Es sind bewegte Zeitenfür die Landwirtschaft. Diese Binsenwahrheit gilt insbesondere für die beiden führenden Labelorganisationen Bio Suisse und IP-Suisse. Im ersten Moment kommt einem da natürlich der Dachverband der Biobauern in den Sinn. Dieser geriet im Zusammenhang mit den beiden Agrar-Initiativen in die politische Waschmaschine mit Schleudergang. Die Nein-Parole zur Trinkwasser-Initiative kam vielen Konsument(innen) in den falschen Hals. Dazu führten grundsätzliche Missverständnisse über die Funktionsweise der Biolandwirtschaft im grossen Publikum, aufgeheizt durch ein paar empörte Journalisten und ergänzt durch mässig geschickte Kommunikation von Bio Suisse.
Sturm im Wasserglas
Doch diesen Sturm im Wasserglas sollte man nicht überbewerten. Die Biobewegung scheint das auch so zu sehen. Aufstehen, Staub abwischen und weitergehen auf dem eingeschlagenen Weg, ist hier die Devise. Dieser Weg ist ungebrochen erfolgreich. Dass man intern viele Diskussionen zu führen hat, ist auch eine Konsequenz dieser Erfolgsgeschichte. Unbeirrt hält man in Basel am etappierten Ziel Bioland Schweiz fest.
Das mag bei einem Bioanteil von 11 Prozent im Schweizer Lebensmittelkonsum etwas überheblich und provokativ klingen, aber man muss sich hohe Ziele setzen, um im bequemen Sessel des Erfolgsverwöhnten den Anschluss nicht zu verpassen. Das nachhaltige Wachstum, sowohl quantitativ wie auch qualitativ, erfordert auch Kompromisse. Darin hat man Routine in der Biobewegung, diese Auseinandersetzungen sind auch für den übrigen Sektor interessant, sie widerspiegeln die Herausforderungen für die ganze Branche in unserer Wohlstandsgesellschaft.
Modulares System als Vorteil
Besonders interessiert verfolgt man die Aktivitäten der Bio Suisse auch in Zollikofen bei der IP-Suisse. Diese hat sich mit ihren umsichtig früh und diskussionsarm gefassten Nein-Parolen zu den Agrar-Initiativen im Abstimmungskampf zwar schadlos gehalten. Aber auch dieser Produzentenverband ist nicht homogen, was die angestrebte Geschwindigkeit der Weiterentwicklung angeht.
Der grosse Vorteil der IP-Suisse ist hier das modulare System in den Programmen, welches einen schrittweise Einstieg in eine ökologischere Produktion ermöglicht. Das senkt die Schwelle für Neueinsteiger, sorgt aber auch dafür, dass das Profil des IP-Käfers weniger scharf ist, als dasjenige der Bio-Knospe. Umgekehrt ist man beim Käfer sicher, dass das Produkt, das er ziert, aus heimischen Gefilden kommt.
Grosse Erfolge am Markt
Ungeachtet oder gerade dank der Unterschiede zwischen den Labels verzeichneten beide im vergangenen und im laufenden Jahr grosse Erfolge am Markt. Hier kann man die Früchte langjähriger Aufbauarbeit ernten. Kurz zusammengefasst hat sich auch beim letzten Detailhandels-Manager unterdessen die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Glaubwürdigkeit der Marken aus Produzentenhand grösser ist als diejenige der Eigenmarken, die man jahrelang mit viel Engagement und noch mehr Millionen aufgebaut hat. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und all denjenigen unter die Nase reiben, welche der Landwirtschaft gerne Marktferne und Subventionsabhängigkeit vorwerfen.
Zunächst hielt der Käfer Einzug bei Coop; das setzte die Migros derart unter Druck, dass sie dem IP-Label ebenfalls Einflug gewähren musste. Jüngst konnte nun auch die Knospe einen weiteren Durchbruch vermelden. Nachdem man jahrzehntelang zu stark abhängig war vom Gutdünken von Coop, wird die Knospe ab dem kommendem Jahr auch im Regal von Migros spriessen.
Erfreulicherweise führt diese Doppelpräsenz nicht etwa zu gegenseitiger Kannibalisierung der Labels. Sie haben gut nebeneinander Platz im Regal, unterscheiden sich inhaltlich sowie preislich deutlich und sorgen so, ergänzt durch das Basislabel Suisse Garantie, für eine breite Auswahl für die unterschiedlichen Kundenwünsche und Kaufkraft-Kategorien.
Detailhandel muss korrekt abgelten
Grösste Herausforderung aus Sicht der Produzenten(-organisationen) ist, dass ihre Mehrleistungen durch den Detailhandel anständig abgegolten werden. Dieser lässt sich viele der Nachhaltigkeits-Leistungen der Landwirtschaft nach wie vor durch den Bund vergüten. Dieses System sorgt dafür, dass sich die Bauern stets politisch rechtfertigen müssen, während sich Coop und Migros, wie jüngst im Abstimmungskampf wieder zu sehen war, vornehm zurückhalten. Da braucht es im Rahmen der angestrebten umfassenden Ernährungspolitik eine Systemkorrektur.

