Sie lag ganz oben auf jenem Stapel, der in jeder Redaktion existiert und nie kleiner wird: die Ablage «noch genauer lesen». Eine 47-seitige ETH-Studie aus dem Jahr 2000, dazu eine 143-seitige Botschaft des Bundesrates von 2002 – Material, das sich schnell überfliegen, aber nicht schnell verstehen lässt. Erst jetzt wird aus dem Aktenstapel eine Geschichte.
Studie mit brisantem Ergebnis
Manchmal liegt die Zukunft eben schon zwanzig Jahre in der Schublade. Im August 2000 legte eine Gruppe von Agrarökonomen des Instituts für Agrarwirtschaft der ETH Zürich unter der Leitung von Professor Bernard Lehmann dem Bundesamt für Landwirtschaft eine Vorstudie vor. Mitgearbeitet haben unter anderen auch der heutige Geschäftsführer der IP-Suisse Christophe Eggenschwiler und Hans Peter Wolf, CEO der Handelsorganisation ASF. Der Auftrag: abschätzen, was passiert, wenn die Schweiz ihre Milchkontingentierung lockert oder ganz aufhebt. Das Ergebnis war alles andere als nüchtern – es war eine ziemlich genaue Karte der Krise, in der die Schweizer Milchwirtschaft heute steckt.
Elf Jahre später wurde Bernard Lehmann selbst Direktor jenes Amtes, das seine Studie einst in Auftrag gegeben hatte. Vom 1. Juli 2011 an sass er auf der anderen Seite des Schreibtischs und musste sich fragen lassen, was er mit seinen eigenen Erkenntnissen anfange.
Umkämpfte Kontingentierung
Die Kontingentierung, um die es in der Studie ging, war von Anfang an umkämpft. Der Bundesrat führte sie am 1. Mai 1977 per dringlichem Bundesbeschluss ein – am ordentlichen Gesetzgebungsverfahren vorbei, weil ihm die Zeit davonlief. Bäuerliche Oppositionsgruppen ergriffen dagegen das Referendum, letztlich erfolglos: Am 3. Dezember 1978 nahm das Schweizer Volk die Milchkontingentierung mit 68,5 Prozent Ja-Stimmen an der Urne an. Anders als bei ihrer Aufhebung 32 Jahre später, die allein das Parlament beschloss, war es bei ihrer Einführung also die Bevölkerung selbst, die das letzte Wort hatte.
Kein ruhiges Jahr
Damit die Studie nicht im luftleeren Raum steht: Das Jahr 2000, in dem sie entstand, war für die Schweizer Landwirtschaft alles andere als ein Jahr wie jedes andere. Es war das erste volle Jahr unter dem neuen Landwirtschaftsgesetz, das die Agrarpolitik grundlegend umgebaut hatte – weg von staatlichen Preis- und Absatzgarantien und hin zu Direktzahlungen und mehr Markt.
Beim Brotgetreide zeigte sich das ganz direkt: Bis zur Ernte 1999 nahm der Bund eine garantierte Menge zu fixem Preis ab. Im Jahr 2000 zog er sich aus dem Getreidehandel zurück – der Preis fiel prompt. Auch bei der Milch war 1999 die Kontingentsübertragung zwischen Betrieben neu möglich geworden; schon im ersten Handelsjahr wechselten 386 Millionen Kilogramm Kontingent den Besitzer, gut 12 Prozent der gesamten Menge. Der Milchmarkt war also bereits in Bewegung, als die ETH-Forscher ihn 2000 durchrechneten – nicht erst 2009.
Fleischbranche in der Krise
Dazu kam, mitten im selben Jahr, eine handfeste Vertrauenskrise: BSE. Ende November 2000 wurde in Deutschland der erste einheimische Fall von Rinderwahnsinn bekannt, und die Panik schwappte über die Grenze. Der Schweizer Rindfleischkonsum war in den ersten neun Monaten 2000 bereits um 6,3 Prozent gesunken, beim Kalbfleisch sogar um 13,2 Prozent – gegen Jahresende, nach der deutschen Meldung, brachen die Verkäufe in einzelnen Regionen der Romandie um bis zu 25 Prozent ein.
Die Fleischbranche steckte damit in ihrer eigenen Krise, während die Milchbranche über den Ausstieg aus der Kontingentierung nachzudenken begann. Zwei Baustellen gleichzeitig, in einem einzigen Jahr – vor diesem Hintergrund entstand die Studie, von der dieser Artikel handelt.
Für ihre Berechnungen bildeten die ETH-Forscher zehn repräsentative Schweizer Betriebstypen – vom kleinen Bergbetrieb bis zum grossen Talackerbaubetrieb – und liessen ein mathematisches Modell durchspielen, wie diese Betriebe bei sinkendem Milchpreis und wegfallender Kontingentierung reagieren würden. Dazu kam eine Befragung von 2973 Landwirtinnen und Landwirten mit einer für Umfragen ungewöhnlich hohen Rücklaufquote von 54 Prozent. Das Resultat: acht Kernaussagen, die zusammengenommen ziemlich genau beschreiben, wohin die Reise geht.
Acht Prognosen, ein Vierteljahrhundert später
Enorme eingefrorene Produktivitätsreserven: Im Schnitt hätten die untersuchten Betriebe bei vollständiger Liberalisierung und einem Milchpreis von 80 Rappen die 2,5- bis 3-fache Menge ihres damaligen Kontingents gemolken. Hochgerechnet auf die ganze Schweiz: Die damals kontingentierte Menge von rund 31,2 Millionen Doppelzentnern hätte theoretisch auf rund 80 Millionen Doppelzentner steigen können. Eine Zahl, die selbst die Studienautoren als unrealistisch einstuften – weil dafür schweizweit nie beschaffbares Raufutter nötig wäre. Aber sie zeigt, wie viel Leistung in den Kühen und Ställen des Jahres 2000 einfach brachlag, eingesperrt von der Kontingentsgrenze.
Ein tieferer Preis, auch ohne Mengenexplosion: Differenzierter, als man erwarten würde. Bei vollständiger struktureller Anpassung aller Betriebe liesse sich die damals produzierte Menge bereits bei einem Milchpreis von 55 bis 60 Rappen erzeugen. Das ist keine Prognose einer Mengenflut, sondern ein Beleg für gewaltige Kostensenkungsreserven. Die Angebotselastizität – wie stark die Produktion auf Preisänderungen reagiert – lag im freigegebenen Szenario zwischen 2,6 und praktisch unendlich. Werte, von denen Agrarökonomen sonst nur träumen.
Die Mutterkuh als Fluchtweg: 37 Prozent der befragten Betriebe nannten die Mutterkuhhaltung als wichtigste Alternative für den Fall eines Ausstiegs aus der Milchproduktion, vor Ackerbau und Aufzucht. Bei einem Milchpreis zwischen 60 und 70 Rappen, so die Modellrechnung, würden die meisten Betriebe genau diesen Schritt tun.
Verlagerung von Berg nach Tal – zumindest auf dem Papier: In der vernetzten Betrachtung, in der die Forscher fünf Betriebstypen als Einkommensgemeinschaft durchrechneten, sinkt bei Liberalisierung die Rentabilität der Milchproduktion im Berggebiet. Im Modell spezialisieren sich die Bergbetriebe auf Mutterkuh- und Aufzuchttiere, die Talbetriebe auf Milch, Mutterkühe und Rindermast – eine verstärkte Arbeitsteilung zwischen den Zonen.
Kostendegression mit der Menge: Die Produktionskosten sinken mit steigender Milchmenge um 2 bis 3 Rappen je 10 000 Kilogramm zusätzlicher Milch, ein Effekt, der mit wachsender Menge abflacht. Um die Kosten um 25 Rappen je Kilo zu senken, hätte ein Betrieb im Schnitt rund 100 000 Kilogramm mehr produzieren müssen.
Die «25-bis-30-Rappen-Kostenlücke»: Damit die Schweizer Milchproduktion mit der EU mithalten könnte, müssten die Produktionskosten innerhalb von zehn Jahren um 25 bis 30 Rappen je Kilo sinken. Die konkreteste, griffigste – und wie sich zeigen würde, hartnäckigste – Zahl der ganzen Studie.
Kontingentsmiete lohnt sich – aber nicht für alle: Ein Betrieb mit 90 000 Kilogramm Grundkontingent, der 30 000 Kilogramm dazumietet, senkt seine Durchschnittskosten um 7,5 Rappen je Kilo. Die Studie rechnet aber vor: Rund die Hälfte des theoretisch möglichen Kostensenkungspotenzials fliesst dabei als Rente an die früheren Kontingentsinhaber ab. Ihr eigenes Fazit dazu ist unmissverständlich : Die Kontingentsübertragung sei «ein teurer Weg zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit».
Das Marktgleichgewicht: 3,6 Millionen Tonnen: Die Hauptstudie von 2001, die auf der Vorstudie aufbaute, bezifferte das Marktgleichgewicht ohne Milchkontingentierung auf rund 3,6 Millionen Tonnen Milch bei einem Preis von 62 bis 65 Rappen je Kilo. Eine Zahl, die zwei Jahre später wortwörtlich in einem der wichtigsten agrarpolitischen Dokumente der letzten 25 Jahre wieder auftauchen sollte.
«Ja, wir haben es gewusst»
Die entscheidende Frage an das BLW war die einfachste: Ist diese Studie damals überhaupt gelesen, geprüft, ernst genommen worden, oder verstaubte sie in einem Aktenschrank, während die Politik ihren eigenen Weg ging? Die Antwort des Amtes ist unmissverständlich: «Ja, wir haben es gewusst.» Die Ergebnisse der ETH-Studie sind in den Grundsatzentscheid zur Aufhebung der Milchkontingentierung eingeflossen und zwar nicht als Randnotiz, sondern direkt in die Botschaft zur Agrarpolitik 2007 des Bundesrates, ein 143-seitiges Dokument, das die BauernZeitung im Original eingesehen hat.
Bundesblatt 2002, Seite 4727 bis 4869. Ab Seite 4796 fasst der Bundesrat die «Ergebnisse der Evaluation» der beiden IAW-Studien in eigenen Worten zusammen. Die Milchkontingentierung, heisst es dort, habe den Produzentenpreis gestützt – dabei aber die Produktionskosten auf hohem Niveau eingefroren und strukturelle Überkapazitäten konserviert. Eine Aufhebung würde kurzfristig bei allen Milchbetrieben zu einer Ausdehnung der Produktion führen und rasch eine Preissenkung zur Folge haben.
Danach werde die Milchproduktion in vielen Betrieben aufgegeben, in anderen aber stark ausgedehnt – mittelfristig also eine Spezialisierung zwischen Regionen und Betriebstypen. Und, mit direktem Verweis auf die ETH-Zahlen: Das Marktgleichgewicht ohne Kontingentierung liege bei rund 3,6 Millionen Tonnen Milch und einem Preis von 62 bis 65 Rappen je Kilo – weshalb ein «sozial und strukturpolitisch verträglicher Ausstieg» nur in einem mehrjährigen Prozess erfolgen könne.
Die Studie lag also nicht vergessen in einer Schublade. Sie war die Rechengrundlage, auf der der Bundesrat seinen eigenen Ausstiegsfahrplan baute. Wer heute fragt, ob die Politik die Milchkrise habe kommen sehen: Sie hat nicht nur zugesehen. Sie hat mitgerechnet.
Ein Blick ins Zeitungsarchiv
Noch weiter zurück reicht ein Fund aus dem eigenen Archiv der BauernZeitung: Bereits am 14. September 2001 – ein Jahr vor der Botschaft AP07 – schrieb das BLW in einer eigenen Medienmitteilung, die frühe Einführung der Mengenbegrenzung habe die Schweiz gegenüber Europa stark an Konkurrenzfähigkeit verlieren lassen. Eine Folge, die bis dato nachwirke.
Das Amt bezog sich dabei ausdrücklich auf die Studie des Instituts für Agrarwirtschaft der ETH Zürich – und auf deren Befund, dass eine Milchwirtschaft ohne Mengenbeschränkung volkswirtschaftlich effizienter wäre und im Talgebiet eine jährliche Produktionsmenge zwischen 150 000 und 300 000 Kilogramm pro Betrieb betriebswirtschaftlich lohnend sein sollte.

Genau diese Zahl taucht ein Jahr später praktisch unverändert in der Botschaft zur Agrarpolitik 2007 wieder auf. Das BLW hat die Studie also nicht erst für seine eigene Botschaft entdeckt – es hatte ihre Kernbotschaft bereits ein Jahr zuvor öffentlich verbreitet.
Was das BLW nicht sagt
So bereitwillig das BLW die Kernfrage beantwortet, so auffällig ist, wo es schweigt. Von sieben Fragen, die die BauernZeitung gestellt hat, bleiben zwei ohne Antwort – und es sind ausgerechnet die unbequemsten.
Warum etwa hat sich die Schweiz für den vollständigen Ausstieg aus der Kontingentierung entschieden, statt eines der europäischen Übergangsmodelle zu übernehmen? Das französische Poolsystem hätte sich angeboten, oder das deutsch-dänische Börsenmodell, bei dem Kontingente über zentrale Verkaufsstellen gehandelt werden. Beides Systeme, die genau jene «Sofamelker»-Rente hätten begrenzen können, vor der die eigene Studie warnte. Und welche konkreten Begleitmassnahmen wurden 2009 tatsächlich getroffen, um den von der Studie ausdrücklich geforderten «geordneten» Ausstieg abzufedern? Auf beide Fragen: Schweigen.
Zwei Leerstellen, die sich nicht zufällig anfühlen. Denn genau an diesen beiden Punkten – Übergangsmodell und Begleitmassnahmen – hätte sich zeigen müssen, ob der Bundesrat aus der Studie nicht nur die Zahlen, sondern auch die Vorsicht übernommen hat, mit der die ETH-Autoren sie umrahmten. Sie schrieben ausdrücklich, eine Liberalisierung könne «nur langfristig» und nur mit «entsprechenden Begleitmassnahmen» geordnet ablaufen. Was diese Massnahmen im Ernstfall waren, sagt das BLW 25 Jahre später nicht. Das Amt hat eine weitere Prüfung in Aussicht gestellt – die BauernZeitung bleibt dran.
Was das BLW sagt
Auf drei weitere Fragen liefert das BLW dagegen präzise, teils überraschende Antworten:
Berg-Tal-Verlagerung nicht bestätigt: Anders als von der Studie modelliert, ist die vermarktete Milchmenge im Berggebiet seit Beginn des Ausstiegs 2006/07 stärker gestiegen als im Talgebiet – auch die Zahl der Milchbetriebe ist dort weniger stark zurückgegangen. Eine der acht Kernprognosen der Studie hat sich damit nicht erfüllt, sondern ins Gegenteil verkehrt.
Mutterkuhhaltung-Trend bestätigt: Der Milchkuhbestand ist in den letzten zehn Jahren um 10 Prozent geschrumpft, während der übrige Rindviehbestand – darunter die Mutterkühe – um 26 Prozent zugelegt hat. Genau die Ausweichbewegung, die die Studie 2000 vorhergesehen hat.
Kostenlücke weiterhin offen: Das BLW geht davon aus, dass der Kostenunterschied zur EU-Milchproduktion sich «immer noch in dieser Grössenordnung» von 25 bis 30 Rappen bewegt – ziemlich genau der Wert, den die ETH-Studie 2000 als Zielgrösse für zehn Jahre nannte. 25 Jahre später ist die Lücke nicht geschlossen. Nicht einmal annähernd.
Und auf die vielleicht persönlichste Frage – ob Bernard Lehmann unter seiner eigenen Führung als BLW-Direktor die Mengensteuerung nochmals aufgegriffen hat – antwortet das Amt klar: «Nein.» Eine staatliche Mengensteuerung sei kein Thema mehr gewesen. Stattdessen habe man die 2009 gegründete Branchenorganisation Milch und deren Selbsthilfemassnahmen wie die A/B/C-Segmentierung unterstützt, auch weil die EU ihre eigenen Milchquoten zur gleichen Zeit schrittweise abbaute und 2015 endgültig aufhob.
Für die Zukunft plant das BLW nach eigener Aussage keine neuen Instrumente zur Steuerung der Milchmenge oder zur Beschränkung von Importen. Mit der Agrarpolitik 2030+ sollen stattdessen die Zulage für verkäste Milch und die Fütterungszulage erhöht sowie die Motion Nicolet 21.4296 umgesetzt werden – eine Abgabe für Milchverarbeiter, wenn sie den europäischen Interventionspreis unterschreiten.
Zwei Jahre Aufschub
Bei einer der beiden offenen Fragen – der Verzögerung des Ausstiegs – lässt sich immerhin ein Teil der Antwort selbst rekonstruieren. Eine separate Zusatzbotschaft des Bundesrats vom 29. Mai 2002 zeigt: Der Ausstieg war ursprünglich anders geplant.
Gestuft über die Branchenorganisationen sollten ab 2004 zunächst Emmentaler, Gruyère und Vacherin fribourgeois eigene Mengenanpassungen beantragen können, ab 2005 die Biobetriebe aus der Kontingentierung fallen, ab 2006 die Bergbetriebe – mit vollständiger Aufhebung per 1. Mai 2007. Effektiv fiel die Kontingentierung aber erst am 1. Mai 2009, zwei Jahre später als geplant. Warum genau diese Verzögerung entstand, ist eine der beiden Fragen, auf die das BLW keine Antwort geliefert hat.
Viele Betriebe warteten diese Verzögerung gar nicht erst ab. Das Gesetz erlaubte es, bereits vorher aus der Kontingentierung auszusteigen – und am 1. Mai 2006 nutzten das rund 22 000 Milchbauern auf einen Schlag, organisiert in 28 eigens gegründeten Ausstiegsorganisationen. Drei Jahre vor dem offiziellen Ende hatte die Mehrheit der Branche das System also faktisch schon verlassen.
Man trinkt Tee statt Milchkaffee
Wie tief das Kontingentsdenken in den bäuerlichen Alltag hineinreichte, zeigt eine Episode aus jener Zeit. Der Zentralverband Schweizerischer Milchproduzenten wollte mit einem sogenannten Masshalterartikel jene Betriebe belohnen, die schon vor der Kontingentierung Mass gehalten hatten – eine Art nachträgliche Gerechtigkeit für die Bescheidenen.

Das Bundesamt stellte sich strikte dagegen, dafür Milch bereitzustellen, und schnürte den Verordnungsartikel so eng, dass nur wenige kleine Betriebe überhaupt in den Genuss kamen. Manche Landwirte reagierten auf ihre eigene Art: Sie fütterten ihre Kälber mit Milchersatzfuttermitteln statt mit eigener Milch und tranken selber Tee statt Milchkaffee – alles, um möglichst viel Verkehrsmilch abliefern zu können. Man muss eben stets das Gegenteil von dem tun, was in Bern gesagt wird, wie es damals sinngemäss hiess.
Der Testlauf: Käsefreihandel 2007
Zwei Jahre vor der Milchkontingent-Aufhebung, mitten in der von der Studie erwarteten Übergangsphase, öffnete sich der Schweizer Käsemarkt bereits vollständig für die EU: Zollabbau ab 2002, freier Käsehandel ab 1. Juni 2007. Was seither geschah, liest sich wie ein früher, kleinerer Praxistest für das, was die ETH-Studie für den gesamten Milchmarkt befürchtete. Der Inlandanteil bei Weichkäse ist seit der Marktöffnung kontinuierlich gesunken, Importware macht bei Brie- und Camembert-Typen mittlerweile zwischen 50 und über 80 Prozent aus. Auch der Export von Emmentaler AOP ist rückläufig.
Stephan Hagenbuch, bis Ende Juni 2026 Direktor der Schweizer Milchproduzenten SMP, hatte im Gespräch mit der BauernZeitung wiederholt auf eine «Blackbox» beim sogenannten Veredelungsverkehr hingewiesen: Verarbeiter können vergünstigtes ausländisches Milchpulver ohne vorgängige Kontrolle importieren, was den Preisdruck auf inländische Rohstoffe zusätzlich erhöht. Der Käsefreihandel bestätigt damit im Kleinen, was die ETH-Studie im Grossen befürchtete: Ohne geschlossene Kostenlücke setzt sich der Importdruck fort – ganz gleich, wie geordnet der politische Ausstieg auf dem Papier gestaltet wird.
Was vom «Marktgleichgewicht» übrig blieb
Die ETH-Studie rechnete 2000 mit einer Welt, die es heute so nicht mehr gibt: einer mit einem einzigen Milchpreis. Ihr Marktgleichgewicht von 62 bis 65 Rappen war als eine Zahl gedacht, bei der sich Angebot und Nachfrage nach der Kontingent-Aufhebung einpendeln würden. Die Realität von 2026 kennt diesen einen Preis nicht mehr – sie kennt drei.
Seit der Gründung der Branchenorganisation Milch 2009 wird die Schweizer Milch in die Segmente A, B und C aufgeteilt. A-Milch für den geschützten Inlandmarkt wird am besten bezahlt: Der Richtpreis liegt seit Anfang Februar 2026 bei 78 Rappen je Kilo, nachdem er zuvor gesenkt worden war. B-Milch, die exportorientiert verarbeitet wird, lag im Dezember 2025 bei 53 Rappen. Und C-Milch – der Überschuss, der praktisch zu Weltmarktpreisen für Butter und Magermilchpulver verkauft wird – stürzte bis Dezember 2025 auf 27,3 Rappen ab, weniger als ein Drittel des A-Preises.
Dazu kommt: Auch der Richtpreis ist nicht der Preis, den ein Betrieb tatsächlich auf dem Milchgeld-Ausweis sieht. Nach Auswertungen der Organisation Faire Märkte Schweiz liegen die effektiv ausbezahlten Preise regelmässig 11 bis 20 Rappen unter dem offiziellen A-Richtpreis – eine Differenz, die aus Transport-, Verwaltungs- und weiteren Abzügen entsteht.
Rechnet man den Mix aus den drei Segmenten zusammen, landet man bei einem effektiven Durchschnittspreis für Industriemilch, der in den letzten Jahren zwischen rund 67 und 75 Rappen je Liter gependelt hat – nicht weit entfernt von der ETH-Prognose. Doch dieser Durchschnitt verschleiert, wie ungleich die Realität für die einzelnen Betriebe ausfällt: Wer viel C-Milch liefert, weil sein Abnehmer die Menge nicht mehr im geschützten A-Segment unterbringt, liegt weit unter jedem kostendeckenden Niveau. Und kostendeckend, das zeigen Berechnungen von Agridea, wäre ohnehin erst ein Preis nahe einem Franken je Liter – deutlich über dem, was die ETH-Studie 2000 überhaupt für denkbar hielt.
Die Studie hat mit ihrer «25-bis-30-Rappen-Kostenlücke» also nicht falsch gerechnet. Sie hat nur nicht vorausgesehen, dass die Schweiz die Antwort darauf nicht in einem einzigen Marktpreis, sondern in einem dreistufigen Preissystem suchen würde – einem System, das seinen eigenen Bauern das Ergebnis der offenen Frage aus dem Jahr 2000 jeden Monat neu vor Augen führt: Wer die Kostenlücke nicht schliesst, zahlt sie über den Milchpreis weiter.
Eine Forderung, die nicht verschwindet
Dass eine verbindliche Mengensteuerung fehlt, ist keine akademische Fussnote mehr – es ist gerade 2026, mitten in der aktuellen Überproduktion, wieder zum Streitpunkt geworden. Am 19. Mai trafen sich Vertreterinnen und Vertreter von Uniterre, Big-M, des Bäuerlichen Zentrums Schweiz, vom Berner Bäuerlichen Komitee sowie Révolte agricole Westschweiz in Schönbühl BE und richteten zwei Forderungen an die Branche: Die SMP solle das Thema Mengensteuerung endlich an die Hand nehmen und einen konkreten Vorschlag ausarbeiten. Der Hintergrund war drastisch – der Milchpreis war teils um 20 Rappen pro Liter gefallen, bei Mooh, dem grössten Schweizer Milchabnehmer, erhielten Produzentinnen und Produzenten zu diesem Zeitpunkt im Schnitt nur noch 50 Rappen.
Faire Märkte Schweiz doppelte mit einem eigenen Fünf-Punkte-Konzept für einen «resilienten und fairen Milchmarkt» nach. Darin: eine Mengensteuerung, kombiniert mit einem Mindestpreis für A-Milch und für die ersten 180 000 Kilogramm, die jeder Betrieb liefert. Uniterre fordert im Kern dasselbe. Die SMP und die Branchenorganisation Milch reagierten zurückhaltend: Ein von einem europäischen Produzentenverband vorgeschlagenes Marktverantwortungsprogramm lehnten sie im Januar 2026 ab – es fehle, so ihre Begründung, an der politischen Unterstützung für eine solche Idee.
Auf der anderen Seite des politischen Spektrums klingt die Antwort auf dieselbe Krise ganz anders: Drei SVP-Nationalräte forderten im Januar 2026 in einem offenen Brief an Bundesrat Guy Parmelin nicht eine Mengensteuerung, sondern einen sofortigen Importstopp. Zwischen diesen beiden Polen – Mengensteuerung hier, Importabwehr dort – bewegt sich die Debatte, die im Kern schon die ETH-Studie von 2000 vorweggenommen hat: Wie viel Markt verträgt die Schweizer Milch, und wer trägt die Kosten, wenn der Markt allein es nicht richtet?
Die Einordnung für heute
Was bleibt, wenn man die acht Kernaussagen der ETH-Studie neben die heutige Realität legt? Kein triumphales «Wir haben es ja gewusst», sondern eine unbequemere Bilanz. Die meisten strukturellen Prognosen – Mutterkuhhaltung als Ausweichoption, anhaltende Kostenlücke, hohe Angebotselastizität, teure Kontingentsübertragung – haben sich bestätigt, teils bis auf die Rappen genau. Eine zentrale Modellannahme, die Verlagerung der Milchproduktion von Berg nach Tal, hat sich gemäss BLW nicht erfüllt; das Gegenteil ist eingetreten.
Und die Frage, die 2026 in jeder Milchpreis-Diskussion mitschwingt – braucht es wieder eine verbindliche Mengensteuerung? – ist nicht neu. Sie stand implizit schon 2000 im Raum. Beim Grundsatzentscheid des Parlaments vom 20. Juni 2003 galt ein privatrechtliches Nachfolgemodell zur Kontingentierung zunächst noch als möglich; das Parlament distanzierte sich davon aber im Lauf der Debatte und überliess die Mengenfrage stattdessen der Eigenverantwortung der Branche.
Unter BLW-Direktor Bernard Lehmann wurde die Frage ab 2011 nicht mehr aufgegriffen, und auch für die Zukunft schliesst das BLW eine staatliche Mengensteuerung explizit aus. Was das Amt stattdessen anbietet, sind marktnahe Korrekturen – höhere Zulagen, eine Abgabe bei Unterschreitung des EU‑Interventionspreises –, aber kein Rückgriff auf ein staatliches Steuerungsinstrument.
Am Ende bleibt ein Bild, das mehr sagt als jede einzelne Zahl: Der Bund kannte die Rechnung schon 2000. Er hat sie 2002 in seine eigene Botschaft übernommen. Und er hat sich trotzdem gegen die Leitplanken entschieden, die genau diese Rechnung als nötig bezeichnete. Was fehlt, ist nicht das Wissen. Was fehlt, ist die Antwort auf die Frage, warum daraus so wenig folgte.

