Ich erinnere mich, wie ich als Kind stundenlang und leidenschaftlich Schneegeschaufelt habe. Ich liebte es, wenn es mir das Schneegestöber gerade ins Gesicht gefegt hat und ich begann, absichtlich dort Schnee zu schaufeln, wo später der Pflug vorbeifahren wird, damit ich mehr zu schaufeln habe.

Nun ja, meine Einstellung zum Schnee hat sich seit letztem Sommer, meinem ersten Alpsommer, drastisch geändert. Nicht nur, weil wir mit dem Vieh fluchtartig vor ihm ins Tal fliehen mussten, sondern weil er so unglaublich viel Mehrarbeit mit sich bringt.

Alles muss unters Dach

Gefühlte 354 Kilometer Zaun müssen jeden Frühling aufgestellt und jeden Herbst abgelegt werden. Alle Fenster werden mit Brettern zugeschraubt, unser Scheisshäuschen muss abgebaut und alle erdenklichen Maschinen und Geräte unter Dach gebracht werden. Selbst das «Hüttenchämi» darf nicht an der Hütte bleiben. Und über ein Kilometer Wasserschlauch muss auseinandergenommen und auf die höchstgelegenen Punkte verfrachtet werden, damit der Schlauch im Frühling früh genug schneefrei ist und wieder angeschlossen werden kann. Macht man dies nicht, bickelt und schaufelt man sich ins Jenseits. Wird diese Arbeit erst erledigt, wenn aller Schnee der Hitze erlegen ist, hat man zu wenig Wasser, wenn man auffährt.

Entschuldigung Frau Holle

Heute waren wir also wieder einen ganzen Nachmittag damit beschäftigt, diese Wasserschläuche zusammenzuführen, wobei natürlich immer irgendwo zwei ärgerliche Meter Schlauch fehlten …

Dass der Schnee mir dieses Jahr noch zwei ersehnte Wochen Alpsommer geklaut hat, steigert die Liebe auch nicht gerade. Entschuldigung Frau Holle, dass ich deinen Schnee nun mit anderen Augen sehe und ihn nicht mehr so bedingungslos lieben kann wie noch vor 20 Jahren.

 

Zur Autorin

 

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Petra Fässler ist auf einem Bauernhof im Kanton Schwyz aufgewachsen. Mit 22 Jahren ist sie in die Stadt Zürich gezogen und hat nach der KV-Ausbildung zehn Jahre im Büro gearbeitet. Letztes Jahr hat sie erfolgreich ihren ersten Alpsommer verbracht. Nun geht sie mit 29 das zweite Mal auf die Alp Geitenberg im Muotathal mit zirka 30 Rindern und 20 Kühen.