Innerhalb eines Morgens ging die «Züglete» über die Bühne: Eine Equipe von Lely rückte an, schraubte, fräste, schob und zog. Sie bauten den alten Melkroboter aus und setzten das neue Modell A5 ein. Am Mittag besuchte bereits die erste Kuh den neuen Roboter und liess sich ohne grosses Federlesen melken.

Für die Kühe war es keine grosse Umstellung: Der neue Melkroboter steht an gleicher Stelle wie sein Vorgänger. Die wichtigste Änderung ist zugleich eine Erleichterung für die Tiere: Sie können dank dem sogenannten I-Flow-Konzept gerade ein- und ausgehen, statt wie beim vorherigen Modell A3 seitlich an den Roboter heranzutreten. Der Tierverkehr sei damit noch flüssiger geworden, beobachtet Ueli Oppliger. Der Landwirt führt den Betrieb im bernischen Toffen zusammen mit seinem Bruder Martin. 

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Nach 680'000 Melkungen ersetzt

Oppligers liessen 2006 den ersten A3-Melkroboter der Schweiz einbauen. «Wir melkten damals in einem über 30 Jahre alten Melkstand und hatten Schwierigkeiten mit der Milchhygiene. Als es um eine Erneuerung der Melkanlage ging, pochten mein Bruder und ich auf einen Roboter», erinnert sich Ueli Oppliger.

Die Burgergemeinde Bern, von der Oppligers den Betrieb pachten, erklärte sich schliesslich einverstanden. Seither melkte der Roboter tagein, tagaus: 680'000 Melkungen ergaben rund 10 Millionen Liter Milch. Die Hygiene verbesserte sich und Oppligers gewannen an Flexibilität.

Betriebsspiegel Talheim-Gut
Martin und Ueli Oppliger, Toffen BE
LN: 52 ha
Kulturen: Mais, Kunst- und Ökowiese, Weide, Sonnenblumen, Eiweisserbsen, Brotgetreide
Tierbestand: 50 Milchkühe, 50 Kälber und Aufzuchttiere
Weitere Betriebszweige: Pferdepension
Arbeitskräfte: Gebrüder Oppliger, Aushilfskräfte

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«Wechseln, bevor die Reparaturkosten ansteigen»

Nun wurde der A3 nach 16 Jahren im Einsatz ausgebaut und durch ein neues Modell ersetzt. «Wir wollten wechseln, bevor die Reparaturkosten ansteigen», sagt Oppliger. Ausserdem spielte die Zukunftsplanung eine wichtige Rolle: Wären sie noch jünger – Ueli ist 58, Martin 52 Jahre alt – hätten sie noch länger mit dem alten Modell gemolken, erklärt Ueli Oppliger.

Wenn sie beide einmal den Betrieb verlassen, gebe es die Abmachung, dass der neue Pächter weitermelke, damit die Investition in den neuen Roboter amortisiert werden könne, so Oppliger.

Apropos Investition: Der neue Roboter kostete Oppligers 160'000 Franken. «Den PC, die nötigen Programme sowie den Kompressor konnten wir behalten. Das senkte den Preis», erklärt Oppliger. Ausserdem erhielten Oppligers von Lely 20'000 Franken für den alten A3-Melkroboter. Weshalb denn das?

Viele neue Technik im alten Roboter verbaut

Occasion-Melkroboter sind gesucht, stellt Ueli Oppliger fest. Marcel Schwager, Verkaufsleiter bei Lely bestätigt das: «Bis vor kurzem verkauften wir vor allem neue Roboter. Doch nun kommen neue Kunden hinzu, eher kleinere Betriebe mit weniger Kühen. Für sie wäre ein neues Roboter-Modell für über 200'000 Franken zu teuer. Aber die revidierten alten Roboter sind für sie eine Option.»

Einen revidierten Roboter (Modell A3) erhalten Landwirt(innen) in der Standardausführung für rund 90'000 Franken. Viele fragten sich anfangs, wieso sie einen 15 Jahre alten Roboter für so viel Geld kaufen sollten, so Schwager: «Aber wenn man erklärt, dass viel neue Technik eingebaut wird, überzeugt das. Ein durch unsere Spezialisten revidierter Astronaut ist nicht mehr alt, sondern praktisch wie neu.»

Aufs Gestell herunter ausgeräumt

DossierLandtechnikAgrama 2022Freitag, 18. November 2022 Tatsächlich gelangen die ausgebauten Roboter wie derjenige von Oppligers zuerst einmal in das Lely-Center im solothurnischen Härkingen. Dort kümmern sich Werkstattleiter Christoph Brunner und sein Team um die Maschinen: «Zuerst waschen wir den Dreck herunter und desinfizieren die Maschine. Anschliessend räumen wir den Roboter bis auf das Gestell herunter aus und füllen nach und nach mit alten und vor allem neuen Teilen wieder auf», erklärt Brunner.

Ausgewechselt werden sicherlich alle milchführenden Teile sowie die Elektronik. Denn bei den ganzen Stromkabeln beobachten die Techniker häufig Nagerschäden. Beim Roboterarm werden die Zylinder und Ventile, der Pulsator und der Laser ersetzt. «Beim Einbau achten wir darauf, wenn möglich die neuste Technik einzusetzen. Das hat aber gewisse Grenzen: So wird beim A3 nach wie vor ein pneumatischer Arm installiert und nicht mit elektrischem Antrieb ergänzt, wie das beim Hybridarm des A5 der Fall ist», so Brunner.

Am Ende werden die Hälfte bis rund drei Viertel des revidierten Roboters neu sein. Lely spricht daher auch nicht von Occasionen. Die «neuen alten» Roboter werden zertifiziert und erhalten eine Garantie von einem Jahr. Sie werden voraussichtlich noch viele Jahre im Einsatz stehen, denn ein Melkroboter erreiche 1'000'000 Melkungen, sagt Schwager.

Custers revidierter Roboter

Bei Ramon Custer im thurgauischen Andhausen steht seit diesem Sommer ein solcher revidierter Melkroboter, Modell A3, im Stall. Für die Umbauarbeiten wurde im Laufhof ein Provisorium mit dem Melkroboter erstellt. Dann begann Custer mithilfe von Familie und Freunden den Melkstand zu demontieren, die Grube zu füllen und Wände herauszureissen, um Platz für den Roboter zu schaffen. Im Oktober «zügelte» der Roboter an seinen definitiven Standort.

«Die Kühe haben sich innert drei Wochen an das Melken gewöhnt und gehen jetzt ganz selbstverständlich selber zum Roboter. Eine Kuh führen wir noch hin, aber die braucht einen kleinen Schubs und dann klappt es auch bestens», sagt Ramon Custer. Er sei sehr zufrieden und würde nicht mehr in die Zeit vor dem Roboter zurück wollen, sagt der Landwirt.

Betriebsspiegel Familie Custer
Ramon und Tatjana Custer, Andhausen TG
LN: 20,3 ha
Kulturen: Weizen, Mais, Wildblumen-Saatgut, Aronia
Tierbestand: 40 Kuhplätze, aktuell zu rund 60 % ausgelastet
Weitere Betriebszweige: Photovoltaik, 60 % auswärtiges Arbeitspensum von Ramon
Arbeitskräfte: Tatjana und Ramon Custer, Eltern Patricia und Robert Custer.

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Gewonnene Flexibilität ist wichtig

«Ein Roboter ist nicht unbedingt kostengünstig bei unserer Herdengrösse», meint Custer, der im Stall Platz für 40 Kühe hat. Während der Bauarbeiten war die Herde reduziert auf 26 Tiere, nun soll langsam wieder aufgebaut werden. Für ihn seien nicht die Kosten, sondern insbesondere die gewonnene Flexibilität wichtig: «Ich arbeite 60 % auswärts und bin froh, wenn ich nach Feierabend entspannt nach Hause fahren kann, ohne Angst zu haben, beim Melken zu spät zu sein.»

Trotzdem spielten natürlich die Kosten beim Roboterkauf eine Rolle. Ein neuer Roboter wäre nicht in Frage gekommen. Sie bräuchten das auch gar nicht, meint Custer: «Die neuen Modelle überzeugen mich, weil sie schneller geworden sind. Aber da wir den Roboter sowieso nicht auslasten, spielt das Tempo für uns keine Rolle.»

Miete von Fr. 49.50 am Tag

Custer hat sich am Ende für einen Mietkauf eines revidierten A3 entschieden. Er zahlt pro Tag Fr. 49.50, inbegriffen sind darin der Basispreis sowie ein zusätzlich verrechnetes Zellzahl-Messgerät und die Dampfreinigung. Nach fünf Jahren wird der Roboter Custers gehören. Sollten sie vorher mit der Milchproduktion aufhören oder aus anderen Gründen den Roboter nicht mehr brauchen, nimmt Lely den A3 zurück.

«Ich miete, um meine Liquidität zu schonen. So habe ich die Kosten verteilt. Ich kenne die Kosten und kann planen», sagt Custer. Natürlich werden Servicekosten hinzukommen. Doch da der Roboter, abgesehen vom Chromstahl-Chassis, nicht wirklich Occasion ist, sollten technische Probleme nicht viel häufiger vorkommen als bei einem neueren Modell.

Das zweite Leben des A3 ist für alle ein Gewinn: Ramon Custer hat sich einen Roboter geleistet, was er andernfalls nicht getan hätte. Für Lely bedeutet die Revidierung zwar einen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand – alleine der Ersatzteil-Grundstock koste 25'000 Euro, sagt Werkstattleiter Christoph Brunner. Aber Lely gewinnt dadurch neue Kunden und kann einen neuen Markt erschliessen.

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Das bieten andere Melkroboter-Hersteller an
Urs Schmid, DeLaval: «Wir bieten solche Occasion-Roboter ebenfalls an. VMS-Classic-Roboter werden auf Betrieben mit 20 bis 45 Kühen eingesetzt. Unsere Box im ‹Classic› ist komplett aus Chromstahl und ist wertbeständig. Da macht es Sinn, sie aufzubereiten. Solche Roboter werden sauber revidiert und aufdatiert und können mit moderner Software wieder laufen. Wir verkaufen zirka 15 bis 20 Occassion-Roboter pro Jahr. Wir sehen Potential bei kleineren Betrieben mit weniger Kühen, die gerne ein automatisches Melksystem hätten.»

Thomas Schmid, GEA: «Wir verkaufen auch revidierte Roboter. Dabei ist zu beachten, dass wir in der Schweiz noch keine Dairyrobot R9500 ausgebaut haben. Die Second-Hand-Maschinen mussten immer importiert werden. Wir verkaufen pro Jahr zwischen sechs und zwölf Occasion-Roboter. Aktuell ist die Nachfrage höher als das Angebot. Auf der einen Seite ist es ein Markt, den wir nicht vollumfänglich abdecken können. Auf der anderen Seite sind wir froh, dass die Kunden mit unseren Melkrobotern zufrieden sind und nicht austauschen wollen.»

Pius Muff, Lemmer Fullwood: «Wir verkaufen auch ältere Modelle in der Schweiz, die zuvor revidiert werden. Wir verzichten aber darauf, ganz alte Modelle zu verkaufen. Die Nachfrage nach gebrauchten Melkrobotern ist gross. Gebrauchte, aktuelle Modelle gibt es leider nicht auf dem Markt. Ältere Modelle können wir im benachbarten Ausland organisieren.»

Michael Stöckle, System Happel: «Wir haben keine Occasion-Roboter im Angebot, sondern vermitteln wenn, dann direkt zwischen den Landwirten. Die Nachfrage wäre vorhanden, aber es ist zu teuer und zudem kann es zu Gewährleistungsansprüchen gegenüber uns kommen. Ausserdem sind die verkauften Modelle zum grossen Teil noch im Einsatz.»