,3 | 52 558 | 18,7 | ||
| Februar | 223 652 | 81,2 | 51 951 | 18,8 | |||
| März | 246 628 | 80,9 | 58 158 | 19,1 | |||
| April | 249 808 | 81,3 | 57 471 | 18,7 | |||
| Mai | 251 394 | 80,9 | 59 207 | 19,1 | |||
| Juni | 219 453 | 82,6 | 46 100 | 17,4 | |||
| Juli | 210 109 | 83,1 | 42 816 | 16,9 | |||
| August | 208 249 | 84,0 | 39 541 | 16,0 | |||
| September | 205 201 | 83,4 | 40 708 | 16,6 | |||
| Oktober | 213 657 | 81,3 | 49 143 | 18.7 | |||
| November | 203 157 | 80,0 | 50 816 | 20,0 | |||
| Dezember | 213 513 | 79,6 | 54 669 | 20,4 | |||
| Total | 2 673 600 | 81,6 | 603 138 | 18,4 | |||
| 2025 | Januar | 226 992 | 81,2 | 52 602 | 18,8 | ||
| Februar | 212 913 | 80,8 | 50 509 | 19,2 | |||
| März | 243 500 | 80,2 | 60 209 | 19,8 | |||
| April | 253 290 | 80,7 | 60 473 | 19,3 | |||
| Mai | 253 052 | 80,5 | 61 309 | 19,5 | |||
| Juni | 220 226 | 81,3 | 50 804 | 18,7 | |||
| Juli | 213 750 | 81,4 | 49 003 | 18,6 | |||
| August | 211 422 | 81,9 | 46 859 | 18,1 | |||
| September | 212 024 | 81,6 | 47 779 | 18,4 | 73 | 0,0 | |
| Oktober | 224 627 | 80,7 | 53 384 | 19,2 | 453 | 0,2 | |
| November | 212 170 | 78,1 | 58 388 | 21,5 | 1062 | 0,4 | |
| Dezember | 228 397 | 78,2 | 62 485 | 21,4 | 1114 | 0,4 | |
| Total | 2 712 363 | 80,5 | 653 803 | 19,4 | 2701 | 0,1 |
Der A-Anteil: zwei Zahlen, ein Muster
Die SMP misst den A-Anteil zusätzlich bei der konventionellen Molkereimilch (ÖLN, also ohne Bio), das ist die Milch, die nicht in der Käserei landet. Grundlage ist der Standard-Produzentenpreis (SPP), ein Durchschnittspreis für einen Modellbetrieb mit 180 000 Kilo Jahresmenge. Dort fiel der A-Anteil von 70,5 Prozent im September auf 64,2 Prozent im Dezember.
Das sieht nach einem Einbruch aus, ist aber zum Teil Saisonmuster. 2024 sank der A-Anteil zwischen August und Dezember um 6,7 Prozentpunkte, 2025 um 6,6. Verschoben hat sich das Niveau: 2025 lag der A-Anteil in jedem Monat unter dem Vorjahr, ab Juni um mindestens 1,6 Punkte, im November um 4,2. Für den Modellbetrieb hat das einen Preis. Ein Prozentpunkt weniger A-Milch kostet bei 27,5 Rappen Preisdifferenz rund 500 Franken im Jahr.
Das Jahresmittel täuscht
Im Jahresdurchschnitt sieht der Milchpreis harmlos aus. Der Verkehrsmilchpreis lag 2025 bei 76,3 Rappen pro Kilo, 1,7 Prozent über dem Vorjahr. Wer sich nur den Durchschnitt ansieht, übersieht den Verlauf. Die Preise und Anteile in diesem Abschnitt gelten für die konventionelle Molkereimilch.
In der ersten Jahreshälfte lag der SPP 1,3 bis 2,1 Rappen über dem Vorjahr. Von Juli bis September war er gleichauf, ab Oktober darunter, im Dezember um 2,2 Rappen. Bei einer Jahresmenge von 180 000 Kilo entspräche dieser Abstand knapp 4000 Franken im Jahr. Der A-Preis hielt sich im Dezember bei 74,8 Rappen. Abgestürzt ist der B-Preis: Er lag bis September über dem Vorjahr, fiel dann von 54,4 auf 47,3 Rappen und im Dezember um 4,8 Rappen unter den Dezember 2024. Die Differenz zwischen A- und B-Preis wuchs von 23,5 Rappen im Januar auf 27,5 im Dezember.
Nicht alle spürten das gleich. Der Preis für verkäste Milch lag im Dezember nur 0,3 Prozent unter dem Vorjahr, Bio-Milch 1,8 Prozent, Molkereimilch aber 4,0 Prozent. Wie sich das auf die Einkommen auswirkt, zeigt die Statistik noch nicht. Die Buchhaltungsdaten reichen bis 2024. Damals blieb pro Familienarbeitskraft ein Arbeitsverdienst von 57 837 Franken auf Milchbetrieben im Tal, 44 676 Franken in der Hügelregion und 44 107 Franken im Berggebiet.
Was die SMP sagt und was nicht
Wir haben bei der SMP nachgefragt: Sie stellt zunächst klar, dass nicht sie, sondern die BOM die Richtpreise beschliesst, berechnet und veröffentlicht. Den A-Richtpreis legt der Vorstand der BOM fest. Der B-Richtpreis richtet sich nach dem Rohstoffwert der Milch bei der Verwertung zu Magermilchpulver für den Export und zu Butter für den Inlandmarkt. Die SMP selbst berechnet den SPP.
Die wachsende Preisdifferenz habe sich «ab Oktober 2025» abgezeichnet und sei in der Branche zeitnah thematisiert worden. Massnahmen seien über die Milchhandelsorganisationen «ab Ende Jahr» umgesetzt worden. Ob die Segmentierung wirksam ist, werde in der BOM geprüft. Es gehe darum, «falsche Anreize» zu eliminieren. Das Thema sei adressiert, aber nicht abgeschlossen. Ob die vorhandenen Instrumente künftig genügen, werde in der Branche diskutiert.
Offen bleibt, was wir konkret gefragt haben. Ab wann stufte die SMP die Entwicklung als strukturelles Problem ein? Hat sie sich in der BOM für ein schärferes Eingreifen starkgemacht? Dazu äussert sie sich nicht. Die Daten legen nahe, dass die Richtung schon im Sommer erkennbar war: Die B-Menge lag ab Juli deutlich über dem Vorjahr, der A-Anteil ab dem Frühjahr darunter. Ob dieses Wissen damals schon in der Branche vorlag, sagt die SMP auf Anfrage nicht.
Preis wie im Jahr 2000
Beim Vergleich mit dem Jahr 2000 hält die SMP dagegen. Damals habe es einen höheren und konsequenteren Grenzschutz gegeben, heute sei rund die Hälfte der Milchmenge dem freien Markt ausgesetzt, der Käsefreihandel gelte seit 2007. Das erklärt vieles.
Die Zahlen: Der Verkehrsmilchpreis lag 2000 bei 79,2 Rappen pro Kilo, 2025 bei 76,3. Nominal ist er also tiefer als vor 25 Jahren, und die Kaufkraft des Frankens ist seither geschrumpft. Bei der Molkereimilch beträgt der Rückgang 8 Rappen (78,1 auf 70,1), verkäste Milch steht praktisch gleich (78,90 auf 78,85).
Auch Bio-Milch, die im Vergleich als stabil gilt, kostet mit 93,9 Rappen nominal gleich viel wie im Jahr 2000 (93,6). Die Bio-Menge wuchs 2025 um 3,8 Prozent, schneller als der Markt. Der Bio-Anteil an der Kuhmilch stagniert seit 2022. 2025 lag er bei 8,4 Prozent.
Neu in der Statistik
Erstmals enthält die Milchstatistik Zahlen zum Veredelungsverkehr. Beim aktiven Veredelungsverkehr wird ausländischer Rohstoff in der Schweiz verarbeitet und wieder exportiert. Beim passiven werden Schweizer Rohstoffe im Ausland verarbeitet und zurückgeholt. 2025 wurden 15 379 Tonnen für die aktive Veredelung eingeführt, gegenüber 24 408 im Vorjahr, vor allem Molke, Dauermilchwaren sowie Milch und Rahm. Für die passive Veredelung wurden 7168 Tonnen ausgeführt. Gemessen an den 3,4 Millionen Tonnen Schweizer Verkehrsmilch sind das kleine Mengen, aber die Branche kann nun erstmals sehen, wie gross diese Ströme sind.
Ein Thermometer, kein Thermostat
Seit dem Ende der Kontingentierung am 1. Mai 2009 steuert sich der Milchmarkt über Preissignale. Das Problem: Sie treffen die Bauern, wenn die Milch schon im Tank ist. Die Segmentierung hat 2025 gezeigt, was sie kann. Sie hat das Ungleichgewicht präzise abgebildet, Monat für Monat und bis auf die Kommastelle. Verhindert hat sie es nicht.
Solange sie nur misst und nicht regelt, ist sie ein Thermometer und kein Thermostat. Ob die BOM das ändert, entscheidet sich in der Prüfung, von der die SMP spricht. Die nächste Milchstatistik wird zeigen, ob das Jahr 2025 ein Ausreisser war oder der Anfang.

