Bell will fette schwarze Zahlen, nicht magere Kühe

Die Bell Food Group meldet das beste Halbjahresergebnis ihrer Geschichte. Ausgerechnet in der Futterkrise werden die X-Kühe plötzlich zum Problem. Eine Auslegeordnung.

Seit Anfang Juni wurden in der Schweiz fast 80000 Kühe, Rinder und Ochsen geschlachtet, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein im August wurden bereits über 15'000 Kühe mehr geschlachtet als im Vorjahresmonat – ein Plus von 75 Prozent. Trotzdem sind die Preise nicht eingebrochen: Im ersten Halbjahr lag der Kuhpreis (T3) bei Fr. 10.25 pro kg – 5,4 Prozent über Vorjahr. Das ist kein Markt, der unter Überangebot zusammenbricht.

Wer aber direkt an einen Grossverarbeiter liefert, sieht davon nicht zwingend etwas. Uns liegt eine Abrechnung vor: Eine 3X-Kuh, Fettklasse 1, wurde Anfang August im Bell-Werk Oensingen geschlachtet und vom zuständigen Händler abgerechnet – damals noch zu Fr. 6.50 pro kg. Der Proviande-Richtwert für diese Klasse lag zu diesem Zeitpunkt bei Fr. 7.55, abzüglich rund 40 Rappen für die Fettklasse 1 – macht Fr. 7.15. Bezahlt wurden damit rund 65 Rappen weniger. Das Problem ist jung – und es wächst rasant : Erst seit etwa zwei Wochen zeigt sich diese Situation überhaupt in ihrer vollen Ausprägung – und in dieser Zeit ging es weiter abwärts. Transparent macht diese Praxis ausser dem Verarbeiter Lucarna Macana kein grosser Player.

Warum ausgerechnet die X-Klasse?

«Kühe sind gesucht» und «X-Kühe werden abgestraft» widersprechen sich nicht zwingend. Naheliegend ist die Erklärung: Wegen Futterknappheit nicht gemästete X-Kühe dürften seltener auf den freien Markt kommen – sie gehen vermutlich eher direkt, ohne Konkurrenzangebote, an einen Grossverarbeiter. Genau dort hätte der einzelne Bauer am wenigsten Verhandlungsmacht. Die Trockenheit verstärkt das: Wer eine Kuh wegen Futtermangels früher zum Schlachten gibt, liefert oft ein dünneres Tier – mehr Kühe fallen erst dadurch in die unterste Klasse. Ob Schlachtbetriebe diesen Mechanismus zusätzlich ausnutzen, ist die zentrale offene Frage.

Woher kommt der Preisdruck?

Proviande nennt Trockenheit, teures Futter und den Milchüberschuss vom Frühjahr als Gründe für die hohen Schlachtzahlen – ein nachvollziehbarer, kurzfristiger Angebotsüberhang. Der Vergleich mit den Schweinen zeigt aber die Schwachstelle: Dort gab es eine echte strukturelle Überproduktion (zu viele Zuchtsauenplätze). Beim Rind ist die Schweiz nicht einmal selbstversorgend – deshalb braucht Bell nach eigener Aussage weiterhin Importe, und deshalb wird an den öffentlichen Märkten über Tarif geboten. Ein paar Wochen mit mehr Schlachtungen machen aus einem strukturell knappen Markt kein Überangebot. Was der Angebotsüberhang nicht erklärt: wer vom Preisdruck am Ende profitiert – die Konsumenten über tiefere Ladenpreise, der Verarbeiter über eine bessere Marge, oder beide.

Erst Knappheit, dann Importe – auch wenn mehr Kühe da sind

Noch vor Kurzem argumentierte Bell-Chef Marco Tschanz, das Angebot an Kühen sei knapp, was künftig zu steigenden Preisen führen könnte. Dieselbe Knappheits-Logik begleitete die steigenden Importanträge der Branche; Proviande-Direktor Donat Schneider nannte das wachsende Importvolumen ein «gutes Zeichen». Jetzt, wo mehr Kühe zum Schlachter kommen, müsste diese Logik sich eigentlich umkehren – weniger Importbedarf, bessere Preise. Stattdessen bleibt das Bild unbefriedigend, und über Importmengen wird weiterhin verhandelt. Ein Importkontingent, das im Bedarfsfall abrufbar bleibt, ist für einen Grossabnehmer so oder so ein Verhandlungshebel gegenüber Schweizer Lieferanten – ob es gezogen wird oder nicht. Die Frage bleibt: Ging es bei der «Knappheit» um mehr Schweizer Kühe – oder in erster Linie darum, Importe zu rechtfertigen?

Bell verdient wie nie – und sagt selbst, warum

Die Bell Food Group meldet das beste Halbjahresergebnis ihrer Geschichte: Der Gewinn stieg um 21,3 Prozent auf CHF 55,4 Millionen. Besonders aufschlussreich ist ein Satz im Bericht zu Bell Schweiz: Das Angebot an Rindern, Kühen und Geflügel sei knapp ausgefallen, bei den Schweinen dagegen eine deutliche Überproduktion – die Verluste im Schweinegeschäft habe man durch Steigerungen bei Rind und Geflügel kompensiert. Bell schreibt also selbst, dass ausgerechnet das knappe Kuh-Segment half, die Schweineverluste aufzufangen. Das steht in Spannung zu einer Lage, in der viele Betriebe gerade jetzt tiefe Preise spüren.

Der Präzedenzfall Schwein

Im Frühsommer 2026 stürzten die Schweinepreise auf historisch tiefe Fr. 2.50 pro kg. Ein Coop-Sprecher begründete das mit «grossem Überangebot», ein Proviande-Sprecher verwies auf Suisseporcs – die Verantwortung landete bei den Produzenten, die zeitweise sogar selbst einen Stilllegungsfonds mitfinanzieren sollten. Branchenweit verlor der Schweinemarkt laut Suisseporcs bis zu 200 Millionen Franken. Seit Ende Juli erholen sich die Preise zwar wieder (auf Fr. 3.00, Richtung 3.20) – allerdings dank produzentenfinanzierter Marktentlastung, nicht von selbst, und Marktakteure warnen vor verfrühter Euphorie.

Bells eigene Bruttogewinnmarge ist in dieser Zeit nicht gesunken, sondern leicht gestiegen: von 39,3 auf 39,4 Prozent, bei CHF 951,4 Millionen Bruttogewinn. Wenn die Marge trotz angeblicher Schweineverluste nicht litt, sondern zulegte, stellt sich die Frage, ob es sich um tiefere Erträge handelte – oder um tiefere Einkaufspreise bei kaum gesenkten Ladenpreisen. Die Parallele zu den Kühen liegt nahe: Bei den Schweinen hiess es «Überangebot», bei den Kühen heisst es «Knappheit» – und in beiden Fällen bleiben die Bauern mit tiefen Preisen zurück, während die Konzernmarge stabil bleibt.

Coop-Chef Philipp Wyss (Coop ist Mehrheitsaktionärin von Bell) verspricht öffentlich das Gegenteil: Man trage Preiskosten «selber» und wälze sie «nicht auf die Bauern ab», und «alle Schritte» vom Bauern bis zur Konsumentin müssten «fair abgegolten werden». Ein Landwirt, dessen Kuh deutlich unter dem um die Fettklasse bereinigten Proviande-Richtwert abgerechnet wird, ist genau der Fall, den dieses Versprechen ausschliessen sollte.

Was Bell dazu sagt

Wir haben Bell mit diesen Punkten konfrontiert. Bell antwortete innert Frist, aber nicht auf die einzelnen Fragen – man ordne die Situation stattdessen «wie folgt ein» und schickte eine allgemeine Stellungnahme.

Zum eingangs geschilderten Fall selbst: kein Wort, weder bestätigt noch bestritten. Bell schreibt, der Markt sei «weiterhin knapp», Standardkühe (T3) «sehr gesucht» – X-Kühe dagegen hätten «sehr geringe Fleischigkeit» und seien «häufig kaum kostendeckend» zu verarbeiten; die Proviande-Referenzpreise liessen sich «nicht unbesehen zur Beurteilung heranziehen». Man habe «alles unternommen», um die Schlachtzahlen zu erhöhen, mit erheblichen Zusatzkosten; in Deutschland gebe es bei Kühen teils Wartelisten.

Zu den Importen bestätigt sich die Vermutung eher, als dass sie widerlegt wird: Bell «könnte deutlich mehr Schweizer Rindfleisch absetzen», werde aber «weiterhin Importe benötigen» – unabhängig von den aktuell höheren Schlachtzahlen, die man als «vorübergehend» einordnet. Zur Marge weist Bell zu Recht darauf hin, dass sie sich auf die ganze Gruppe bezieht, nennt aber selbst eine neue Zahl: Die Schweine-Verwerfungen hätten «einen hohen einstelligen Millionenbetrag» gekostet. Wenn das stimmt und die Konzernmarge trotzdem stieg, muss die Differenz irgendwo herkommen. Und was Coop-Chef Wyss von alldem weiss oder hält: Dazu äussert sich Bell nicht.

Zum Schluss hält Bell fest, man stehe «zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit der Schweizer Landwirtschaft» – Partnerschaft bedeute aber auch «eine sachliche Betrachtung der unterschiedlichen Tierkategorien sowie eine markt- und qualitätsgerechte Preisbildung». Man zahle «einen marktgerechten Preis» und übernehme «erhebliche Mengen-, Kosten- und Absatzrisiken». Das ist Bells eigene Zusammenfassung – und sie steht im Raum, ohne dass die eingangs gestellte Frage damit beantwortet wäre.

Was die Bauernseite dazu sagt

Ernst Wandfluh, SVP-Nationalrat und Präsident der IG öffentliche Märkte, zeigt sich auf Anfrage enttäuscht: Man habe sich, mit wenigen Ausnahmen, stets an diese Preise gehalten – das sei Usus gewesen. Dass es jetzt plötzlich in dieser deutlichen Form darunter gehe, sei für ihn unverständlich und ärgere ihn, zumal die Kommunikation dazu fehle. Ausgerechnet in der Krise würden diese Kühe plötzlich zum Problem – das sei kein Weg, wie man sich das in der Branche vorstelle. Solche Probleme löse man gemeinsam, denn dann funktioniere das Resultat auch. Es sei möglich, das Thema in der Kommission Märkte und Handelsusanzen bei Proviande einzubringen, in der er selbst Mitglied ist, und man sei gesprächsbereit – aber ohne Reden gehe es eben nicht.

Bell im Fokus, aber längst nicht der einzige Händler

Das Problem in aller Deutlichkeit: Bell scheint mit dieser Praxis nicht allein zu stehen. Laut Meldungen von Bauern soll die Praxis bei der Migros-Tochter Micarna nicht anders sein; das liess sich für diesen Artikel nicht mit einem eigenen Beleg erhärten. Der Verarbeiter Lucarna Macana aus Hinwil im Zürcher Oberland zahlt für die unterste X-Stufe («3X») ebenfalls deutlich unter dem Proviande-Richtwert. Der Unterschied: Lucarna Macana publiziert seine Einkaufspreise, alle Stufen, jede Woche, öffentlich auf der eigenen Website. Wer als Landwirt dort liefert, weiss vorher, woran er ist. Bei Bell erfährt ein Landwirt erst im Nachhinein, was seine Kuh wert war – nachvollziehen kann er es nicht.

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