Herr Rimle, wann kommen Paare zu Ihnen in die Beratung?

Cornel Rimle: Wenn sie allein nicht mehr weiterkommen, selbst keine Lösungen finden. Manche Paare sind schon über 50. Seit einiger Zeit kommen vermehrt auch junge Paare, was mich besonders freut.

Warum entscheiden sich junge Paare für eine Beratung?

Sie lernen von klein auf, dass man sich beraten lassen darf, wenn man selbst nicht weiterkommt. Meine Generation denkt noch oft, man muss alles selbst können.

Welche Situationen erleben Sie in der Beratung immer wieder?

Viele Leute verwechseln Verliebtheit mit Liebe. Sie nehmen die Anfangszeit als Massstab für die Beziehung und glauben, dass man sich immer so fühlen muss. Der grosse Bruch passiert, wenn die Phase der Verliebtheit zu Ende geht und man anfangen muss zu reden. Die meisten Paare verpassen es in der Zeit, eine gute Streitkultur zu entwickeln.

Manche Paare sagen über sich, «wir streiten nie …»

Auch wenn man sich nie streitet, verletzt man sich. Man regt sich über die Partnerin oder den Partner auf, redet aber nicht darüber. Doch man speichert die damit verbunden negativen Gefühle ab. Das gibt Distanz.

Warum reden Paare nicht miteinander?

Am Anfang haben viele Angst, die Harmonie zu verlieren. Später befürchten sie eine Trennung.

Was wäre die Alternative zum Nichtreden?

Eine Gesprächs- und Streitkultur aufzubauen, bei der Verständnis entsteht. So kann aus Verliebtheit Liebe wachsen. Es geht darum, Themen ehrlich anzusprechen. Denn Beziehung heisst immer Anpassung. In einer schlechten Beziehung entsteht die Anpassung durch Druck, Resignation und Widerstand. In einer Beziehung mit guter Streitkultur entsteht der Konsens durch gegenseitiges Verständnis und weil man sich nicht unnötig verletzen möchte.

Aber was, wenn sich in den Gesprächen unterschiedliche Ansichten zeigen?

Besteht in einer Beziehung eine gute Gesprächs- und Streitkultur, haben die Eigenheiten beider Partner Platz. Denn Beziehungen gehen nicht wegen Unterschieden auseinander, sondern weil man nicht sorgfältig über die Unterschiede redet.

«Das System auf den Höfen fördert das Lebensmuster als Vermittler.»

Cornel Rimle

Was zeichnet eine gute Streitkultur aus?

Die Basis einer guten Streitkultur ist, dass ich meine Bedürfnisse kenne. Dazu muss ich wissen, was ich will, und das auch spüren. Dann muss ich lernen, meine Bedürfnisse klar auszudrücken. Das fällt vielen schwer, nicht zuletzt in der Landwirtschaft.

Wie meinen Sie das?

Oft ist der Hofnachfolger in der Tendenz ein Mensch, der harmonieliebend ist. Das System auf den Höfen fördert das Lebensmuster als Vermittler, und dies ist ein Teil der Störfaktoren in einer Beziehung.

Was heisst das?

Man wohnt und arbeitet am gleichen Ort, an dem man schon aufgewachsen ist. Dann kommt eine Frau von aussen ins System und der Mann fühlt sich «im Sandwich» zwischen Partnerin und Eltern. Die eigenen Bedürfnisse zu kennen, ist bei vielen Hofnachfolgern nicht ausgeprägt. Viele funktionieren einfach. Sie streben Harmonie an. Das Gefühl, es beiden Seiten nicht recht machen zu können, macht ohnmächtig und auch wütend.

Was können Bauernpaare tun?

Man muss die Rollen in der Landwirtschaft kennen und lernen, damit umzugehen. Die alte Generation muss Platz machen. Der junge Bauer muss lernen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken. Mann und Frau sollten ihre Anliegen ruhig und weich ansprechen. Meist hat nicht die eine oder die andere Person Schuld an einem Streit. Es ist vielmehr die Beziehungsdynamik, die zu Konflikten führt. Beide Partner müssen herausfinden, was ihnen guttut oder eben nicht. Das Ziel ist, eine spezifische Paar-Kommunikation zu entwickeln.

Wie sieht die ideale Paar-Kommunikation aus?

Das ist unterschiedlich, jedes Paar muss seine Variante finden. Doch aus meiner Erfahrung gehören zu einer stimmigen Kommunikation zwei Ebenen: miteinander reden und Körperkontakt. Diese Ebenen muss man pflegen. Bewährt haben sich dafür zwei Instrumente: Paar-Zeit und Haut-Zeit (Anmerkung der Redaktion: mehr dazu im Kasten). Lässt man eine oder sogar beide Ebenen vertrocknen, kippt die Beziehung.

Was macht eine stimmige Kommunikation aus?

Ein guter Gradmesser ist, wenn sich beide vom anderen verstanden und wertgeschätzt fühlen, trotz aller Unterschiedlichkeit. Schwierig ist es, wenn beide hartnäckig meinen, «ich habe recht, der andere liegt falsch». Dann bewegt sich nichts mehr und man sollte Hilfe holen. Es darf in einer Beziehung auch mal chlöpfe und tätsche und man muss nicht immer gleicher Meinung sein. Doch die Gespräche sollten zu gegenseitigem Verständnis führen. Und dann wird sich auch eine Lösung zeigen.


Cornel Rimle ist Bauernsohn, ausgebildeter Landwirt und Agronom. Seinen Hof übergab er aber vor einigen Jahren seinem Sohn. Er selbst machte sich nach diversen Weiterbildungen als Coach selbstständig. Mittlerweile sind 80 Prozent seiner Klientinnen und Klienten Paare. Cornel Rimles Buch «Beziehungskrise meistern! – Trennen oder bleiben?» erschien 2020 im Verlag «Beobachter-Edition». Für die BauernZeitung schreibt er regelmässig die Kolumne «Aus der Beratungspraxis».[IMG 2]

Weitere Informationen: www.cornelrimle.ch

Zeit zu zweit
Unsere Beziehung brauchen genauso Pflege wie unser Körper. In der Praxis bewährt habe sich aus Cornel Rimles Erfahrungen unter anderem folgende Fixzeiten:

Paar-Zeit
Bei der Paar-Zeit schenkt sich das Paar jede Woche 20 Minuten – ohne Störfaktoren. Jeder spricht zehn Minuten lang über die Gedanken und Gefühle, die ihn oder sie diese Woche bewegt haben. Ob Beruf, Beziehung oder Wohnen: Wo hat sich was bei mir verändert? Wie bin ich unterwegs? «Es geht darum, dem anderen sein Herz zu öffnen, dem Partner, der Partnerin zehn Minuten Aufmerksamkeit zu schenken», erklärt Cornel Rimle. Ehrlich, ohne Scheuklappen.

Die andere Person hört zu, ohne zu kommentieren, Ratschläge zu erteilen oder Vorwürfe zu machen. Auch nicht hinterher! Und wenn man etwas hört, dass einem zusetzt? «Kein grosse Kiste aufmachen. Es wirken lassen.»

Es geht bei der Paar-Zeit darum, die unterschiedlichen Sichtweisen zu teilen. Das kann bei einem Glas Wein sein, beim Spazierengehen oder auch indem man Rücken an Rücken sitzt. Es geht nicht darum, schwerwiegende Beziehungs-Diskussionen zu führen. Für die braucht es eine separate Gesprächszeit.

Haut-Zeit
Die Haut-Zeit funktioniert ähnlich, aber auf körperlicher Ebene: Man geniesst jede Woche für eine bestimmte Zeit den gemeinsamen Körperkontakt. «Wir haben die Tendenz, Körperkontakt auf die Sexualität zu reduzieren», weiss Cornel Rimle. «Doch in Stress-Zeiten fällt der Sex meist weg und dann haben viele Paare gar keinen Körperkontakt mehr.»

Bei der Haut-Zeit geht es ums gemeinsame Kuscheln, wie genau, ist jedem Paar selbst überlassen. Man darf dabei nackt sein, muss aber nicht. «Es sollte nicht das Vorspiel sein, um miteinander zu schlafen», betont Cornel Rimle. «Doch über den Körperkontakt fühlt man sich genährt und bekommt das Gefühl, der Mensch neben mir hat mich gern. Mit der Haut-Zeit hat ein Paar eine Begegnungsform, die auch in schlechten Phasen funktionieren kann.»
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