2026 ist das UNO-Jahr der Landwirtin – höchste Zeit, findet Sandra Contzen. Die Agrarsoziologin an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) erforscht seit über 20 Jahren, warum Frauen in der Schweizer Landwirtschaft zwischen alle Stühle fallen: zu wenig Bäuerin für den SBLV, zu wenig repräsentiert beim Bauernverband. Im Interview erklärt sie, was sich ändern muss – und warum gerade jetzt etwas in Bewegung kommt.

In der Schweiz sind nur gut 7,7 Prozent der Betriebe von Frauen geleitet, obwohl Frauen fast 37 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte ausmachen. Wie erklären Sie diesen extrem niedrigen Anteil?

Sandra Contzen: Man muss hier bei der grundsätzlichen Rolle der Frauen in der Schweiz anfangen. Bis 1987 stand im Eherecht, dass verheiratete Frauen für Haushalt und Familie zuständig sind. Der Wohnsitz richtete sich nach dem Mann, die Frau verlor ihren Heimatort und musste den Mann fragen, wenn sie auswärts arbeiten wollte. Das ist zwar bald 40 Jahre her, aber eben doch erst 40 Jahre. Die Landwirtschaft ist in vielen Aspekten traditioneller – das ist einerseits positiv, weil sie Folklore und Traditionen aufrechterhält. Aber es bedeutet auch, dass Veränderungen langsamer greifen.

Das widerspiegelt sich auch in der Bildungslandschaft. Wir haben eine klare Zweiteilung: Männer machen das EFZ, Frauen die Bäuerin-Ausbildung. Beim EFZ sind jetzt endlich 25 Prozent der Lernenden und 23 Prozent der Abschliessenden Frauen – das ist ein Fortschritt. Aber bei der Bäuerin-Ausbildung haben wir 99 Prozent Frauen und ein Prozent Männer. Diese Zweiteilung ist Teil des Problems.

Dazu kommt: Viele Väter und Mütter haben immer noch das Gefühl, der Sohn übernehme, nicht die Tochter. Die haben das Bild einer Frau an der Spitze gar nicht im Kopf. Der Vater selbst hat ja auch nichts anderes mitbekommen als den Meister, den Bauer, den Betriebsleiter – alles männlich konnotiert. Das sind kulturelle, traditionelle Mechanismen, die unbewusst wirken. Es ist nicht böser Wille, aber diese Muster reproduzieren sich.

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Sie sprechen die Bildung an. Welche Rolle spielen die Verbände dabei?

Die Trennung der Verbände verstärkt das Problem. Der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband SBLV ist für die Bildung Bäuerin – bäuerlicher Haushaltleiter zuständig, der Schweizer Bauernverband SBV mit Agri-Prof für das EFZ. Der SBLV repräsentiert hälftig Landfrauen und Bäuerinnen – aber nicht Betriebsleiterinnen. Mit einem Tag der Hauswirtschaft oder einem Fokus in der Bildung auf Produkteverarbeitung und Direktvermarktung identifizieren sie sich mit klassisch-traditionellen Frauenarbeiten. Das ist nicht per se schlecht, aber Betriebsleiterinnen, die das EFZ gemacht oder Agronomie studiert haben, fühlen sich dort nicht daheim.

Und beim Schweizer Bauernverband?

Auch dort fühlen sich viele Betriebsleiterinnen nicht wirklich repräsentiert. Es gibt eine Lücke. Das hat eine Studentin in ihrer Diplomarbeit untersucht: Die Frauen fallen zwischen alle Stühle.

Was braucht es konkret, damit sich etwas ändert?

Das Coole ist: Es passiert gerade etwas! Einerseits haben wir das Projekt mit Vision Landwirtschaft, wo wir Landwirtinnen stärken, vernetzen und sichtbar machen. Wir haben drei «Living Labs» – in der Ost-, Zentral- und Westschweiz. Überall kam der Ruf: Wir brauchen ein Netzwerk!

Parallel dazu hat sich Sabrina Schlegel bei mir gemeldet. Sie hatte beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) nachgefragt, warum Betriebsleiterinnen nicht in Vernehmlassungen einbezogen werden. Die Antwort war: «Ihr seid halt nicht organisiert. Wir haben den SBLV dabei, der vertritt die Frauen.» Da hat Sabrina gesagt: «Ok, dann müssen wir uns organisieren.»

Jetzt gibt es die Initiative, eine Fachkommission beim SBV zu bilden – oder, falls das nicht möglich ist, eine eigene Organisation zu gründen. Das macht Sinn: Alle zahlen Mitgliederbeiträge beim SBV. Wenn es eine vom SBV finanzierte Fachkommission gibt, müssen die Betriebsleiterinnen nicht noch eine separate Organisation mit eigenen Beiträgen aufbauen.

Vor 20 Jahren haben Sie in Ihrer Lizentiatsarbeit schon geschrieben, es brauche ein Netzwerk für Betriebsleiterinnen. Warum hat das so lange gedauert?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es braucht den Antrieb von den Frauen selbst. Und genau das passiert jetzt. Sabrina Schlegel, Ana Burger, Sabine Bourgeois Bach und andere haben begonnen, zu pushen. Es ist wichtig, dass sich die Betriebsleiterinnen als individuelle Gruppe formieren, ihre eigene Identität und Stärke gewinnen. Erst dann können sie ihre Anliegen vertreten. Zu einem späteren Zeitpunkt macht eine einzige Organisation für die Frauen in der Landwirtschaft, also zusammen mit den Bäuerinnen, vielleicht Sinn.[IMG 3]

Der SBV hat angekündigt, 2026 als UNO-Jahr der Landwirtin zu nutzen. Reicht das?

Es ist schon beschämend für einen so grossen Verband mit so viel finanziellen und politischen Mitteln, dass er so viele Jahre braucht, um zu merken: «Wie müssen etwas für Betriebsleiterinnen machen.» Aber immerhin – es ist cool, dass es jetzt passiert.

Wie wichtig ist die Sichtbarkeit nach aussen?

Extrem wichtig! Das Bild, das die Landwirtschaft nach aussen abgibt, ist noch sehr traditionell: Der Mann als Chef, die Frau als Bäuerin, die Zöpfe backt und bei den Hühnern ist. Wie oft musste ich schon erklären, dass Bäuerin und Landwirtin nicht dasselbe ist – sogar Journalisten wussten das nicht. Das sind zwei verschiedene Berufe, zwei verschiedene Ausbildungen.

Der SBV macht jetzt nicht unbedingt Werbung mit Frauen als Produzentinnen oder Tierverantwortlichen. Wenn Frauen sichtbar sind, dann oft über den SBLV und häufig in klassisch weiblichen Aktivitäten. Der SBLV hat in den letzten Jahren diesbezüglich viel verändert, es werden mehr Facetten der Frau in der Landwirtschaft gezeigt. Aber die Trennung bleibt: Frauen werden als mithelfende Personen gesehen, nicht als gleichwertige, verantwortliche Produzentinnen.

Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz mit gut 7 Prozent im unteren Bereich. Andere Länder erreichen bis zu 45 Prozent. Was machen die anders?

Man sieht, dass ehemalige Sowjet-Länder oder die Ex-DDR-Bundesländer Deutschlands viel mehr Betriebsleiterinnen haben. Das liegt an der anderen Landwirtschaftsstruktur: Dort gab es nicht die Tradition des Familienbetriebs, sondern grössere, staatliche Strukturen. Die Frage der innerfamiliären Hofnachfolge stellte sich nicht. Solange die Schweiz so stark am Konzept des Familienbetriebs festhält, der von einer Generation zur nächsten in derselben Familie übergeben wird, ist es schwierig.

In Norwegen wurde in den 1970er-Jahren bewusst das Gesetz geändert: Statt dem erstgeborenen Sohn konnte ab dann das erstgeborene Kind übernehmen. Das führte zu einem Anstieg bei Betriebsleiterinnen. Heute ist es dort auch offen: Das Kind, das Lust und Kapazitäten hat, übernimmt.

Was können wir von anderen europäischen Ländern lernen?

In Frankreich gibt es viel mehr Frauen, die sich als «Agricultrices» bezeichnen, und verschiedene Positionen auf den Betrieben sind klarer geregelt. Dort darf eine Ehefrau maximal fünf Jahre als «aide familiale», also eine unbezahlte Familienarbeitskraft auf dem Betrieb arbeiten – dann muss sie entweder ganz etwas anderes tun oder einen anderen, offiziellen Status übernehmen. So ein Modell könnte auch für die Schweiz spannend sein. Die Mitbewirtschaftung würde klar geregelt. Und auch Co-Betriebsleiterinnen und Quereinsteigerinnen würden sichtbarer.

Das würde helfen, Frauen zu positionieren, die im produktiven Teil der Landwirtschaft eine relevante Rolle übernehmen – nicht im Haushalt, sondern in der Produktion selbst.

Sie erwähnen den Familienbetrieb als Hemmschuh. Was müsste sich ändern?

Das Bodenrecht ist entscheidend. In allen Diskussionen sind sich die Leute einig: Das Bodenrecht ist relevant, damit Land nicht von grossen Firmen aufgekauft wird, keine Spekulation stattfindet. Aber wenn man weiterhin die Anforderung der Selbstbewirtschaftung hat, dann kann auch eine familienfremde Person, welche die Qualifikation mitbringt, einen Betrieb als Selbstbewirtschafterin übernehmen.

Es gibt viel Angst davor. Aber vielleicht wären junge Leute von extern, die einen Betrieb übernehmen, sehr motiviert und innovativ – mehr als der eigene Sohn, der nur halbherzig Interesse hat. Auch die Tatsache, dass man mit einem eidgenössischem Berufsattest – also weniger als das EFZ – Direktzahlungen bekommen kann, trägt gemäss vielen Diskussionen, die ich geführt habe, nicht zu einer produktiven Landwirtschaft bei. Wenn wir einen hohen Selbstversorgungsgrad wollen, brauchen wir Leute, die kompetent sind.

Wie sieht es mit der Situation bei Mutterschaft aus?

Das ist für Co-Betriebsleiterinnen und Betriebsleiterinnen objektiv der grösste Unterschied zu Bäuerinnen. Während der Schwangerschaft, bei Komplikationen, im Mutterschaftsurlaub: Wer ersetzt mich? Wer übernimmt was? Welche Lösungen gibt es? Das ist eine riesige Herausforderung.

Gibt es Hinweise darauf, dass weibliche Betriebsleiterinnen andere Prioritäten setzen – etwa beim Tierwohl?

Ich kenne keine Schweizer Studie dazu, aber aus Frankreich gibt es Forschung, die zeigt: Frauen-geleitete Betriebe sind häufiger ökologisch geführt, stellen eher auf Bio um. Frauen sind in der Schweiz die treibenden Kräfte bei Bio-Umstellungen – auch als Ehefrauen von Betriebsleitern. Auch bei regenerativer Landwirtschaft und Agrarökologie sind Frauen viel stärker engagiert.

Ich glaube, das hat auch mit langfristigem Denken zu tun. Durch die Biologie –wir können das nicht wegdiskutieren – haben Frauen ein anderes Verhältnis zu langfristigen Perspektiven. Sie bringen ihre Kinder durch, das ist langfristig angelegt. Es gibt aber auch zwischen Frauen sehr grosse Unterschiede.

Viele Frauen übernehmen die Tiergesundheit im Stall, arbeiten mit Homöopathie. Männer übernehmen das natürlich auch, aber vielleicht sind Frauen im Schnitt sensibler. Sie merken schneller, wenn im Stall etwas nicht gut läuft, und sind erfolgreicher mit alternativer Tiermedizin.

Wäre das nicht ein Argument für mehr Sichtbarkeit? Frauen haben oft mehr Glaubwürdigkeit bei Konsumierenden.

Absolut! Viele Menschen haben das Gefühl, eine Frau hat mehr Empathie, guckt besser zu den Tieren. Das ist eine Chance für die ganze Branche. Aber die Landwirtschaft verkauft sich nach aussen noch sehr traditionell: der Bauer im Stall, die Bäuerin mit dem schönen Garten. Das muss sich ändern.

Welche ganz konkreten Hürden erleben Betriebsleiterinnen im Alltag?

Es beginnt bei ganz praktischen Dingen. Viele Frauen erzählen mir von Situationen, wo ein Futtermittelhändler oder Tierarzt auf den Hof kommt und fragt: «Wo ist der Chef?» – selbst wenn die Frau alleinige Betriebsleiterin ist! Das passiert ständig. Oder bei Maschinenverkäufern, die nur mit dem Mann reden wollen. Diese subtilen Mechanismen sind schwieriger zu fassen – aber sie wirken als Hürden für Betriebsleiterinnen.

Dann die technische Seite: Traktorsitze sind für Männer konzipiert, Arbeitskleidung passt oft nicht richtig, Werkzeuge sind zu schwer oder unhandlich. Frauen, die 1,60 Meter gross sind, haben andere Bedürfnisse als 1,85 Meter grosse Männer. Aber die Branche denkt da kaum mit.

In unseren Living Labs diskutieren wir auch über «La Ferme Feminine» – die Idee eines Betriebs, der für Frauen gut konzipiert ist. Wie gestalte ich einen Stall ergonomisch? Welche Hilfsmittel brauche ich? Das sind Fragen, die für viele Männer gar nicht auf dem Radar sind, aber für Frauen entscheidend sein können und für Männer eigentlich auch.

Sie erwähnen oft Co-Betriebsleiterinnen. Wie unterscheidet sich ihre Situation von alleinigen Betriebsleiterinnen?

Co-Betriebsleiterinnen haben oft das Problem, dass ihre Rolle nicht klar definiert ist. Manche sagen, sie seien Co-Betriebsleiterin, weil sie im Stall mithelfen, mitentscheiden können sie aber eigentlich nichts. Echte Co-Leitung bedeutet: Verantwortung übernehmen, Mitspracherecht haben, Entscheidungen mittragen. Das ist ein riesiger Unterschied.

Das Problem: Es gibt keinen klaren rechtlichen Rahmen dafür. Und somit wissen wir auch nicht, wie viele Co-Betriebsleiterinnen es gibt, die aktiv die Landwirtschaft mitgestalten und mittragen.

Auch bei Rechtsformen gibt es Fragen: Einzelunternehmen ist der Standard, aber ist das die beste Form für ein Paar, das gemeinsam einen Betrieb führt? Es gibt andere Optionen wie GmbH oder Einfache Gesellschaft, aber die sind wenig bekannt.

Wie sieht es bei der sozialen Absicherung aus?

Das ist ein Punkt, wo in letzter Zeit einiges passiert ist – aber noch nicht genug. Mit dem Krankentaggeld und der Risikovorsorge für Invalidität und Tod hat man etwas erreicht. Aber ehrlich gesagt: Das ist eine Absicherung für den Betrieb, wenn die Arbeitskraft Frau ausfällt. Es ist keine soziale Absicherung für die Frau selbst.

Besser wäre es, wenn die Frau einen Lohn bekommt, auf den AHV und Pensionskasse abgerechnet werden – solange sie da ist und mitarbeitet, nicht erst wenn sie ausfällt. Das wäre echte Wertschätzung und Absicherung.

Welche konkreten Massnahmen halten Sie für notwendig?

Erstens: Wir brauchen Zahlen. In der Schweizer Statistik fehlt es an Daten, wie viele Frauen als Mitbewirtschafterinnen aktiv sind, mit Verantwortung, Mitspracherecht und Mitgestaltungsrecht. Wir zählen jedes Tier siebentausendmal, aber wir wissen nicht, wie viele Mitbewirtschafterinnen wir haben. Das muss der Bund ändern.

Zweitens: In der Bildung muss sich etwas tun. Die Lehrmittel im EFZ müssen anders gestaltet werden, mit mehr Beispielen von Betriebsleiterinnen. Die Lehrpersonen müssen anders reden. Aber das braucht Zeit – eine Generation. Die Väter und Mütter, die jetzt entscheiden, wer den Betrieb übernimmt, wurden ja selbst noch im alten System sozialisiert.

Drittens: Das Netzwerk muss weiterwachsen. Die Living Labs, die wir mit Vision Landwirtschaft machen, zeigen: Frauen wollen sich austauschen, gegenseitig stärken, ihre Stimme einbringen. Das UNO-Jahr 2026 ist die Chance, das zu beschleunigen.

Viertens: Praktische Dinge. Themen wie ergonomische Stallkonzepte für Frauen, passende Arbeitskleidung, Rechtsformen für Co-Betriebsleitungen – das muss diskutiert werden. Wenn solche Fragen platziert werden, werden Betriebsleiterinnen auch als Produzentinnen und Fachfrauen wahrgenommen, mit ihren konkreten fachlichen Herausforderungen.

Zur Person
Sandra Contzen ist Agrarsoziologin und forscht seit über 20 Jahren zur Rolle von Frauen in der Landwirtschaft. An der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL leitet sie zusammen mit Vision Landwirtschaft ein Projekt zur Vernetzung, Stärkung und Sichtbarmachung von Landwirtinnen.

In Zahlen
• 7 Prozent der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe werden von Frauen geleitet
• 37 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte sind Frauen
• 25 Prozent der Anfänger im EFZ Landwirt/in sind inzwischen Frauen
• 99 Prozent der Bäuerinnen-Ausbildung absolvieren Frauen
• 1987 wurde in der Schweiz das Eherecht geändert – vorher mussten verheiratete Frauen den Mann fragen, um auswärts zu arbeiten
• 2026 ist das UNO-Jahr der Landwirtin – eine Chance für mehr Sichtbarkeit