LID: Welche wirtschaftlichen Perspektiven sehen sie im heutigen Umfeld für die Bauernbetriebe in der Schweiz?
Ernst Flückiger: Die Nahrungsmittelproduktion in der Schweiz befindet sich aus wirtschaftlicher Sicht in einer schwierigen Situation. Viele Landwirtschaftsbetriebe können im teuren Schweizer Umfeld nicht mehr kostendeckend produzieren. Die Bauern erhalten am Markt zu wenig für ihre Produkte. Bei vielen Produkten existiert kein echter Markt mehr im ursprünglichen Sinne der freien Markwirtschaft. Die Bauernfamilien stehen ein paar wenigen Grossabnehmern gegenüber, welche die Produktpreise bestimmen. Die Schweizer Detailhändler beanspruchen im europäischen Vergleich hohe Margen. Von den Preisen, welche die Konsumentinnen und Konsumenten für Schweizer Nahrungsmittel bezahlen, bleibt zu viel im Zwischenhandel hängen. Der Anteil am Konsumentenfranken, den die Bauernfamilien als Produzenten erhalten, ist eindeutig zu tief.

«Der Anteil der Bauernfamilien am Konsumentenfranken ist zu tief»

Inwiefern beeinflussen politische Debatten du Abstimmungen, wie diejenigen vom 13. Juni, die Zukunft?
Erstens: Das Abstimmungsergebnis zur Trinkwasser-Initiative und zur Pestizid-Initiative hat wegweisende Auswirkungen auf die zukünftige Land- und Ernährungswirtschaft in der Schweiz. Zweitens: Wir müssen uns bewusst sein, dass wir in Europa regelmässig Hungersnöte hatten, bevor wir mit chemischem Pflanzenschutz unsere Kulturen wie Kartoffeln, Getreide, Obst, Reben und Beeren vor übermässigem Schädlingsbefall wie zum Beispiel die Kraut- und Knollenfäule schützten und somit einen Totalausfall der Ernte verhindern konnten. Den chemischen Pflanzenschutz zu verteufeln ist daher fehl am Platz. Drittens: Mit den globalen Märkten, welche einen Transport von Gütern von einem Kontinent auf den anderen ermöglichen, werden auch Schadorganismen eingeschleppt, die nicht in unsere Ökosysteme passen und deshalb keine natürlichen Feinde haben. Aufgrund des Klimawandels mit den steigenden Temperaturen werden wir uns in den nächsten Jahren vermehrt mit neuen Krankheiten und Schädlingen für Menschen, Tiere und Pflanzen auseinandersetzen müssen. Ein vollständiges Verbot von chemischen Pflanzenschutzmitteln ist deshalb aus meiner Sicht nicht verantwortbar.

Was bedeuten diese Herausforderungen für die Bauernfamilien?
Dass das angeschlagene Image der Landwirtschaft bei der übrigen Bevölkerung sowie die Trinkwasser- und Pestizidverbots-Initiative für viele Bäuerinnen und Bauern die grössten Sorgen sind, kann ich gut nachvollziehen (Umfrage Frühjahr 2021, siehe Abbildung). Ich empfehle deshalb allen Bäuerinnen und Bauern, auf Verwandte und Bekannte zuzugehen und ihnen die Auswirkungen einer Annahme der beiden Initiativen für ihre Betriebe aufzuzeigen. Bäuerinnen, Landwirtinnen und Landwirte gehören bei diesen beiden Initiativen zu den wahren Expertinnen und Experten. Verwandte und Freunde, Kolleginnen und Kollegen sind froh und dankbar, wenn sie mit Direktbetroffen über die beiden Initiativen sprechen können. Im Turnverein, in der Musikgesellschaft, der Trachtengruppe, der Feuerwehr oder allgemein im Bekanntenkreis, sind die Bauern als Experten gefragt. Persönliche Kontakte und Argumente überzeugen viel stärker als Abstimmungsplakate. Verantwortungsbewusste Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wollen Fakten hören, damit sie sich eine fundierte Meinung bilden können. Polemik und Schuldzuweisung auf andere sind kontraproduktiv.

«Polemik und Schuldzuweisung sind kontraproduktiv»
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Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sollen direkt auf Bauernfamilien oder Bauernhöfe mit Hofladen zuzugehen. (mr)

Wenn Bauern auf Stimmbürger direkt zugehen sollen, was raten Sie den Konsumenten?
Bevor sie das Abstimmungsformular zur Trinkwasser- und Pestizidverbots-Initiative ausfüllen, empfehle ich allen verantwortungsbewussten Stimmbürgerinnen und Stimmbürger auf bekannte Bauernfamilien oder Bauernhöfe mit Hofladen zuzugehen und nachzufragen, welche konkreten Auswirkungen ein Ja zu den beiden Initiativen haben würde.

Die Infragestellung bisher akzeptierter Produktionsweisen löst Verunsicherungen aus bei den Bauernfamilien. Wirkt sich das auch aus auf Investitionen und die Nachfolge auf den Höfen?
Ja, es ist in der Tat so, dass Betriebsleitende mit anstehenden Investitionen warten, bis die Abstimmung über die beiden Initiativen erfolgt ist. Aus meiner Sicht handeln sie so als risikobewusste Unternehmer absolut richtig. Auch junge Landwirtinnen und Landwirte, die vor der Hofübernahme stehen, sind verunsichert, weil sie bezüglich Perspektiven des Betriebes verunsichert sind.

Das Image der Bauernfamilien ist besser als jenes von bäuerlichen Verbänden. Wie erklären sie diese Diskrepanz?
Bäuerliche Verbände agieren oft vor allem auf der politischen Bühne. Sie verteidigen dort wie andere Interessenvertreterorganisationen ihre Pfründe und werden daher oft als nicht besonders dynamisch wahrgenommen. Andererseits haben viele von uns direkten Kontakt zu Bauernfamilien und stellen in der direkten Begegnung fest, dass Bäuerinnen und Bauern offene, dynamische, umweltbewusste und leistungsstarke Persönlichkeiten sind, denen man vertrauen kann. In diesem Sinne sind Bauern die glaubwürdigeren Botschafter.

Eine andere Diskrepanz ist diese, dass die Stimmbevölkerung per Stimmzettel eine naturnahe oder Bio-Landwirtschaft fordern kann, aber im Laden nur 12% Bio-Produkte kauft, beim Fleisch gar nur 5%.
Es ist eine Tatsache, dass in der Schweiz recht viele Familien leben, die mit einem knappen Haushaltbudget auskommen müssen. Dass diese beim Einkaufen primär nach dem Preis entscheiden, kann ich gut nachvollziehen. Beim Ausfüllen der Stimmzettel lassen sie sich dann halt doch von den cleveren, leicht verständlichen Schlagworten der Initianten leiten. Es gibt jedoch offensichtlich auch einen grossen Anteil von Stimmberechtigten, der eine naturnahe und tierfreundliche Landwirtschaft fordert und dann trotzdem mehrheitlich billige ausländische Lebensmittel einkauft. Für dieses inkonsequente Verhalten habe ich kein Verständnis. Erfahrungen aus dem Ausland, z.B. aus Österreich, zeigen, dass wohl nicht mehr als ein Viertel der Konsumentinnen und Konsumenten bereit ist, konsequent Bioprodukte zu kaufen und auf billigere Importprodukte zu verzichten. Österreich hat mit 27 % Biobetrieben eine Bio-Überproduktion und drängt auf den Schweizer Markt. Ein Bioland Schweiz bleibt daher wohl eine Illusion.

«Österreichs Bio drängt auf den Schweizer Markt»

[IMG 4]3. Ernst Flückiger: Den chemischen Pflanzenschutz grundsätzlich zu verteufeln ist fehl am Platz.

Als erfahrener Berater und aktiver Coach haben Sie bestimmt «guten Rat» für Bauern und Bevölkerung.
Es ist verständlich, dass jede und jeder aktuelle Herausforderungen und Probleme primär aus seiner persönlichen «Welt» heraus beurteilt. Damit wir eine gesamtheitliche Sichtweise und Bearbeitung der anstehenden komplexen Fragen erreichen können ist es dringend nötig, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen wieder aufeinander zugehen und den Dialog miteinander suchen. Nur so kann ein gegenseitiges Verständnis entstehen. Gerade im Hinblick auf die zukunftsträchtige Abstimmung vom 13. Juni über die Trinkwasser- und Pestizidverbots-Initiative ist es zwingend notwendig, dass Bauernfamilien und Konsumentinnen und Konsumenten miteinander das Gespräch suchen und die Auswirkungen für die Schweizer Landwirtschaft und auf die Einkaufsmöglichkeiten der Konsumenten miteinander diskutieren.

Der Abstimmungskampf zeigt, dass gerade der geforderte Dialog auf der Strecke bleibt und der Druck auf die Bauern wächst.
Bäuerinnen und Bauern empfehle ich, vermehrt auch auf die persönliche Widerstandskraft gegen Druck von aussen und Stress zu achten und die sogenannte Resilienz zu stärken. Ein Landwirtschaftsbetrieb muss sich heute wie jeder andere KMU-Betrieb den Herausforderungen des Marktes stellen. Dass sich Bauernfamilien vermehrt diesem Druck aussetzen und damit zurechtkommen müssen, ist deshalb unumgänglich. Immer mehr Bäuerinnen und Bauern wünschen sich externe Unterstützung, damit sie mit den vielfältigen Herausforderungen zurechtkommen. In der übrigen Wirtschaft hat sich Coaching als wertvolles Instrument für Führungspersonen von kleineren und auch grossen Unternehmen bewährt und etabliert. Ich empfehle Bäuerinnen und Bauern deshalb, im Rahmen eines Coachings Fragen wie erfolgreicher Umgang mit der permanenten Belastung, Sinnfragen, persönliches Zeitmanagement und Energiebalance oder auch Herausforderungen in der Beziehung offen anzusprechen und zu bearbeiten. Probleme gehören zum Mensch sein. Sie vor sich herzuschieben ist keine Lösung. Sie zu bearbeiten und neue Wege zu gehen bringt Klärung, Entlastung und immer auch neue Chancen. Sich für ein Coaching zu melden braucht etwas Mut. Ich bin sicher, Sie gehören zu den Mutigen und suchen sich bei Bedarf einen erfahrenen Coach.

Ernst Flückiger, Ingenieur Agronom ETH war jahrelang als Lehrer, Berater, Coach und Führungskraft tätig, heute übernimmt er Coachings im Mandatsverhältnis. In diesen Funktionen hat er Bauernfamilien bei der Weiterentwicklung ihrer Betriebe und der Bearbeitung persönlicher und zwischenmenschlicher Herausforderungen begleitet. Dank der Mitarbeit in verschiedenen Projekten, Coaching von Personen aus der übrigen Wirtschaft und persönlicher Kontakte ist er auch gut vertraut mit den Anliegen und Herausforderungen der Konsumentinnen und Konsumenten.

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