«Er hört mir nicht zu.» «Sie redet zu viel.» «Er redet nie mit mir.» «Sie versteht mich nicht.» Solche und ähnliche Vorwürfe belasten viele Paarbeziehungen. Manchmal werden sie offen ausgesprochen oder sie wirken unterschwellig. Das kann in der Landwirtschaft besonders belastend sein, da viele Paare zusammen am selben Ort leben und arbeiten, Tag für Tag.
Ein Kurs speziell für Paare in der Landwirtschaft
«Ein wertschätzendes Zusammenleben ist bei so viel Nähe besonders wichtig», weiss Dietrich Bögli. Er ist Ressortleiter Beratung am Inforama in Zollikofen BE. In einer Beziehung seien Spannungen und Konflikte unumgänglich. Entscheidend sei aber, wie man damit umgehe. «Es geht nicht darum, den Schuldigen zu suchen, sondern den eigenen Anteil am Thema und die eigenen Möglichkeiten zu entdecken.»
Gemeinsam mit Coach Tina von Siebenthal bietet Dietrich Bögli daher am Inforama einen Kurs speziell für Paare in der Landwirtschaft an. Gearbeitet wird dabei mit einer einfachen, bewährten und auch wissenschaftlich untersuchten Coaching- und Selbstcoaching-Methode mit dem Namen «The Work». Sie basiert auf strukturierten Fragen.
Durch einfache Fragen eine neue Perspektive finden
Dietrich Bögli beschreibt «The Work» als «Methode, mit der ich stressige Gedanken mit einfachen Fragen anschauen und eine andere Perspektive finden kann. Im Idealfall kann ich die Gedanken gehen lassen. Zumindest finde ich aber einen anderen Zugang. Es wird leichter.»
Die entsprechenden Fragen stelle man sich mit dem Kopf, die Antworten sollten aber aus dem Herzen oder dem Bauch kommen. «Es ist ein meditativer Prozess», weiss der ETH-Agronom und Nebenerwerbslandwirt aus der persönlichen Erfahrung und der beruflichen Weiterbildung.[IMG 2]
Bei alltäglichen Konflikten im üblichen Rahmen denkt man meist, der Grund für die eigenen Probleme liegt vor allem im Aussen, also beim Partner oder bei der Partnerin: «Wenn er oder sie anders wäre oder sich anders verhalten würde, ginge es mir gut.» Doch das funktioniert so nicht. Es ist vielmehr das eigene Denken über das Gegenüber und die Situation, das einem das Leben erschwert. «Wenn die Gedanken ihre Macht verlieren, verliert auch der Stress seine Kraft», erklärt Dietrich Bögli.
Die eigene Position zu hinterfragen, ist wichtig
Was hingegen funktionieren kann, ist, die eigenen Denkmuster und Glaubenssätze zu betrachten und zu hinterfragen. Bei «The Work» geschieht dies auf der Basis von vier Fragen:
- Ist es wahr?
- Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
- Wie reagierst du, wenn du diesen Gedanken glaubst? Was passiert in dir?
- Wer wärst du ohne diesen Gedanken?
Dazu kommt die Aufforderung: Kehre den Gedanken um und finde drei konkrete Beispiele für jede Umkehrung.
Dietrich Bögli verdeutlicht den Prozess mit einer fiktiven, aber typischen Situation aus einem Coaching: Ein Landwirt ist überzeugt: «Meine Frau versteht mich nicht.» Der Coach stellt die erste Frage: Ist das wahr? «Ja, natürlich», antwortet der Landwirt sofort, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken.
Sich nicht in Geschichten verlieren
Dann die zweite Frage: «Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?»
Nun zögert der Landwirt doch etwas. Sieht er wirklich in den Kopf seiner Frau? Weiss er, was in ihr vorgeht? Dennoch sagt er, wenn auch verhaltener: «Ja». Am liebsten würde er gleich mit einigen Geschichten erläutern, warum er davon überzeugt ist. Doch der Coach bittet ihn, es zu lassen.
«Wie reagierst du, wenn du diesen Gedanken glaubst, was passiert in dir?», stellt Dietrich Bögli die dritte Frage. «Hier helfen manchmal Zusatzfragen», erklärt er. Etwa, welche Gefühle man habe, ob man etwas im Körper spüre, ob Bilder aus der Vergangenheit auftauchen würden. Er fühle sich nicht ernst genommen, antwortet der Landwirt nach einigem Nachdenken, und er spüre, wie sich sein Bauch zusammenziehe.
Auch auf den Körper hören
Schliesslich stellt der Coach die vierte Frage: «Wer wärst du ohne den Gedanken?» Der Landwirt ist etwas irritiert. «Das ist nicht immer einfach», weiss Dietrich Bögli. «Manchmal hilft zum Beispiel die Vorstellung, dass man der Person gegenübersteht und den Gedanken auf den Mond schiesst. Die Antwort muss nicht zwingend aus vielen Worten bestehen, es kann auch ein Gefühl sein.» Schliesslich antwortet der Landwirt: «Dann würde ich meiner Frau gegenüber weniger Groll empfinden und mich ihr näher fühlen.»
Ausgehend von den Antworten vier Umkehrungen finden
Als letzter Schritt sollen vier Umkehrungen gefunden werden, wie etwa:
- Meine Frau versteht mich.
- Ich verstehe meine Frau nicht.
- Ich verstehe mich nicht.
- Ich verstehe meine Frau
«Das hilft einem zu akzeptieren, dass man selbst einen Teil zum Konflikt beigetragen hat», so Dietrich Bögli. Zu jeder dieser Umkehrungen sollte man zudem konkrete Beispiele aus dem Alltag finden. Denn das unterstützte das Unterbewusstsein dabei, eine andere Sichtweise einzunehmen. Eines stellt der Berater und Coach aber klar: «Es ist ein ergebnisoffener Prozess, man kann kein Ziel erzwingen.»
Weniger mit der Wirklichkeit streiten
«So manches Problem kreieren wir selbst, weil wir mit der Wirklichkeit streiten, uns in die Angelegenheiten anderer einmischen und nicht akzeptieren, was ist», ergänzt Dietrich Bögli zur Methode. Doch wird man durch diese Akzeptanz nicht passiv? Dietrich Bögli verneint. «Im Gegenteil. Nehmen wir Themen wie Digiflux oder die Mineralölsteuer: Wir können nichts daran ändern. Doch wir können ändern, wie wir damit umgehen. Dadurch fühlen wir uns weniger ohnmächtig. Denn Gelassenheit beginnt nicht im Aussen, sie beginnt in uns selbst. Ist man bereit, anders zu denken, öffnen sich neue Blickwinkel.»
Beziehungspflege lernen
Kurs «Beziehung auf dem Bauernhof – wie wertschätzendes Zusammensein gelingen kann»: Dienstag, 10. März 2026 am Inforama Rütti in Zollikofen
Weitere Informationen: www.inforama.ch/kurse oder Mail an dietrich.boegli(at)be.ch