«Vergangenen Freitag sind hier nur etwa 18 mm Regen gefallen», berichtet Andreas Gass. Das war der erste Regen seit ein paar Wochen. Der Boden ist nach wie vor staubtrocken.
Wenslingen im Kanton Baselland besitzt keine eigene Wasserquelle und ist abhängig von der Versorgung aus der Nachbargemeinde Oltingen, berichtet der Landwirt, der seit zehn Jahren auch Gemeindepräsident von Wenslingen ist. Oltingen liegt in einer Talsenke, dort sammelt sich das Grundwasser, womit neben Wenslingen noch zwei weitere Dörfer gespeist werden. In den vergangenen Jahren hatte die Gemeinde zwar noch mehr als genug Wasser, so Andreas Gass, aber «wenn ich in die Zukunft blicke, wird mir bange». Denn die Höhe des Grundwasserspiegels ist abhängig vom Aarestand. «Wird die Quelle einmal mit den zunehmenden Wetterextremen Hitze und Trockenheit versiegen, haben wir ein Problem», ist sich Gass bewusst.
Deshalb wurde er umso mehr hellhörig, als er vom Projekt «Slow Water» des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung in Sissach hörte. Dieses hat zum Ziel, das Regenwasser mit sogenannten Retentionsmassnahmen wie zum Beispiel natürlichen Rückhaltebecken möglichst lang zu speichern. Damit soll die landwirtschaftliche Produktion sowie die Wasserversorgung der Gemeinde sichergestellt werden.

Landwirtschaft Hand in Hand mit der Gemeinde
Andreas Gass setzte sich damals mit dem Projektverantwortlichen und Leiter des Ebenrain-Zentrums Lukas Kilcher in Kontakt: «Wir sind froh, dass selbst die Gemeinden weitsichtig in die Zukunft blicken und nicht erst reagieren, sobald die Krise da ist», sagt Kilcher. Wie Andreas Gass ist auch die Gemeinde Hergiswil im Kanton Luzern auf Kilcher zugetreten. «Wir haben 2021 am Swiss Water Climate Forum Bronze mit unserem Projekt geholt. Dort war Landwirt und Gemeindepräsident von Hergiswil Urs Kiener vor Ort. Auch er ist daran interessiert, das Problem der Wasserversorgung anzugehen», führt Kilcher aus.
«Ich als Landwirt bin direkt konfrontiert mit den Herausforderungen, die uns die Klimaerwärmung mitbringt. Auch als Gemeinde haben wir eine gewisse Verantwortung. Gemeinsam mit verschiedenen Entscheidungsträgern, Interessierten und der Bevölkerung müssen wir uns mit dem Wasserhaushalt in Zukunft noch viel mehr auseinandersetzen. Es ist der Anfang eines Problems, das wir nun gemeinsam angehen müssen», appelliert Urs Kiener.

Bis zu 20 Prozent weniger Bodenfeuchte
Denn auch in diesem Jahr lassen uns Trockenheit und Hitze spüren, dass wir Wasser nicht mehr als Selbstverständlichkeit ansehen dürfen. «Wir müssen uns damit abfinden, dass das Wasserschloss Schweiz zum Wasserhüsli wird», ist sich Kilcher bewusst. Während der 1980er-Jahre betrug die Bilanz aus Niederschlägen minus Verdunstung noch 50 l/m2 in einem durchschnittlichen Sommerhalbjahr.
Im letzten Jahrzehnt kippte die Bilanz auf minus 100 l/m2 deutlich ins Negative. Dementsprechend nahm auch die Bodenfeuchte im Mittelland in den letzten 40 Jahren um 5 bis 20 Prozent ab. Das kann so weit gehen, dass die Bewässerung eingeschränkt oder rationiert werden muss, wie das bereits Länder des Südens kennen. Das kann gemäss Kilcher der Schweiz künftig auch blühen.
Es ist höchste Zeit zu reagieren
Für viele Landwirtschaftsbetriebe wird die Wasserversorgung zu einer grossen Herausforderung, sei es für die Pflanzenproduktion oder für die Tierhaltung. Zudem wird das Wasser in den Gemeinden während der Sommermonate zunehmend knapp. «Es ist also allerhöchste Zeit, dass wir Massnahmen zur Wasserrückhaltung umsetzen», resümiert Kilcher.
Das Projekt «Slow Water» würde genau dort ansetzen: In zwei Pilotregionen – im trockenen Oberbaselbiet und im niederschlagsreicheren Luzern-West – werden betriebsindividuelle, einzugsgebietsbezogene Retentionsstrategien in Zusammenarbeit mit Gemeinden und deren Landwirtinnen und Landwirten entwickelt und auf ihre Wirkung überprüft.
Traditionelle und neue Massnahmen
Als Retentionsmassnahmen sind sowohl traditionelle wie auch neue Methoden der Wasserspeicherung vorgesehen. «Einige Methoden stammen aus dem Mittelmeerraum, der bereits seit Jahrzehnten Erfahrung mit Retentionsmassnahmen machen konnte. Davon wollen wir profitieren», sagt Lukas Kilcher.
Traditionelle Methoden sind beispielweise:
- Humusaufbau mit betriebsindividuellen Humusaufbaustrategien
- Untersaaten, Einsaaten, Begrünung, Mulchen
- Pflanzen der Kulturen sowie Brachestreifen, Hecken entlang von Höhenlinien

Zu den neuen Methoden gehören:
- Teiche und Versickerungsmulden für Regenversickerung ins Grundwasser (siehe Bild)

- Mäandrierende Kanäle
- Ausdohlen von Bächen (siehe Bild)

- Geröllsperren und Terrassen gegen Erosion
- Tiefenlockerung entlang von Höhenlinien
- Mulden-Rigolensysteme
- Agroforst – hält das Wasser im Boden zurück, was umliegenden Kulturen zugutekommt
- Drainagesysteme mit Schiebern, die den Wasserabfluss stoppen
- Minimierung der Bodenversiegelung und Entsiegelung
«Ziel ist es, mit solchen Retentionsmassnahmen wertvolles Regenwasser möglichst direkt in den Boden zu leiten und im nahen Grundwasser zu halten, Erträge bei Trockenheit zu sichern und Erosion bei plötzlichen Starkniederschlägen zu vermeiden. Beides erleben wir diesen Sommer ja sehr eindrücklich», so Lukas Kilcher. Auch die Gemeinden sollen davon profitieren, indem auch hier die Wasserversorgung sichergestellt wird.
Erhoffte Aufnahme in die Agrarpolitik
Zusammen mit dem kantonalen Amt für Landwirtschaft und Wald (Lawa) in Luzern, der Seecon (nimmt Modellierungen und Kosten-Nutzen-Rechnungen vor) sowie der GWF (misst Effekte der Retentionsmassnahmen) wird das Projekt auf die Beine gestellt. Auch sind der Luzerner Bauernverband und der Bauernverband beider Basel involviert. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Universität Basel.
Aktuell befindet sich das Ressourcenprojekt in der Vorabklärung: «Wir wollen dem Bundesamt für Landwirtschaft nun einen Strategieplan mit allen infrage kommenden Massnahmen vorlegen und Landwirte finden, die pioniermässig traditionelle und neue Massnahmen für die Wasserspeicherung auf ihrem Betrieb umsetzen möchten. Für die Erarbeitung des Detailprojekts haben wir ein Jahr und 80'000 Franken von Bund, den beiden Kantonen und den 17 Gemeinden in den beiden Pilotregionen zur Verfügung», führt Kilcher aus. Danach geht das Ressourcenprojekt in eine 6-jährige Umsetzungsphase über. Werden die Massnahmen danach für tauglich befunden, können diese gesamtschweizerisch in die Agrarpolitik aufgenommen werden. «Wir müssen uns jetzt intensiv mit der Wasserretention befassen und dürfen keine wertvolle Zeit verlieren, denn wir müssen noch viel lernen», beteuert Kilcher.
Anmeldung für das Projekt
Produzenten, die Interesse an der Umsetzung der Retentionsmassnahmen auf ihrem Betrieb haben, können sich gerne an Sereina Grieder (Ebenrain Baselland: 061 552 21 40) oder Thomas Meyer (Lawa Luzern: 041 349 74 31) wenden. «Wir nehmen alle Produzenten aus den Gemeinden der beiden Pilotregionen auf. Es haben sich auch schon Produzenten ausserhalb der beiden Regionen gemeldet – wir können gerne unser Wissen mit ihnen teilen und ihre Erfahrungen mit aufnehmen, aber wir können keine finanzielle Unterstützung leisten während des Ressourcenprojekts. Danach hingegen schon», hofft Kilcher.

