Nur auf den zweiten Blick ist hier noch zu erkennen, dass es sich um Zuckerrüben handelt. Zwar kann sich die Pflanze erholen, Ertrag und Zuckermenge leiden aber. (Bild Andrea Wyss)PflanzenbauWas Sie nach den Unwetterschäden im Acker-, Gemüse- und Obstbau oder bei Zuckerrüben tun könnenFreitag, 2. Juli 2021 «Klimaerwärmung» könnte man in diesem Sommer eher als Fehlbegriff anprangern, war es doch laut Meteoschweiz nördlich der Alpen der fünftnasseste Sommer seit Messbeginn. Gebietsweise waren die Monate Juni und Juli seit der Aufzeichnung noch nie so verregnet wie in diesem Jahr. Viele Landwirte haben dies zu spüren bekommen – Felder standen unter Wasser, die jungen Kulturen drohten zu verfaulen. So mancher musste sich in Geduld üben, bis seine Parzellen für die Feldhygiene, den Pflanzenschutz oder die Aussaat wieder befahrbar waren. Hagel vernichtete zeitgleich von einem Moment zum anderen Gemüsekulturen, junge Zuckerrüben oder Maispflanzen, was vielerorts eine erneute Aussaat erforderlich machte. Gewitterstürme knickten in einigen Regionen das Getreide um und erschwerten damit die Drusch. Zusätzlich verzögerten niedrige Temperaturen die Entwicklung der Pflanzen. Tiefe Erntemengen und Qualitätseinbussensind in diesem Jahr keine Seltenheit.

Jeatstream steuert unser Wetter

Und doch ist für die nassen Sommermonate die globale Erwärmung verantwortlich. Wie kann das sein? Wie bekannt ist, trägt der Anstieg diverser Treibhausgase wie Methan, aber vor allem Kohlenstoffdioxid zur Erwärmung des Klimas bei. Dies hat dramatische Auswirkungen auf unsere Umwelt. So etwa Schmelzen die Gletscher zwei- bis dreimal schneller als im 20. Jahrhundert, berichtet der Welt-Gletscher-Überwachungsdienst WGMS. Aber auch die Eiskappen in der Arktis schmelzen in den letzten Jahrzehnten immer stärker in den Sommermonaten. Das hat Auswirkungen auf den Jetstream, der u. a. das europäische Wetter steuert.

Extremwetter verharrt länger über einer Region

Der Jetstream ist ein Starkwind, der rund um den Globus von Westen nach Osten weht – Flugzeuge nutzen diesenals Antrieb, da er mit bis zu 535 km/h über dem Nord-atlantik bläst. Kalte und warme Luftmassen halten ihn für gewöhnlich in seiner Bahn. Durch das Schmelzen der Polkappen aber wird der Temperaturunterschied zwischen der Arktis und dem Äquator stark verringert, was den Starkwind nicht mehr in seiner Bahn hält. Er beginnt in Riesenwellen über die Nordhalbkugel zu schlängeln und wird schwächer. D. h., die Tiefdruckgebiete aus dem Norden und die Hochdruckgebiete aus dem Süden bewegen sich dann langsamer entlang des Jetstreams als es normalerweise der Fall ist. So verharren Extremwettersituationen wie z. B. Hitze und Dürre, wie sie letztens im Jahr 2019 vorkamen, länger über einer Region. Zudem sammelt sich in Folge der Schmelze vermehrt Wasserdampf in der Atmosphäre, was zu extremen Niederschlagsmengen führt, wie wir sie in diesem Jahr erlebt haben. Diese verweilen dann ebenfalls länger über einer Region.

Der erfolgte Erwärmung ist nicht mehr rückgängig zu machen

Die vergangenen Jahre haben uns vor Augen geführt, dass Extremwetterereignisse zunehmen und nicht wie früher nur alle paar Jahre auftreten. Selbst wenn wir einen Netto-Null-Ausstoss von CO2 erreichen würden – im Rahmen des Klimaabkommens von Paris hat sich auch die Schweiz dazu verpflichtet, den Temperaturanstieg durch Massnahmen zu begrenzen –, Kohlenstoffdioxid bleibt natürlicherweise während Tausenden von Jahren in der Atmosphäre erhalten. Dies teilte kürzlich die ETH-Klimaforscherin Sonia Seneviratne in einem Interview dem SRF mit. Die bereits erfolgte Erwärmung bleibt demnach erhalten. Es hilft also nicht, länger die Augen zu verschliessen. Wir müssen uns wohl oder übel darauf einstellen, dass Starkniederschläge, Gewitterstürme, Hagel, Dürren und Hitzewellen die Norm in unserem Alltag werden.

Kurzfristige Anpassungsmassnahmen werden langfristig nicht mehr ausreichen

Was bedeutet das für die landwirtschaftliche Produktion? Auf die Landwirte kommen immer mehr Herausforderungen zu. Einfache, kurzfristige Anpassungsmassnahmen werden langfristig nicht mehr ausreichen. Es braucht ein Vorausschauen und Anpassungen wie z. B. in der Kultur- oder Sortenwahl. Bewässerungssysteme können erforderlich werden. Die steigenden Temperaturen haben auch starke Auswirkungen auf die Futtermittelproduktion. Das Gleichgewicht zwischen den Grünflächen und der Zahl der Tiere müsste überdacht werden. Die Agridea forscht aktuell an Optimierungsmöglichkeiten in der Rindviehhaltung und auch andere Forschungseinrichtungen und Fachstellen setzen sich mit Fragen bzgl. des Klimawandels und der Landwirtschaft auseinander. Landwirte werden also nicht auf sich allein gestellt sein, um den Herausforderungen des Klimawandels entgegenzutreten.