Arnold Windlin besitzt eine Käserei, ist Sbrinz-Käser, Schweinemäster und zugleich Präsident der Fachkommission «Markt» der Suisseporcs.

Zugleich präsidiert Windlin auch die «Jagerbörse Zentralschweiz» und ist auch stellvertretendes Mitglied Verwaltungsrat Proviande. Er hat dank seinem Beruf und seinen Ämtern ein geballtes Wissen über den Schweinemarkt. Er analysiert im folgenden Interview den Schweinemarkt und wagt auch den Ausblick ins Jahr 2017.


Mehr als ein Viertel aller Leute kochen an Weihnachten Schweinefilet im Teig oder Schinken im Teig. Ich nehme an, so etwas freut Sie sicher?


Arnold Windlin: Ja, das freut mich. Wir essen zu Hause auch Schweinefilet im Teig. Die Klassiker Schweinefilet im Teig oder Schinken im Teig zählen an Weihnachten immer noch zu den traditionellen Menus und das freut uns Schweinehalter.

2015 sank der Konsum von Schweinefleisch um 860 Gramm je Kopf. Warum wurde sogar in einem Tiefpreisjahr weniger konsumiert?

Nicht nur der Preis ist heute für den Kauf eines Nahrungsmittels entscheidend, ich zähle fünf Gründe auf, warum es so ist. Erstens haben sich in den letzten 20 Jahren die Ernährungsgewohnheiten schleichend, aber grundlegend geändert. Das Schweinefleisch wurde von den Ernährungsberaterinnen und –beraten nicht vorteilhaft dargestellt oder sogar schlicht und einfach vergessen. Ich zähle hier nur ein Beispiel auf: Der klassische, sonntägliche Schweinebraten ist nicht mehr in Mode und neue Essgewohnheiten sind im Vormarsch!
Zweitens darf man nicht vergessen, Schweinefleisch ist auch heute immer noch das meistkonsumierte Fleisch und deshalb ist es ja auch irgendwie logisch, dass es Verluste hinnehmen musste. 
Und drittens haben wir vor allem im Heimkonsum-Bereich verloren. Heute findet der Konsument die Schweinekoteletten im Detailhandel fast nicht mehr, denn der Verdrängungskampf und die Auswahl in den Läden und Supermärkten sind riesig. Kürzlich sah ich im Supermarkt 50-Prozent-Aktionen mit  Lamm-Nierstück aus Neuseeland und Entrecotes aus Uruguay! Dieses Fleisch ist gleich teuer wie Schweinefilet und steht in Konkurrenz zu diesem. Viertens kommt der Einkaufstourismus dazu. Damit verlieren wir Jahr für Jahr Geld ins nahe Ausland. Fünftens haben wir beim Schweinefleisch 96 Prozent Inlandversorgung - das ist viel zu viel! So können wir mit unseren Abnehmern nicht mehr ernsthaft über den Preis verhandeln.


Um wie viel muss die Produktion sinken?

Um fünf Prozent. Seit dem 5. August 2016 stossen wir ein Übermass an Schlachtschweinen vor uns her. Von April bis Juni schluckte der Markt das Schweineangebot aber seit der zweiten Jahreshälfte produzieren wir Schweinehalter ganz einfach viel zu viele Schlachtschweine. Das Mass ist voll.


Schlachtschweine galten im laufenden Jahr 34 Rappen pro Kilo Schlachtgewicht mehr als 2015. Blicken die Schweinebauern freudig auf das Jahr 2016 zurück?


Ein wenig besser als 2015 geht es uns schon. Ich mache aber lieber den Vergleich mit dem Jahr 2014, als der Schwei-

nepreis im Schnitt bei Fr. 4.15 für Schlachtschweine lag. Bei den 20-kg-Jagern hatten wir 2014 einen Schnitt von

Fr. 6.07, das wäre 54 Rappen mehr als 2016. Unsere Rechnung geht auf, wenn wir im Schnitt bei den Schweinen über 4 Franken und bei den Jager über 6 Franken liegen. So sieht man, dass die Schweinehalter 2016 mit Fr. 3.79 für Schweine und Fr. 5.53 für Jager ein schlechtes Jahr hatten. In schlechten Jahren verschenken wir Schweinehalter eine Riesensumme von 200 Millionen Franken. Zwar produzierten wir im zu Ende gehenden Jahr rund zwei Prozent weniger Schlachtschweine. Nur leider stieg 2016 auch das Schlachtgewicht um nahezu zwei Kilo je Sau an. Die so produzierte Mehrmenge Schweinefleisch summiert sich bei 50 000 Schlachtsauen je Woche zu 100 Tonnen mehr Schweinefleisch. Das entspricht der Fleischmenge von 1200 Schweinen. Die zusätzlichen 100 Tonnen Woche für Woche führten in die heutigen Misere.  Mit Fr. 3.60 je Kilo Schlachtgewicht ab Hof ist ein Tiefpreis erreicht. Nur würden noch tiefere Preise nichts nützen, weil nicht mehr Fleisch abgesetzt würde, sondern nur die Umsätze purzeln. Uns Schweinehalter plagen im Moment nicht die Fr. 3.60,  sondern die um fünf Prozent zu hohe Produktion.


Schweinezüchter erhielten 52 Rappen mehr pro Kilo Jager ab Stall. Geht es den Züchtern besser als den Mästern?


Züchter oder Mäster sitzen im gleichen Boot! Aktuell haben die tiefen Preise zu keiner Reaktion am Markt geführt. Es muss Folgendes getan werden: Wir müssen saisonal höhere Preisabstufungen machen und damit marktgerechte Signale setzen. In Zukunft müssen die Jagerpreise ab Mitte April stärker sinken als bisher. Die Abstufungen sollen in Zukunft je nach Saison höher ausfallen. So erhalten die Züchter einen saisonalen finanziellen Anreiz, mehr oder weniger Jager marktgerecht zu produzieren.



Es hat Rückstaus auf dem IPS-und QM-Schweinemarkt, nur Coop Naturaplan meldet meistens einen ausgeglichenen Schweinemarkt. Wäre es nicht höchste Zeit, auch eine Mengensteuerung für QM und IPS einzuführen?


Coop hat bei den Naturaplan-Schweinen eine integrierte Produktion, die vom Verbrauch her gesteuert ist. Die versprochene Menge wird abgenommen. Bei den IPS gibt es keine vom Verbrauch her gesteuerte Mengenplanung. Der Handel lässt die Produzenten über die Mengenplanung hinaus produzieren und deshalb haben wir Rückstaus bei den IPS. Die Mengensteuerung ist nicht einfach. Sie wird für QM immer wieder in den schlechten Zeiten diskutiert. Die Suisseporcs verfügt  jedoch bis heute über kein wirksames Mengensteuerungs-Instrument.


Der Schweinezyklus wird immer enger. Er dauert heute nur noch zwei bis drei Jahre statt wie früher vier bis fünf Jahre. Warum verkürzt sich der Schweinezyklus dramatisch? Warum reagiert der Schweinemarkt so sensibel auf ein steigendes Angebot?


Aus drei Gründen: Wir haben eine hohe Inlandversorgung von 96 Prozent. Das ist der Hauptgrund.  Dazu

kommen der Einkaufstourismus und fortlaufende Zuchtfortschritte um zwei Prozent jährlich. Leider, muss man

sagen, sind wir Schweinehalter viel zu gut und unser Erfolg wird uns zum Bumerang. Wir bezahlen unseren eigenen Fortschritt teuer. Wir produzieren pro Sau mehr und gesündere Ferkel. Die 20-kg-Jager sind geimpft und wachsen schneller in der Mast. Zurzeit haben wir zu viele Mastschweineplätze. Das sieht man daran, dass es bei den Schlachtschweinen aber nicht bei den  Jagern Rückstaus gibt.  Wir haben ganz einfach zu viele Mastplätze gemessen am Inlandkonsum. Ab 2018 verlieren wir wegen dem Verbot von Vollspaltenboden Mastplätze. Man wird sehen, wie der Markt darauf reagieren wird.


Das neue Jahr 2017 steht vor der Tür. Was für eine Prognose wagen Sie für den Schweinemarkt im Jahr 2017?


Das Ziel wäre jeweils, vor den Festtagen die Schlachtgewichte zu reduzieren, um mit abgeräumten Markt ins neue Jahr zu gehen. Jetzt zum Jahresende haben wird leider noch Rückstaus und die werden wir ins 2017 mitnehmen. Logisch, dass in den ersten Wochen 2017 der Schlachtschweineabsatz eine grosse Herausforderung bleiben

 wird. Ich ziehe folgendes Fazit: Auch 2017 wird ein schwieriges Schweinejahr werden. Auf Neujahr wünsche ich mir Schneefälle und volle Skipisten. Das gibt Hunger und dann werden in den Skigebiete-Restaurants die Klassiker Schnitzel und Pommes frites, Schweinesteak und Wienerli rege nachgefragt. Des Weiteren wünsche ich mir eine frühe Grillsaison mit 25 Grad Wärme schon ab Mitte April. Eine Kombination von guter Skisaison und frühem Start der Grillsaison würde den Schweinefleisch-Konsum entscheidend steigern. Das wäre das Beste, was uns passieren könnte. Mehr verkauftes Schweinefleisch im nächsten Jahr  - das wünsche ich allen Schweineproduzenten.

Interview Hans Rüssli