Kurz & bündig
- Seit 20. Juli 2026 läuft die Bewässerungsanlage im Bibertal mit Wasser aus dem Rhein.
- Das sichert die Erträge von 24 Betrieben und entlastet den Bach Biber.
- Hinter der Bewässerungsanlage steht die Bewässerungsgenossenschaft Bibertal.
- Die Konzession für die Wasserentnahme läuft bis 2048.
Üppige Wiesen, sattgrüner Mais: Was sich Bauern im Mittelland im Sommer 2026 sehnlich wünschen, ist im Kanton Schaffhausen Realität. Eine Selbstverständlichkeit sei es nicht, betont Landwirt Jonathan Sätteli, der Präsident der Bewässerungsgenossenschaft Bibertal (BGB).
«Seit dem 20. Juli 2026 können alle Mitglieder der BGB mit Rheinwasser bewässern», sagt er. Im Pumpwerk in Hemishofen SH zeigt er die Steuerung und die Leitungen. 4 Meter breit und 8 Meter tief ist der Schacht, in Erdleitungen wird das Wasser von Hemishofen über Ramsen bis nach Buch geführt. Gesamthaft gehören 16,3 km Leitungen zur BGB, die Feinverteilung läuft über die Leitungen der einzelnen Betriebe.
Sätteli spricht von einem Generationenprojekt, das die Erträge von 24 Betrieben mit rund 500 ha Landwirtschaftsfläche sichert. Maximal darf die Genossenschaft 300 l/Sek. entnehmen, die Jahresfördermenge ist auf 570 000 m³ begrenzt.
Bewässert wird im Bibertal seit über 50 Jahren, zum grössten Teil mit Wasser aus der Biber. Doch an diesem kleinen Bach zeigt sich exemplarisch, was auch auf andere Gegenden in der Schweiz zukommt: Die Entnahmeverbote durch den Kanton häuften sich. Denn die Biber ist ein Fischgewässer, das in den Sommermonaten kaltes, sauerstoffreiches Wasser führt und ein Rückzugsort für hitzegeplagte Fische ist. Die 19 Entnahmestellen belasteten den Pegel des Baches stark.

Bereits vor 20 Jahren regte der Kanton daher an, eine zentrale Anlage zu bauen, die mit Rheinwasser funktioniert. Das Ziel: Die Biber als Lebensraum für Fische zu entlasten und zu erhalten. «Die Zusammenarbeit mit den Behörden war extrem konstruktiv», lobt Sätteli. Er war der Bewässerungsgenossenschaft Bibertal bereits durch seinen Vater verbunden und unterstützte den Vorstand schon lange bevor er 2023 das Präsidium übernahm.
Es brauchte einen langen Atmen, bis die Anlage in Betrieb ging
Seit 2010 gibt es die Bewässerungsgenossenschaft Bibertal, im Juni 2015 publizierte sie das Projekt im Amtsblatt. Im Juni 2019 erhielt die BGB vom Kanton Schaffhausen die «Konzession für die Wasserentnahme und Wassernutzung für die landwirtschaftliche Bewässerung». Diese fasste alle bisherigen Konzessionen zur Wasserentnahme aus der Biber und dem Rhein zusammen und hebt die laufenden Bewilligungen auf. Neue Gesuche werden nicht mehr bewilligt. Die Konzession läuft bis 2048, also für 30 Jahre.

Bis die Anlage wirklich den Betrieb aufnehmen konnte, waren viele Hindernisse zu überwinden. «Jeder von uns führt neben der Arbeit im Vorstand einen Landwirtschaftsbetrieb», sagt Jonathan Sätteli. Als er das Präsidium übernahm, führte er einen festen Sitzungsrhythmus mit einer immer gleichen Traktandenliste ein, um die Verantwortlichkeiten klar aufzuzeigen und die Zielerreichung zu überprüfen. Sätteli vergleicht es mit einem Krisenstab: «Es braucht eine straffe Führung, um den Fokus nicht zu verlieren.» Das mache diese Arbeit als Nebentätigkeit anspruchsvoll.
«Der administrative Aufwand für ein Projekt dieser Grössenordnung ist extrem», sagt er. Es brauche ein tiefes Verständnis für die Abläufe bei den Behörden und eine besondere Sorgfalt in den Details: Als Beispiel nennt er die Frage, welcher Mehrwertsatz gelte, wenn die Genossenschaft ihre Leistungen verrechne. «Es ist zentral, ein guter Personalmanager zu sein, um das Fachwissen an den richtigen Ort zu bringen», ist er überzeugt. So sei es wichtig, einen Treuhänder zu haben, der bei Terminen bei den Banken und den Behörden dabei sei und auf Augenhöhe argumentieren könne. «Letztendlich fordern alle einen Strauss an Sicherheiten, bevor sie dir Geld geben.»
Denn die Bewässerungsanlage Bibertal beeindruckt nicht nur mit der Fläche, die sie bewässern kann. Auch die Kosten sind eindrücklich. 8,3 Millionen Franken stecken im Projekt, die Hälfte davon hat die öffentliche Hand (Bund, Kanton Schaffhausen und die Gemeinden Hemishofen, Ramsen und Buch) finanziert. Die andere Hälfte finanzierten die Mitglieder mit Unterstützung der Schaffhauser Bauernkreditkasse und der Schaffhauser Kantonalbank.
«Für Aussenstehende wirkt das banal – quasi 50/50 und alles in Vorauskasse», sagt Sätteli. In Wahrheit sei die Finanzierung eine komplexe Angelegenheit gewesen. Die Strukturverbesserungsverordnung (SSV) sieht nicht vor, Gelder im Voraus auszubezahlen. «Die letzte Subventionstranche sowie der Investitionskredit der Bauernkreditkasse kommen erst nach der Baukostenabrechnung», erklärt Sätteli. «Dies zwingt einen dazu, eine präzise Liquiditätsplanung aufzubereiten und dann auch entsprechend zu bewirtschaften. Wir mussten uns stets im Klaren sein, wie lange die Gelder reichen und ab wann die Zwischenfinanzierung für einen Investitions- und Baukredit mit der Bank anfällt.» Es sei ein Auf und Ab der Gefühle gewesen, da während der Bauphase die einen Arbeiten teurer ausfallen, die anderen günstiger.
Im Schnitt musste jedes Mitglied rund 100 000 Franken aufwenden. «Wer nun neu dazukommt, zahlt mehr», sagt Sätteli. Denn die Mitglieder hätten während des ganzen Planungs-, Bewilligungs- und Bauprozesses das Risiko getragen.
Seit dem 20. Juli 2026 ist die Erleichterung gross – eigentlich hätte die Anlage seit Mai laufen sollen. «Es kam immer etwas dazwischen, das hat an den Nerven gezehrt», erzählt Sätteli. Da sich Entnahmeverbote abzeichneten, seien die Landwirte unruhig geworden. «Verständlicherweise, doch nun überwiegt die Dankbarkeit», zeigt sich Sätteli zufrieden.
Bewässert werden im Bibertal nicht nur Gemüse und Ackerkulturen, sondern auch Reben, etwas Obst und Wiesen. «Die Rechnung beim Futterbau ist eine einfache. Als Landwirt muss ich mich entscheiden, ob ich Geld für die Bewässerung ausgebe oder Futter zukaufen will.» Ob solches überhaupt auf den Markt komme und zu welchem Preis, sei in einem so trockenen und heissen Sommer wie 2026 fraglich.
Die Mitglieder können entscheiden, wann sie bewässern
Wasser bekommt nur, wer Mitglied ist. Die Mitglieder können sich ins System einloggen und sehen die Auslastung der Anlage. Das sei zum Beispiel am Abend, nachdem der Stall gemacht sei, unkompliziert möglich. «Dann entscheidet der Landwirt, ob er den Rollomat auszieht oder nicht.» Sei die Anlage wenig ausgelastet, könne sofort bewässert werden. «Bei einer sehr hohen Auslastung muss jemand vielleicht mal einen Tag warten», sagt Sätteli. Doch grundsätzlich führe der Rhein genügend Wasser, und der Druck in den Leitungen sei genügend hoch, sodass jedes Mitglied bewässern könne.
Die Anlage läuft bis jetzt reibungslos. Dennoch möchte Jonathan Sätteli an der nächsten Generalversammlung der Genossenschaft zum einen ein Pflichtenheft für den Unterhalt und den Betrieb festlegen und zum anderen Leute suchen, die sich (gegen Bezahlung) um beides kümmern. «Ideal wäre, wenn jemand operativ für den Unterhalt zuständig ist und zwei Stellvertreter mithelfen.» Sätteli denkt voraus: «In Frostnächten muss die Anlage durchlaufen, das braucht regelmässige Überwachung.»
Wer mitten im Hochsommer an Frostnächte denkt, beweist Weitblick und Planungsfähigkeiten. Beides hat Sätteli in den letzten Jahren bewiesen. Er redet aber lieber davon, wie viel Demut und Respekt den Dimensionen gegenüber nötig gewesen sei. «Wer ein Haus baut, tut auch gut daran, sich Hilfe zu holen», vergleicht er. «Bei diesem Projekt war es, als würden wir mit 30 Leuten bauen, die alle mitreden.» Wichtig sei gewesen, als Erstes die Mitglieder zum Systemwechsel zu bewegen. «Die Entnahmen aus der Biber haben ja grundsätzlich funktioniert und waren praktisch», zeigt er Verständnis für die Skepsis gegenüber einer zentralen Entnahmestelle. «Bloss hat sich abgezeichnet, dass es immer häufiger Verbote gibt.»
Sätteli kennt Bewässerungsprojekte, bei denen die Ausgangslage anders war: zum Beispiel, wenn der direkte Zugang zum Flusswasser fehlt und über Hydranten oder mit Trinkwasser bewässert werden muss. «Dann ist eine Alternative, mit der billiger und mehr bewässert werden kann, attraktiv.»
Die administrative Komplexität ist extrem hoch
«Die Mitglieder bei Laune zu halten», das sei eine Herausforderung gewesen. Auch die Gespräche mit den Naturschutzorganisationen, bei denen teilweise der Kanton als Vermittler unterstützte, erwähnt Sätteli. Die BGB hat sich zu einem Umweltmonitoring verpflichtet. In der Begleitgruppe sind Gemeindevertreter, kantonale Behörden, Umweltorganisationen und der BGB-Vorstand.
Blickt Sätteli auf die letzten Jahre zurück, sieht er nicht den Bau der Anlage als den schwierigsten Teil. «Anspruchsvoller war, die Bewilligungen, die Konzession und die Finanzierung zu erlangen.» Bei der Bauleitung könnten Landwirte sehr gut unterstützen, sagt er. Doch die administrative Komplexität sei eine komplett andere Dimension.
Deshalb betont er, dass es sinnvoll sei, von Anfang an mit Profis wie Treuhändern und Planern zusammenzuarbeiten. «Man sollte diese Kosten nicht scheuen», sagt er. Denn die Effizienz sei letztendlich viel höher. «Es ist ein klassischer Fehler, sich in Details zu verstricken und den Blick aufs Ganze zu verlieren.» Der Vorstand müsse sich um Strategien kümmern, die Planer um die operative Umsetzung. Diese Struktur sollte gleich zu Beginn aufgebaut werden.
Er gibt ein Beispiel: «Ich habe mich davon überzeugen lassen, dass es im Pumpwerk zwei Druckschlagdämpfer braucht.» Anfangs hätte er die Investition für unnötig befunden ‒ doch nun, da die Anlage tadellos laufe, sei er heilfroh, habe er sich auf den Rat der Spezialisten verlassen.

«Die Anlage sichert nun unsere Erträge», ist er überzeugt. Sie sei entscheidend für all die Landwirtschaftsunternehmen: «Wenn ich meine Zuckerrüben bewässern kann, hole ich den Aufwand mit dem Ertrag wieder rein.» Auch helfe Wasser, klug eingesetzt, dass Pflanzenschutzmittel und Dünger die volle Wirkung entfalten könnten: «Nach dem Säen bewässere ich den Spinat, bringe das Pflanzenschutzmittel aus und wässere nochmals. Dann entfaltet es die volle Wirksamkeit», spricht er aus Erfahrung.
Die Mitglieder der Genossenschaft setzen vor allem Rollomaten ein. Richtig eingesetzt seien diese effizient und verursachten keine Abdrift, sagt Sätteli. Es gelten klare Regeln, zum Beispiel, dass sie nicht über Mittag und nur bei Windstille zum Einsatz kommen. «Tropfbewässerung ist genial, aber anspruchsvoll, technisch aufwendig und nicht in jeder Situation praxistauglich. Zudem ist der Abfall der Bewässerungsschläuche nicht zu unterschätzen», gibt Sätteli zu bedenken.
Die Anlage hilft den Mitgliedern, ihre unternehmerische Freiheit zu nutzen ‒ das haben Sätteli und seine BGB-Mitglieder in den letzten Jahren immer wieder betont. Nun läuft das Generationenprojekt, mindestens für die nächsten 20 Jahre ist die Bewässerung im Bibertal gesichert.
Das kostet die Bewässerung im Bibertal
Wer Mitglied bei der Bewässerungsgenossenschaft Bibertal ist, hat sich am Projekt beteiligt, im Durchschnitt mit 100 000 Franken. Dazu kommen die Kosten für den Unterhalt oder allenfalls für einen Neubau der Leitungen des privaten Bewässerungsnetzes.
Jährlich wiederkehrende Kosten sind:
- Jährliche Nutzungsgebühr von Fr. 500.– pro Betrieb für Verwaltung.
- Individuelle Kosten für Wasserbezug, Fr. 550.–/1000 m³ ab einer Gesamtauslastung von mehr als 350 000 Kubik pro Jahr.

