Kürzlich diskutierte ich in Berlin an einer Arbeitstagung des Forums Moderne Landwirtschaft mit Organisationen der Landwirtschaft, der Lebensmittel- und der Agrarindustrie über die Transformation zum Ausgleich zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Es war wenig Festhalten an Eigeninteressen und viel Dynamik für Veränderungen zu spüren.

Passt nicht zum Image der sauberen Schweiz

Der im Juni 2021 vorgelegte Schlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) der deutschen Regierung wurde von zwei jungen Mitwirkenden vorgestellt, einer Bäuerin und einer Agraringenieurin. Die Empfehlungen der ZKL hatten es in sich. Zum Beispiel, dass die Tierhaltung um 70 Prozent zurückgehen müsste, um die natürlichen Ressourcen Boden, Wasser, Luft und Biodiversität auch in Zukunft schützen zu können. Das Erstaunliche war, dass alle Akteur(innen) die Empfehlungen einstimmig mittrugen.

Eine ähnliche Aufbruchstimmung löste auf EU-Ebene die Farm-to-Fork-Strategie der Kommission aus. Ein Ausbau des Biolandbaus auf 25 Prozent bis 2030 und gleichzeitig eine Halbierung der umweltschädigend hohen Anwendungsmengen von chemischen Pflanzenschutzmitteln, Stickstoff- und Phosphordüngern wird dabei gefordert.

Die Schweiz weist wegen der Futtermittelimporte die höchste Stickstoff- und Phosphor-Belastung pro Hektar in Europa aus und ist bei den ausgebrachten Mengen an Pflanzenschutzmitteln im oberen Drittel aller Länder. Bei der Pflanzen-, Tier- und Mikroorganismenvielfalt auf den Agrarflächen besteht noch ein grosser Nachholbedarf. Das passt so gar nicht zum Image der «sauberen» Schweiz im Ausland.

Konsumenten raffiniert schubsen

Doch jetzt wird überall in Europa versucht, das Rad der Ökologisierung zurückzudrehen. Russland führt den ersten Krieg um Lebensmittel, ein Vorbote dafür, was wir in 20 bis 30 Jahren häufiger erleben könnten. Deswegen von der Ökologie Abstand zu nehmen, ist aber ganz und gar falsch. Boden, Wasser, Luft und Biodiversität sind die Basis der Gesellschaft und der Wirtschaft. Biobäuerinnen und Biobauern sind Vorbilder und Träger des Wissens, wie man Ressourcenschutz praktiziert. Die Kritik am Biolandbau, wie sie Erik Fyrwald vorbringt, ist also keine Höchstleistung des CEO von Syngenta.

Es gibt andere Wege, wie die Produktivität erhöht und die globale Ernährungssicherheit gewährleistet werden kann. So kann man Landwirtschaft und Ernährungsweise steuern. Entweder über staatliche Vorschriften, über finanzielle Anreize wie Verschiebungen bei den Direktzahlungen oder neue Abgaben wie das Einpreisen von ökologisch oder gesundheitlich nicht gewollten Techniken und Verhaltensweisen. Oder vielleicht über raffiniertes Schubsen der Bürger(innen) mit digitalen Tools , welche lustvoll stets informieren, beim Einkaufen, beim Kühlschrankfüllen, beim Kochen und beim Essen.

Umweltrechner für Landwirte

Für Landwirte entwickeln wir zurzeit Umweltrechner, die mithelfen können, den Schritt vom Wissen in die Praxis zu machen. Eine grosse Chance bietet auch die Wissenschaft. Je präziser dank der Digitalisierung alle Arbeiten im Feld und im Stall werden, umso mehr profitiert die Umwelt und umso weniger leidet die Produktivität. Schnelligkeit und Präzision bringt auch die Züchtung weiter. Deshalb muss die Gesellschaft wichtige Technologiedebatten führen. Und die Arbeiten von vielen Start-up-Unternehmen an der Entwicklung von Novel Food oder Feed haben grosse Potenziale, ob horizontal oder vertikal angebaut, aber darüber ein andermal.