Seit Wochen beschäftigt ein rätselhaftes Krankheitsgeschehen die Milchviehbetriebe der Schweiz: Kühe mit plötzlichem Durchfall, Fieber und teils massivem Milchrückgang, in Einzelfällen mit Todesfällen.
Zuerst waren nur einzelne Höfe in den Kantonen Bern und Luzern betroffen, mittlerweile ist die Welle in weiten Teilen des Landes angekommen. Eine eindeutige Ursache hat die Veterinärmedizin bis heute nicht liefern können – und diese Woche zeigt sich: Das Geschehen ist nicht mehr «nur» ein Tiergesundheitsproblem, sondern reicht mit einbrechenden Milchmengen und einer hitzigen Preisdebatte längst bis in die Wirtschaftlichkeit der ganzen Branche.
Im Verdacht steht seit Beginn das bovine Coronavirus – ein Erreger, der sonst vor allem im Winter für Durchfälle sorgt. Doch die Fachleute sind zurückhaltend: In den meisten untersuchten Fällen liess sich das Virus gar nicht nachweisen. Auch auf Rotaviren wurde untersucht, und neu ist auch das Schmallenberg-Virus Thema.
Hitzestress oder Viren?
Während Tierhalter sicher sind, dass Viren zumindest Auslöser der Krankheitsgeschichte sein müssen, geht man auf der Seite der Tierärzte eher von Hitzestress aus. Bei extremer Hitze konzentriert sich die Durchblutung der Kuh auf die Haut, um Wärme abzugeben – der Magen-Darm-Trakt wird dadurch schlechter versorgt, die Darmwand durchlässiger.
Fachleute sprechen vom «Leaky-Gut-Syndrom»: Über die geschwächte Darmwand können Keime und Giftstoffe leichter in den Körper gelangen, das Immunsystem gerät unter Druck – und Erreger, die eine gesunde Kuh locker wegstecken würde, wie eben Viren, können plötzlich zuschlagen.
Hunderte Liter im Tank weniger
Auf Anfrage der BauernZeitung bestätigt sich: Bei den allermeisten Betrieben in der Talzone ist die Milchmenge eingebrochen. Bei einzelnen Höfen fehlen täglich mehrere hundert Liter im Tank. Das spüren mittlerweile auch die grossen Verarbeiter.
Bei der Mooh-Genossenschaft sind die Zahlen schwarz auf weiss. «Aktuell liegen unsere Einlieferungen bei der ÖLN-Silomilch bei minus 8 Prozent im Vergleich zur Vorjahreswoche», sagt Geschäftsführer René Schwager gegenüber der BauernZeitung. «Der Einbruch kam vor etwa drei Wochen mit der Sommerhitze. Die Rückgänge sind regional unterschiedlich – das Mittelland scheint aktuell vom Rückgang am stärksten betroffen.»
Auch Emmi bestätigt auf Anfrage: «Wir stellen fest, dass auf einigen Bauernhöfen die Milchmengen zurückgehen. Dies ist derzeit mit Schwerpunkt in der Westschweiz und im Mittelland ein relevantes Thema. In anderen Regionen hingegen zeigt sich dieser Effekt weniger.»
«Der Einbruch kam vor etwa drei Wochen mit der Sommerhitze.»
René Schwager, Mooh-Geschäftsführer zu den Milcheinlieferungen.
Man verzeichne bei einigen, aber nicht allen Milchlieferanten Mengenrückgänge. Die Gesamtmenge, die bei Emmi angeliefert werde, liege derzeit zwar unter dem Durchschnitt der letzten Jahre, «aber in einer Dimension, mit der wir gut umgehen können», so das Unternehmen. Ein gewisser Rückgang der Milchmenge im späteren Frühjahr bis in den Sommer hinein sei normal und eingeplant, weil zahlreiche Kühe auf die Alp ziehen.
«In diesem Jahr ist der Effekt aber stärker als gewöhnlich», räumt Emmi ein. Man führe dies auf die lange anhaltenden hohen Temperaturen zurück – und darauf, dass dadurch offenbar vermehrt Krankheitsbilder auftreten, deren Ursache aber unklar bleibe. Dazu wolle man ausdrücklich nicht spekulieren, sondern auf Veterinärmediziner als verlässliche Quelle verweisen.
Für den einzelnen Betrieb sei der Rückgang «sicherlich eine deutliche Belastung». Auf die Gesamtmilchmenge, die Emmi angeliefert werde, wirke sich der Effekt aber noch nicht kritisch aus, da er nicht flächendeckend bei allen Kuhherden auftrete. Man beobachte die Entwicklung laufend und werde sich anpassen.
Stunden am Telefon verbracht
Nicht nur bei den Verarbeitern, auch bei den Verbänden schlägt das Thema derzeit zumindest zum Teil voll durch. Markus Kretz, Präsident des Luzerner Bauernverbandes, hat sich der Sache in den vergangenen Wochen intensiv angenommen.
Ähnlich beschreibt es Sabrina Schlegel, Präsidentin von Mittelland Milch: Sie habe in den letzten zwei Wochen unzählige Stunden am Telefon verbracht, um etwas in Gang zu geben. Beide berichten, dass auf den betroffenen Höfen neben den Milcheinbussen auch Kuhabgänge zu beklagen seien. Auch sie selbst sind betroffen.
Für viele Bauernfamilien ist die Situation eine grosse Belastung – wirtschaftlich wie emotional. Nationalrat Ernst Wandfluh (SVP, BE) spricht gegenüber der BauernZeitung von einer «unhaltbaren Situation für die Milchproduzenten».
Seine Argumentation ist zweigeteilt: Zum einen sei die wirtschaftliche Lage der Betriebe das Problem – viele müssen wegen der Trockenheit bereits jetzt zusätzliches Futter zukaufen, während gleichzeitig die Milchmenge und damit die Einnahmen einbrechen. Zum anderen gehe es um die Tiere selbst: Kranke, geschwächte und in Einzelfällen sterbende Kühe seien für die betroffenen Familien nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein emotionaler Verlust.
Wandfluhs Schluss aus dieser doppelten Belastung ist klar: Er fordert einen höheren Milchpreis, damit die Betriebe die zusätzlichen Kosten für Futter, Tierarzt und Hitzeschutzmassnahmen überhaupt auffangen können – zu einem Zeitpunkt, an dem viele Produzent(innen) ohnehin schon mit sinkenden Erträgen kämpfen.
Die Forderung trifft auf eine Branche, die schon vor der Krankheitswelle unter Druck stand. Die BauernZeitung hat bei den Schweizer Milchproduzenten (SMP) nachgefragt, wie stark sich die aktuelle Lage bereits in den Zahlen niederschlägt – und ob nun Bewegung in die Preise kommt.
Effekte überlagern sich
«Ja, wir hören von unseren Produzentinnen und Produzenten, dass sich die Krankheitswelle auf die Milchmengen auswirkt», schreibt SMP-Kommunikations-Chefin Christa Brügger, auf Anfrage. «Beziffern lassen sich die Auswirkungen allerdings Stand heute nicht. Die Effekte von Hitze, Trockenheit, Futterknappheit und Erkrankungen überlagern sich und können auf Basis der aktuell verfügbaren Daten nicht voneinander getrennt werden.»
Die SMP bringt auf den Punkt, was auch die Stimmen aus dem Stall in diesem Artikel zeigen: «Für viele Produzentinnen und Produzenten ist die tägliche Arbeit derzeit ausserordentlich belastend. Tiefe Milchpreise, Hitzestress, kranke Tiere und fehlendes Futter treffen zusammen. Diese Kumulation bringt zahlreiche Betriebe an ihre Grenzen und gefährdet wirtschaftliche Existenzen. Das bereitet uns grosse Sorgen.»
Die aktuelle Lage sei deshalb mehr als eine kurzfristige Belastung: «Sie gefährdet auf Dauer eine flächendeckende Milchproduktion in der Schweiz. Nun braucht es rasch konkrete Lösungen, um die Widerstandsfähigkeit der Milchproduktion gegenüber solchen Krisen zu stärken.»
Wer überwacht eigentlich?
Viele Bäuerinnen und Bauern berichten, sie spürten von Bund und Kantonen bisher wenig Reaktion auf die Krankheitswelle. Die SMP stellen dazu klar: «Die fachliche Abklärung und das Monitoring von Tierkrankheiten liegen in erster Linie bei den zuständigen Behörden und Ämtern, insbesondere bei den kantonalen Veterinärämtern, dem BLV und bei Rindergesundheit Schweiz.»
Man selbst beobachte die Entwicklung eng, bündle Rückmeldungen aus der Praxis und bringe die Anliegen der Milchproduzentinnen und Milchproduzenten bei den zuständigen Stellen ein. «Für Diagnose, Ursachenklärung und konkrete Behandlungsempfehlungen müssen wir uns jedoch auf die Einschätzungen der Fachleute stützen.»
Der A-Richtpreis wurde im Februar um 4 Rappen auf 78 Rappen pro Kilogramm gesenkt und ist seither eingefroren; ausbezahlt erhalten einzelne Milchproduzenten teils deutlich unter 50 Rappen. Angesichts der Häufung von Problemen werden die Stimmen, die einen höheren Preis fordern, lauter – nicht nur jene von Ernst Wandfluh.
«Wir verstehen diese Forderung sehr gut», schreiben die SMP dazu. «Tiefe Milchpreise treffen die Betriebe in einer Phase, in der gleichzeitig Futterzukäufe, Hitzestress und Erkrankungen zusätzliche Kosten und Ertragseinbussen verursachen. Besonders schmerzhaft ist, dass Betriebe wegen des Futtermangels Tiere abgeben oder schlachten lassen müssen. Für zahlreiche Familien ist die Situation inzwischen existenziell.»
In Aussicht gestellt wird eine Preiserhöhung aber nur unter Bedingungen: «Wenn sich die Produktionsrückgänge akzentuieren und die momentan noch hohen Lagerbestände zurückgehen, werden wir uns natürlich für eine Erhöhung einsetzen.» Eine Prognose bis Ende Jahr abzugeben, sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich.
Alpgebiete auch unter Druck
Die Trockenheit setzt nicht nur den Betrieben im Tal zu, sondern zunehmend auch den Alpen. Hier scheinen zumindest die Kühe keine schweren Krankheitsbilder zu zeigen. Der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband (SAV) hat diese Woche in einer Mitteilung darauf hingewiesen, dass wegen der anhaltenden Trockenheit und des ausbleibenden zweiten Grasaufwuchses vielerorts Wasser und Futter auf den Alpen knapp werden.
Kantone können deshalb gestützt auf die Direktzahlungsverordnung Ausnahmen bewilligen, etwa vorzeitige Alpabfahrten oder eine Zusatzfütterung, ohne dass dies zu Kürzungen bei den Direktzahlungen führt.
«Hier sind die Hänge rot», sagt Hanspeter Brunner, Vizepräsident von IP-Suisse und Landwirt in Valendas GR, am Telefon. Die Kühe seien zurzeit auf dem Berg, aber auf dem Talbetrieb in Valendas wachse aktuell nichts – «nachhaltig nichts», so Brunner mit besorgtem Blick aufs Winterfutter.
Auch im Berner Oberland zeigt sich bei einem Augenschein der BauernZeitung Ende Juli ein zweigeteiltes Bild: Vielerorts ist es dort noch grüner als im Tal, gleichzeitig aber spürbar trockener als in anderen Jahren. Ganz wenige Betriebe könnten von einem trockenen Jahr profitieren, die meisten aber nicht, ist Ernst Wandfluh sicher.
Drei Betriebe, drei Verläufe
Wie unterschiedlich die Krankheit im Detail verläuft, zeigt sich, wenn man bei einzelnen Betrieben nachfragt. In Alterswil FR etwa ging es bei Christoph Overney letzte Woche los im Stall: Durchfall und Milchrückgang, wobei die Kühe immerhin noch gut frassen. Auch zwei Kälber waren betroffen, mit Durchfall, aber ohne Fieber.
Trotzdem zog Overney bei einer Kuh den Tierarzt bei – der tippte auf Blauzunge Typ 8, eine von Gnitzen übertragene Viruskrankheit bei Wiederkäuern. Mittlerweile habe sich die Lage entspannt: Diese Woche gehe es den Kühen merklich besser, auch die Milchleistung ziehe wieder an, berichtet Overney. Dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte, zeigt der Blick zu den Nachbarn: Auch Berufskollegen rund um Alterswil hatten dasselbe Problem im Stall, und zwar bei allen Kühen, nicht nur bei den Hochleistungstieren.
Ganz anders liest sich die Lage, wenn man beim Freiburger Bauernverband nachfragt. Dessen Präsident Adrian Brügger gibt Entwarnung – zumindest vorläufig: Die Situation im Kanton Freiburg sei derzeit noch überschaubar. Vom Hörensagen wisse er zwar, dass einzelne Betriebe betroffen seien, Meldungen verzweifelter Landwirtinnen und Landwirte seien beim Verband bislang aber keine eingegangen. Man behalte die Situation dennoch im Auge.
Im solothurnischen Bettlach schildert Christian Walker einen schwereren Verlauf: Bei ihm hatten fast alle Kühe Fieber und büssten spürbar an Milchleistung ein. Den meisten Tieren ging es nach rund einer Woche schon wieder besser – bei einigen besonders leistungsstarken Kühen zog sich der Krankheitsverlauf jedoch über drei bis vier Wochen hin.
Für eine Kuh musste Walker den Tierarzt beiziehen, der allerdings kaum etwas ausrichten konnte, ausser abzuwarten, bis es vorübergeht. Schlachten musste Walker bislang aber keine seiner Kühe.
Ostschweiz bleibt nicht verschont
Die Ostschweiz ist bisher weniger stark betroffen als die Zentralschweiz oder Regionen weiter westlich. Doch auch dort ist die Krankheit angekommen, etwa im Kanton Zürich. Für Selina Hug, Beraterin Tierhaltung und Milchwirtschaft am Strickhof in Lindau ZH, ist der Fall klar: Das bovine Coronavirus sei nicht der primäre Auslöser, in vielen Fällen fehle der Nachweis.
«Man weiss aus der Literatur, dass Hitzeperioden verzögerte Auswirkungen auf die Gesundheit von Kühen haben», sagt Hug und weist darauf hin, dass sich die Durchblutung bei Hitzestress vermehrt auf die Haut konzentriert, um Kühlung zu begünstigen. Die Verdauungsorgane seien in dieser Zeit schlechter durchblutet, weswegen das Immunsystem geschwächt werde, ähnlich wie beim «Leaky-Gut-Syndrom». Daher ergäben auch die Durchfälle Sinn, so die Beraterin.

