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Mehr Anerkennung für das politische Engagement der Jungen

Hat die Landwirtschaft ein Nachwuchsproblem in Politik und Verbänden? Stefanie Giger, Redaktionsleiterin Ostschweiz, geht der Frage auf den Grund, woran es liegt, dass das Interesse der Jungen, sich in Politik und Verbänden zu engagieren, tief ist.

Am 15. Mai 2022 wählte der Kanton Graubünden ein neues Kantonsparlament. Wir stellten die Kandidierenden im Regionalteil Ostschweiz und Zürich in einer Übersicht mit Foto vor. Dabei fiel mir auf, dass der Anteil junger Landwirte und Landwirtinnen (zwischen 20 und 30 Jahren), die in die Politik wollen, tief ist. Das gleiche Bild ergab sich bei den Glarner Kantonsratswahlen, die ebenfalls am 15. Mai stattfanden.

Das Schweizer Milizsystem kränkelt

Aber woran liegt es, dass das Interesse der Jungen, sich in Politik und Verbänden zu engagieren, tief ist? Ich stiess kürzlich auf einen Artikel des Dachverbands der Schweizer Jugendparlamente (DSJ), der dieser Frage auf den Grund ging und das Phänomen, so scheint mir, ziemlich treffend auf den Punkt brachte.

Die Autoren, Fabio Peter und Jasmin Odermatt, sehen die Ursache des fehlenden Nachwuchses in den Milizämtern sowie der Untervertretung von Frauen und jungen Erwachsenen in einem «kränkelnden Schweizer Milizsystem». Das Schweizer Milizsystem stecke in einer Krise, schlussfolgern sie.

Als Gründe nennen die beiden Autoren die sinkende politische Partizipation, ein immer kleiner werdender Gestaltungsspielraum, fehlende Anerkennung für die Arbeit sowie das Verschwinden von lokalen und regionalen Medien. Der Artikel wurde im Jahr 2019 verfasst, hat aber an Aktualität nichts eingebüsst.

Bundesrat sieht die Gemeinden in der Pflicht

In der nationalen Politik ist das Thema ebenfalls angekommen. Es gab einige Interpellationen und Vorstösse dazu. So forderte SP-Nationalrätin Nadine Masshardt 2019 in einem Postulat «Massnahmen für ein zukunftsfähiges Milizsystem». Der Bundesrat sieht die Verantwortung bei den Gemeinden. Diese seien näher bei der Bevölkerung und besser in der Lage, geeignete Massnahmen zu finden. Das Postulat wurde im März 2021 abgeschrieben.

Im Dezember 2021 publizierten die Universität Bern und der DSJ die Studie «Das Engagement junger Menschen in politischen Organisationen». Auf die Studie und deren Ergebnisse einzugehen, würde den Rahmen dieser Analyse sprengen.

Die Autoren kommen jedenfalls zum Schluss, dass es konkrete und einfache Massnahmen gibt, damit sich junge Erwachsene freiwillig oder ehrenamtlich politisch engagieren. Ein Punkt ist, dass das politische Engagement von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Vergleich zu ihren erwachsenen Kolleg(innen) als gleichwertige Arbeit anerkennt werden muss.

Schweizer Junglandwirt(innen) sind durchaus aktiv

Zurück zum politischen Nachwuchs in der Landwirtschaft: Es ist ja nicht so, dass die Junglandwirt(innen) nicht aktiv wären – im Gegenteil. Das zeigen die zahlreichen Junglandwirte-Foren und -Höcks, die regelmässig landauf und landab stattfinden. An diesen Anlässen stehen die jungen Erwachsenen hin und tun ihre Meinung zu einem Thema kund. Doch befinden sich die Frauen und Männer an diesen Anlässen in einem «geschützten Umfeld». Die Zuhörer(innen) sind zum grössten Teil Gleichgesinnte, man kennt sich und muss sich keine Blösse geben.

Der Entscheid, für ein Amt zu kandidieren, egal ob es sich dabei um einen Verband oder die Politik handelt, ist ein grosser Schritt. Auch wenn die persönlichen Ansichten, für die Mann oder Frau einsteht, sich mit erfolgreicher Wahl nicht ändern, wird man plötzlich zu einer Person des öffentlichen Interesses. Man wird angreifbarer. Beleidigungen und Bedrohungen, oft anonym, gehören heute leider zum politischen Alltag dazu.

Die Jungen sind das Aushängeschild der Landwirtschaft

Es gibt zum Glück auch eine Schokoladenseite des exponierten Politikerlebens: Man lernt neue Menschen kennen und kann das persönliche Netzwerk erweitern. Wer sich in Verbänden und Politik engagiert, kann etwas bewegen in diesem Land. Das stärkt die Verbände und die gesamte Landwirtschaft. Ein Landwirt richtete letzthin bei seiner Verabschiedung als langjähriges Vorstandsmitglied folgenden Appell an die Jungen: «Es wird viel bestimmt in diesem Land. Engagiert euch in Verbänden und in der Politik, damit ihr mitbestimmen könnt.»

Die jungen Landwirtinnen und Landwirte sind das Aushängeschild der Landwirtschaft. Sie sind authentisch, innovativ und zeigen als frische Kräfte auf, warum es eine produzierende Landwirtschaft braucht. Ich bin überzeugt, dass das Potenzial der jungen Generation, geeigneten Nachwuchs für das Schweizer Milizsystem zu stellen, gross ist. Es braucht halt einfach eine gehörige Portion Selbstvertrauen für diesen Schritt.

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