Der Landkonflikt ennet der Schaffhauser Grenze

Weil Schweizer Bauern höhere Pachtzinse bezahlen, bangen deutsche Bauern um ihre Existenzen. Ein betroffener deutscher Landwirt erzählt, was das für ihn und seine Familie bedeutet.

Im Kanton Schaffhausen sind 151 der 185 Kilometer langen Kantonsgrenze Landesgrenze zu Deutschland. Von den gesamthaft 16'422 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche liegen 3253 ha auf deutschem Gebiet, was einem Anteil von knapp 20 Prozent entspricht. Rund 40 Prozent der Schaffhauser Bauern und Bäuerinnen bewirtschaften Felder in Deutschland. Das ist durchaus legitim, sorgt aber bei den deutschen Berufs­kolleg(innen) für Existenzangst.

Schweizer haben wirtschaftliche Vorteile

Schweizer Bauern bekommen höhere Direktzahlungen, dürfen ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse zollfrei einführen und zu einem deutlich höheren Ertrag vermarkten. Zudem können Schweizer Landwirt(innen) auch EU-Flächenprämien beantragen, die für deutsche Bauern von existenzieller Bedeutung sind. Beim Erwerb oder der Pacht von deutschen Grundstücken zahlen Schweizer(innen) höhere Preise als deutsche Bauern, die durch den Verlust durch Bauland und Ausgleichsflächen weitere Flächen verlieren.

Der Landkonflikt ennet der Schaffhauser Grenze
Es ist nichts ungewöhnliches, wenn Schaffhauser Bauern die grüne Grenze passieren und in Deutschland Land bewirtschaften. (Bild gün)

Ein Abkommen aus dem Jahr 1958 erlaubt den Bauern und Bäuerinnen beider Länder, Erzeugnisse aus einem zehn Kilometer breiten Korridor entlang der Landesgrenze zollfrei in ihr Heimatland einzuführen und dort zu vermarkten. Wegen des Preisgefälles lohnt sich das für deutsche Bauern allerdings schon lange nicht mehr. Markus Leumann, Leiter des Landwirtschaftsamts Schaffhausen, erklärt, dass landwirtschaftliche Flächen, die seit dem 1.1.1984 ununterbrochen in Schweizer Hand waren, zum ­Bezug von Schweizer Direktzahlungen berechtigt seien.

Für ­später erworbenes Land in Deutschland gibt es zwar keine Schweizer Direktzahlungen mehr, über Fiona (Flächeninformation und Online Antrag) können aber europäische Direktzahlungen beantragt werden. Einige Verpflichtungen betreffen auch die Hofstelle, die in der Schweiz nicht kontrolliert werden kann und den Schweizer Grenzbauern einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Bauern in Deutschland und auch den Berufskolleg(innen) in der Innerschweiz verschaffen.

150 ha Land reichen nicht zum Überleben

Der Landwirt Stefan Leichenauer aus dem Tengener Teilort Uttenhofen DE wurde kürzlich zum Deutschen Ackerbauer des Jahres 2020 ausgezeichnet. Im Jahr 2007 übernahm er den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb mit 175 Hektaren Land und einem Anbindestall mit 40 Kühen und der Nachzucht. Er verlor seither 25 Hektaren Pachtland an Schaffhauser Bauern. «Schweizer zahlen bei uns den doppelten Pacht, da konnte ich nicht mithalten», sagt der Bauer, der in Waldshut schon gegen die Landnahme der Schweizer Bauern demonstrierte. «Normalerweise dürften die Schweizer nur zum ortsüblichen Preis Land pachten», ergänzt er.

Für Futterweizen aus den kargen und steinigen Äckern des Randens bekommt Leichenauer 17 Euro pro 100 Kilogramm, die Schweizer Produzent(innen) das Doppelte, beim Dinkel sogar das Dreifache. Schweizer Bauern und Bäuerinnen zahlen pro ha bis 500 Euro Pacht und bekommen von der EU 300 Euro Subventionen, wenn die deutschen Vorgaben auf der Fläche erfüllt werden. Zudem können Produktionsmittel zum günstigeren Preis in Deutschland eingekauft werden.

Der Landkonflikt ennet der Schaffhauser Grenze
Die deutsche Familie Leichenauer bewirtschaftet auf dem Randen 145 Hektaren Land. Es reicht aber kaum zum Überleben. (Bild gün)

«Bauern werden von der Politik aufgehetzt»

Nach einem EU-Gerichtsurteil ist der Schweizer dem deutschen Bauern gleichgestellt. «Ein Ansatzpunkt wären die Verhandlungen über ein neues Rahmenabkommen mit der EU gewesen, das der Schweizer Bundesrat kürzlich beendet hat», sagt Stefan Leichenauer. Er betont, dass Schweizer und deutsche Bauern nichts gegeneinander haben und den Zwist der Politiker(innen) ausbaden müssen. «Es ist anscheinend ­alles legal und zum Wohle der Politiker wird eine Berufsgruppe gegeneinander aufgehetzt», schimpft Leichenauer.

Dennoch ist er stolz, dass sein 14-jähriger Sohn Moritz einmal in seine Fussstapfen treten will. Er hat ihm jedoch geraten, sich eine andere berufliche Grundlage zu schaffen, weil der 145 ha grosse Hof keine zwei Haushalte ernähren kann. Seine Frau Nicole arbeitet als Arzthelferin mit 50 Stellenprozent und bäckt Bauernbrot, das frisch ab Hof verkauft wird. Leichenauer ist noch stundenweise in einer Sägerei und als Chauffeur auf dem Bau tätig. Zudem besorgt er den Winterdienst im Dorf. Von der Landwirtschaft allein können sie nicht leben.

Schaffhauser Bauernverbandspräsident hat Verständnis

Der Landkonflikt ennet der Schaffhauser Grenze

Die Redaktion hat beim Schaffhauser Bauernverbandspräsidenten Christoph Graf um eine Stellungnahme zum Thema Landübernahme gebeten.

BauernZeitung: Warum machen Schaffhauser Bauern ihre Wachstumsschritte über die Landesgrenze hinweg?Christoph Graf: Weil der nördlichste Zipfel der Schweiz durch die Landesgrenze sehr eingeengt ist und es von daher sehr schwierig ist, den Betrieb zu vergrössern. Einige Bauern sind aber auch durch Heirat oder Erbe zu Flächen in Deutschland gekommen. Zudem werden in Schweizer Zeitungen und auf Flugblättern immer wieder deutsche Flächen angeboten. Bei der Bewirtschaftung von Landwirtschaftsflächen in Deutschland müssen Schweizer Bauern allerdings darauf achten, dass sie den ökologischen Leistungsnachweis der Schweiz und die EU-Vorgaben einhalten.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich deutsche Bauern darüber ärgern, dass ihre Schweizer Berufskollegen immer mehr Flächen in Deutschland bewirtschaften?

Ja, ich habe volles Verständnis für diesen Ärger und kann ihn nachvollziehen. Allerdings ist es so, dass ein Vertrag immer zwei Unterschriften hat. Es liegt also nicht nur an den Schweizer Landwirten, sondern auch an den deutschen Verpächtern.

Interview (schriftl.) gün/sgi