Im Auswanderer-Artikel vom Juli letzten Jahres hatte ich beschrieben, wie ich auf 25 Aren Dinkel für die Saatgutvermehrung von Hand säte und das im argentinischen Winter.
Es gab immer wieder mal ein paar Tropfen Regen, die papageienartigen Cotorras erkannten die anders aussehenden Ähren des Dinkels nicht als Futter und auch kein anderes Tier bekundete Interesse daran – also keine Schädlinge. Was mich am meisten erstaunte: Es gab kein «Mitkraut», trotz des Verzichts auf jegliche Art von Unkrautunterdrückung.
Temperaturen unter Null Grad sind nicht ungewöhnlich
Der Dinkel wuchs zwar nicht so hoch wie in der Schweiz, aber die Ähren waren gut ausgebildet. Selbst betreffend des Frosts kam ich ungeschoren davon.
Ich kannte das Problem beim Dinkel aus der Schweiz gar nicht. Hier, im sonst so warmen Argentinien, kann es durchaus vorkommen, dass in der Zeit des Ährenschiebens in den Morgenstunden unter Null Grad gemessen werden, was darin resultiert, dass keine Körner ausgebildet werden. Einige benachbarte Weizenfelder hatten deswegen dieses Jahr grosse Ausfälle.
Interessant, denn der Dinkel schiebt seine Ähre etwas später als der Weizen und ist deshalb sicherer im Bezug auf Frostschäden. Die wenigen Niederschläge schienen ihm auch keine grosse Mühe zu bereiten.
Sensenprofibedarf aus Worb
Die Zone, in der wir leben, ist geradezu ideal für den extensiven biologischen Anbau von Dinkel. Die Reife setzte ungefähr einen Monat früher ein als in der Schweiz. So machte sich die ganze Familie Anfang Januar frühmorgens auf den Weg für die händische Ernte.
Ich hatte noch kurz vor unserer Auswanderung eine neue Sense gekauft. Jürg von Känel, Sensen-Profi und Sensen-Seminar-Leiter, hatte zufällig einen auf meine Körpergrösse gefertigten Schaffhauser Worb mit einem 70er-Calanda-Blatt im Angebot. Dazu bekam ich auch noch einen Crash-Kurs im Sensen, Wetzen und Dengeln.
Der Schaffhauser Worb ist spezialisiert fürs Mähen im Tal und ist aufgrund seiner Verstärkung für das Schneiden von Getreide geeignet. Wie sehr sich diese Investition lohnen würde, wusste ich erst nach einigen Stunden des Mähens. Denn die Sense, frisch gedengelt, schnitt das dicke Stroh wie ein Gillette-Rasierer die Barthaare.
Alle mussten für drei Tage mithelfen
Meine Frau Bea und die beiden Töchter Fiona und Zoé nahmen dann die gemähten Bündel und füllten damit zehn Stück der ergatterten Zwei-Kubikmeter-Bigbags. Wir benötigten insgesamt drei Tage für die gesamte Ernte, denn nachmittags bei 40 Grad Celsius und 6 Prozent Luftfeuchtigkeit hielt man es nicht mehr so lange aus.
So hängen die Säcke im Trockenen in einem Schopf und warten auf eine gute Idee, wie man nun wortwörtlich die Spreu vom Dinkel trennt – also mit anderen Worten, wie man drischt. Klar gäbe es die Variante mit dem Dreschflegel, aber dabei riskiere ich, dass die Körner verletzt werden und nicht mehr als Saatgut verwendet werden können.
Ich bin noch auf der Suche nach einem alten Mähdrescher, der auch nicht mehr fahrtüchtig sein muss, um dann stationär zu dreschen. Vielleicht kann ich darüber schon das nächste Mal berichten. Das Ziel ist es, die neue Saat, diesmal maschinell, zwischen Mai und Juli zu säen.
Die Vorurteile wurde auf ganzer Linie bestätigt
Die ganze Aktion verlief nicht unbeobachtet. Der Sohn eines Nachbarn sah uns beim Vorbeifahren und so dauerte es nicht lange, bis sich auch sein Vater und ein weiterer Nachbar am Zaun ihre Augen rieben.
«Arbeiten alle Schweizer so? Diesen ‹Chrampf› würde hier keiner auf sich nehmen.» Und dann waren sie auch schon wieder beim Hochgesang über die Schweiz und ihre tüchtigen, fleissigen, exakten und vertrauensvollen Eidgenossen.
An dieser Stelle einen grossen Dank an all jene, die an diesem strahlenden Schweizer Image gearbeitet haben, denn wohin wir in Argentinien auch kommen: Alle sehen uns als das Mass aller Dinge.
Die Schweiz ist für viele Argentinier das unerreichbare Schlaraffenland. Da in Argentinien schon lange schwierige wirtschaftliche Bedingungen herrschen und die Landeswährung chronisch schwach ist, können sie sich Reisen ins ferne Europa kaum leisten.
Mit 40 Jahren wechselte Egon Tschol von seinem Beruf als Finanzanalyst in die Landwirtschaft und übernahm 2009 einen Betrieb von elf Hektaren im schaffhausischen Klettgau. Er stellte auf Demeter und Mischfruchtanbau um. Mit Ehefrau Bea und denzwei Töchtern Fiona und Zoé sowie sechs Pferden wanderte er 2020 nach Argentinien aus, um die erlernte regenerative Landwirtschaft auf einer 15-mal grösseren Fläche uneingeschränkt anzuwenden.

