ABO

Inoverde prüft Schliessung der Obsthalle Sursee: 130 Produzenten betroffen, Obstbau vor ungewisser Zukunft

Die Obsthalle Sursee steht vor dem Aus: Inoverde prüft, den Standort per Ende Juni 2027 zu schliessen. Für die rund 130 betroffenen Obstproduzenten wird eine Anschlusslösung gesucht. Die Schliessung hätte dramatische Konsequenzen für die Obstbauregion Zentralschweiz, befürchten Branchenkenner.

Inoverde teilte am Dienstag, 18. Juli 2026, mit, dass eine Schliessung des Standortes Sursee, besser bekannt als Obsthalle Sursee, geprüft werde. Das Unternehmen gehört zur Fenaco und beliefert den Detailhandel, den Grosshandel und die Lebensmittelindustrie mit Früchten, Gemüse und Kartoffeln von rund 1000 Produzenten. Das beinhaltet die Annahme, Aufbereitung, Lagerung, Verpackung und den Vertrieb dieser Produkte. Und Inoverde unterstützt die Produzenten auch in der Anbauplanung.

Branchenkenner nicht überrascht

Für einige Brancheninsider kam diese Medieninformation offenbar nicht ganz so überraschend: Der Preisdruck in der Früchtebranche seitens der Grossverteiler sei enorm und belaste neben den Produzenten vor allem die Handelsfirmen. Und es sei auch bekannt, dass der Betrieb der Obsthalle Sursee finanziell schwieriger geworden sei und grosse Investitionen nötig wären.

Insgesamt ist Inoverde an 14 Standorten tätig und beschäftigt 400 Mitarbeitende. In den drei Leistungszentren in Perroy VD, Charrat VS und Sursee LU würden die Früchte von rund 290 Produzenten übernommen. Der Standort Sursee sei der älteste und kleinste dieser drei Standorte und stehe auf dem Prüfstand, heisst es in der Mitteilung von Inoverde.

Standort Sursee ist zu teuer

Die historische Bausubstanz über zwei Geschosse führe teils zu aufwendigen Prozessen. In den kommenden Jahren stünden Investitionen in der Höhe von mehreren Mio. Franken an. «Diese lassen sich aufgrund der verhältnismässig tiefen Mengen an Kern- und Steinobst, die am Standort Sursee verarbeitet werden, nicht rechtfertigen.» Die grösseren Leistungszentren in Perroy und Charrat würden demgegenüber über eine zeitgemässe Infrastruktur und Potenzial für die Weiterentwicklung verfügen, schreibt Inoverde. «Die Aufrechterhaltung des Standortes Sursee verursacht unverhältnismässig hohe Kosten. Je effizienter wir arbeiten, desto mehr Wertschöpfung können wir an unsere Produzenten weitergeben», so Samuel Wyssenbach, Category Manager Früchte und Mitglied der Geschäftsleitung von Inoverde.

Bald hat es sich hier ausgewaschen: Reinigung und Sortierung von Äpfeln im Wasserbad in der Obsthalle Sursee.(Bild: Josef Scherer)

Hingewiesen wird auch auf den hohen Preis- und Kostendruck für Schweizer Früchte. Die Konsumenten würden im Laden günstige Produkte erwarten, gleichzeitig seien ihre Ansprüche an Qualität und Nachhaltigkeit hoch – und das bei steigenden Produktions- und Verarbeitungskosten. Um in einem solchen Umfeld zu bestehen, sei entlang der ganzen Wertschöpfungskette ein hohes Mass an Effizienz erforderlich.

Entscheid über Schliessung noch offen

Bevor aber definitiv über die Zukunft des Standortes Sursee entschieden werde, führe Inoverde mit den Mitarbeitenden bis am 28. August ein Konsultationsverfahren durch. Am Standort Sursee sind 44 Personen beschäftigt, bei einer Schliessung komme ein Sozialplan zum Zuge. «Falls die Schliessung beschlossen wird, würde der Betrieb am Standort Sursee schrittweise heruntergefahren und per 30. Juni 2027 eingestellt», teilt Inoverde auf Nachfrage der BauernZeitung mit.

 Mit den betroffenen Landwirtinnen und Landwirten würden derzeit Gespräche geführt. «Wir haben eine Anschlusslösung entwickelt, die wir den Obstproduzenten anbieten können, damit diese eine hohe Planungssicherheit haben», sagt Wyssenbach. Diese richte sich an alle betroffenen Produzenten, nicht nur an grosse Betriebe.

Inoverde bestätigt auf Nachfrage, dass derzeit Gespräche mit der Thurgauer Tobi Seeobst AG in Bischofszell geführt würden. Tobi ist ebenfalls im Bereich Aufbereitung, Lagerung und Vertrieb tätig und setzt jährlich rund 30 000 t Äpfel, 7500 t Birnen und 3800 t Steinobst und 3500 t Beeren um.

Weniger Paloxen in den Baumreihen: Dieses Jahr wird in der Region wegen der Trockenheit mit einer kleinen Birnenernte gerechnet.(Bild: Archiv Josef Scherer)

Lösung für rund 5000 t Obst suchen

Das Unternehmen könnte die notwendigen Kapazitäten bereitstellen. Bereits heute stamme mehr als die Hälfte der in Sursee verarbeiteten Mengen aus der Ostschweiz.

Derzeit würden rund 130 Produzenten den Standort Sursee beliefern. Inoverde rechnet mit einer durchschnittlichen Menge an Kern- und Steinobst im mittleren vierstelligen Tonnenbereich pro Jahr, die nach einer potenziellen Schliessung anderweitig abgewickelt würde. «Für uns ist es entscheidend, dass die Kern- und Steinobstproduktion in den betroffenen Regionen nicht geschwächt, sondern Strukturen etabliert werden, die deren langfristige Weiterentwicklung ermöglichen.» Die Zentralschweiz bleibe aus Sicht Inoverde eine wichtige Anbauregion für Kern- und Steinobst. Gerade deshalb werde eine Anschlusslösung gesucht, die den Produzenten langfristige Perspektiven biete.

Ein Strukturwandel ist absehbar

Wenn der Standort Sursee wegfallen würde, hätte das grosse Konsequenzen für den Obstbau in der Region, sagt Markus Thali, Gelfingen LU, Präsident des Luzerner Obstbauvereins (LOV) und Präsident der Produzentenvereinigung der Obsthalle Sursee (Proveros). Jährlich würden in der Obsthalle rund 4000 t Kernobst angenommen. Auch wenn eine Anschlusslösung vorgesehen sei, bedeute die Schliessung eine Schwächung der Obstbauregion Zentralschweiz, wenn der grösste Abnehmer und damit die Nähe zur Region wegfalle.

Schwächung der Obstbauregion Zentralschweiz

Er befürchtet, dass längst nicht alle bisherigen 61 Mitglieder der Proveros von einer neuen Lösung profitieren könnten. Dazu seien noch viele Fragen offen, wie es denn weitergehe. Signalisiert habe Inoverde, dass zumindest das Kühlhaus in Sursee vorderhand noch bestehen bleibe. «Für verschiedene Produzenten könnte es aber schwierig werden und einige werden wohl die Produktion aufgeben.≫ Der Früchtemarkt Schweiz und die Handelsfirmen seien sehr unter Druck, bestätigt Thali. 

Enttäuscht über den Entscheid von Inoverde und gleichzeitig ohnmächtig fühlt sich Adrian Seeholzer, ehemaliger LOV-Präsident und nun Obstbauberater beim BBZN Hohenrain. Es sei ihm bekannt, dass das Marktumfeld sehr schwierig sei. Als eine Ursache dafür sehe er insbesondere die ausgeprägte Tiefpreisstrategie der Grossverteiler. Die Folgen spürten neben den Produzenten vor allem der Früchtehandel.

Immer grössere Volumen

Die Tendenz gehe aus Effizienzgründen zu immer grösseren Volumen und Spezialisierung in der Produktion und der Logistik. Das benachteilige kleinere Produzent(innen). Er hofft, dass es nicht zu einem Massenexodus kommt, bei dem viele Landwirte den Obstbau aufgeben würden. Vor Jahren sei noch eine Ausdehnung in der Zentralschweiz empfohlen worden, jetzt hätten sich die Bedingungen aber stark verschlechtert. Das aktuelle Trockenjahr 2026 habe zudem gezeigt, dass ohne Bewässerung wohl künftig kein Obstbau mehr möglich sei. Die anstehende Birnenernte werde wohl bei Betrieben ohne Bewässerung dieses Jahr sehr mager ausfallen.

Zukunft der Regionalmarken offen

Viele Fragen seien auch offen zur vom Kanton Luzern lancierten Offensive Spezialkulturen. Für Markus Thali hat diese aufgrund der aktuellen Situation gar Schiffbruch erlitten. Adrian Seeholzer weist auch auf die unsichere Zukunft von Marken wie «Aus der Region. Für die Region.» der Migros oder «Miini Region» von Coop hin, zumal diese von der Obsthalle Sursee mit Früchten aus der Region beliefert werden.

«Als eine Ursache für das schwierige Marktumfeld sehe ich die ausgeprägte Tiefpreisstrategie der Grossverteiler.»

Obstbauberater Adrian Seeholzer weist auf das schwierige Marktumfeld für Schweizer Früchte hin.

Weiterlesen

  • Trockenes Land und weniger Kühe. Der August präsentiert sich in seiner vollen Härte. Wer jetzt X-Kühe schlachten lässt, hat das Nachsehen.

    Bell will fette schwarze Zahlen, nicht magere Kühe

    Die Bell Food Group meldet das beste Halbjahresergebnis ihrer Geschichte. Ausgerechnet in der Futterkrise werden die X-Kühe plötzlich zum Problem. Eine Auslegeordnung.
    Show more
  • Kulinarisches Berner Oberland: Gewinnen Sie das Buch «Alpe-Chuchi»

  • Leere Kassen, lange Fristen: Die Grenzen der Trockenheitshilfe

    ABO